ZDFzoom „Lufthansa in Turbulenzen“: Der vermeintliche Chaos-Kranich

ZDFzoom „Lufthansa in Turbulenzen“: Der vermeintliche Chaos-Kranich

, aktualisiert 06. Juli 2017, 09:35 Uhr
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Die Vorwürfe gegen Deutschlands größte Fluggesellschaft wiegen schwer.

von Roman TyborskiQuelle:Handelsblatt Online

Das ZDF geht in einem Bericht mit Deutschlands größter Airline hart ins Gericht. Die Lufthansa vernachlässige die Sicherheit an Bord und behandele Mitarbeiter schlecht, um Kosten zu senken. Was ist dran an den Vorwürfen?

1. Mai 2017: Die Piloten einer Lufthansa-Maschine des Typs Bombardier CRJ 900 rufen die Luftnotlage aus. Das Flugzeug muss kurz nach dem Start in München wieder landen, weil sich im Cockpit Rauch gebildet hat. Ein dramatischer Zwischenfall während eines Lufthansa-Flugs – und das ist nicht der einzige in den vergangenen Jahren.

Dieser Vorfall wirft die Frage nach der Sicherheit bei Deutschlands größter Fluggesellschaft auf. ZDFzoom-Reporter Detlef Schwarz hat in seiner Reportage „Lufthansa in Turbulenzen“, die am späten Mittwochabend ausgestrahlt wurde, die Airline genauer unter die Lupe genommen. Wie ist es um die Lufthansa bestellt?

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Schwarz' Bilanz: Um im internationalen Wettbewerb mit anderen Fluggesellschaften mithalten zu können, vernachlässige die Airline aus Kostengründen die Sicherheit, den Service und die Arbeitsbedingungen. Es klingt niederschmetternd. Nur: Das Ergebnis des ZDF-Reporters stimmt nicht ganz.

Die Reportage beginnt mit einem Protest der Mitarbeiter von Lufthansa Technik in Hamburg. Der Standort mit 400 Mitarbeitern steht kurz vor der Schließung. Die Generalüberholungen der Flugzeuge soll nun überwiegend in ausländischen Zweigstellen auf den Philippinen oder in Bulgarien durchgeführt werden. 60 Jahre lang war das die Aufgabe der Hamburger Lufthansa-Mitarbeiter. Doch im globalen Wettbewerb sind die hochqualifizierten Techniker aus Deutschland schlichtweg zu teuer.

„Brisante Dokumente“, die dem Reporter zugespielt werden, legen allerdings nahe, dass die Arbeitsqualität der Generalüberholungen im philippinischen Manila nicht annähernd mit denen in Deutschland zu vergleichen wären. Ein Protokoll des Abschluss-Checks eines Airbus A380 weist auf gravierende Mängel hin, die noch nach der Generalüberholung bestanden hätten.

Bei einem Testflug habe sich wegen eines fehlerhaften Stellmotors des Höhenleitwerks ein „sehr schwerer Vorfall ereignet“. Schwarz behauptet, dass die schlechte Qualität der Flugzeug-Instandhaltung in den ausländischen Zweigstellen ein „streng gehütetes Geheimnis der Lufthansa“ sei.

Also ein Komplott der Lufthansa-Führung? Hier dramatisiert Schwarz schlichtweg die Fakten. Denn laut dem Protokoll bestanden zwar noch diverse Mängel, wodurch die Maschine nicht voll flugtauglich gewesen sei. In diesem Zustand hat der A380 der Lufthansa jedoch nie den Linienbetrieb aufgenommen. Der gravierende Mangel am Höhenleitwerk wurde noch in Manila erkannt und behoben. Die restlichen – weniger schwerwiegenden – Fehler wurden im Lufthansa-Hangar in Frankfurt am Main repariert.

Man kann sich nun darüber streiten, ob eine solche vermeidbare Arbeitsteilung wirtschaftlich sinnvoll ist. Der Vorwurf, die Lufthansa vernachlässige die Sicherheit, ist jedoch nicht haltbar. Der letzte Zwischenfall einer Lufthansa-Maschine im Linienbetrieb liegt mittlerweile 24 Jahre zurück.

Auch das jährliche Sicherheitsranking der Jacdec-Flugunfallforscher zeichnet ein anderes Bild. Hier landet die Lufthansa auf dem zwölften Platz. Nur die niederländische Airline KLM schneidet im europäischen Vergleich besser ab. Weit abgeschlagen hinter der Lufthansa befinden sich Turkish Airlines (Platz 50), Air France (Platz 42) und Ryanair (Platz 34).

Die deutschen Lufthansa-Techniker kommen in der Reportage auffällig gut weg. So würde eine Generalüberholung in Deutschland lediglich 86 Tage dauern und weitestgehend fehlerfrei verlaufen. In Manila dauere sie 110 Tage. Allerdings lassen Zitate wie zum Beispiel „man weiß bei der Geschäftsführung wohl sehr genau, was die deutschen Techniker können“ oder „die hochqualifizierten deutschen Techniker mussten die Fehler ausbügeln, die in der ausländischen Zweigstelle Manila gemacht wurden“ den Verdacht aufkommen, dass Reporter Schwarz ein wenig die Distanz zum Thema abhandengekommen ist. Die Hamburger Technikarbeiter werden als Opfer der Konzernführung dargestellt, die nur noch die Kostenreduktion im Kopf habe, obwohl die Airline im Vorjahr einen Rekordgewinn in Höhe von 1,75 Milliarden Euro erzielt hat. Hier greift die Analyse zu kurz.


Getränk im Pappbecher und ein Sandwich

Der Grund: Den verhältnismäßig hohen Gewinn hat die Lufthansa weniger der Kostenreduktion als vielmehr den gesunkenen Ölpreisen zu verdanken. Der Umbruch, den die Lufthansa eingeleitet hat, ist daher unumgänglich. Dass darunter die Qualität leidet, beispielsweise im Catering-Bereich, versucht Schwarz mit recht fragwürdigen Beispielen zu belegen. So würden in der Economy Class der Lufthansa Getränke in Papp- und Plastikbechern serviert und es gäbe „gerade mal ein Sandwich“ auf jedem Flug.

Schwarz' Darstellungen decken sich auch nicht mit der Bewertung der britischen Bewertungsfirma Skytrax, die die Qualität von Fluggesellschaften auswertet. Ende Juni hat Skytrax, deren Auszeichnung als „Oscars“ der Luftfahrtbranche gelten, die Lufthansa als beste Airline Europas mit dem begehrten fünften Stern ausgezeichnet. Weltweit haben den nur neun Premium-Airlines.

Genau an dieser Stelle kippt der Film – und die eigentliche These kommt zum Vorschein. Es geht weniger um die Flugsicherheit der Lufthansa. Auch nicht um die Qualität beziehungsweise den Premiumanspruch, den die Lufthansa für sich reklamiert, sondern in erster Linie um die Bodencrew der Airline, deren Arbeitsplätze dem globalen Wettbewerb zum Opfer fallen. Doch mit diesem Problem muss sich nicht nur die Lufthansa auseinandersetzen, sondern auch andere Konzerne in der Welt.

Debatten über die Fairness der Globalisierung gegenüber Arbeitnehmern gibt es etliche. Die Lufthansa versucht letztlich in der wirtschaftlichen Realität des internationalen Wettbewerbs zu bestehen, was auch der Lufthansa-Sprecher und ehemalige ZDF-Reporter Martin Leutke bestätigt: „Klar ist eins: Nur wer langfristig wettbewerbsfähig ist und die richtige Kostenstruktur hat, der kann auch langfristig im Wettbewerb mitmachen.“

Die ZDF-Reportage „Lufthansa in Turbulenzen“ schießt daher ein wenig über das Ziel hinaus. Man kann dem Konzern zwar durchaus vorwerfen, dass sie durch die aggressive Kostenreduzierung den Premiumanspruch der Marke in Gefahr bringen könnte – was derzeit noch nicht der Fall ist – und Mitarbeiter stark verunsichere. Dass das jedoch auf Kosten der Flugsicherheit ginge, ist schlichtweg falsch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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