Herbert von Karajan: "Er hatte den Groove"

Herbert von Karajan: "Er hatte den Groove"

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Mezzosopranistin Christa Ludwig

Zum 100. Geburtstag Herbert von Karajans ein Gespräch mit der Mezzosopranistin Christa Ludwig über ihre Zusammenarbeit mit dem Dirigenten, lange Arme und Musik, die sie zum Weinen bringt.

WirtschaftsWoche: Frau Ludwig, vor Ihrem Haus in Südfrankreich standen drei Zypressen in Erinnerung an die wichtigsten Dirigenten in Ihrem Leben: Karl Böhm, Herbert von Karajan...

Ludwig: ...und Leonard Bernstein, richtig. Zypresse Bernstein war die größte.

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Bernstein! Um Himmels willen! Wir wollten mit Ihnen über die Größe Karajans sprechen...

Aber nicht, ohne auch über die beiden anderen ein paar Worte zu verlieren: Böhm holte mich 1955 aus der Provinz an die Wiener Staatsoper, da war ich 26. Er hat mich gelehrt, jede Pause, jeden Bogen, jede Sechzehntelnote zu achten. Er war die Präzision in Person, penibel exakt.

...während Karajan es mit den Noten zuweilen nicht ganz so genau nahm...

...und Wert legte auf die schöne Phrasierung, den Wohlklang, den Fluss, das Legato. Heute würde man sagen, Karajan habe den „Groove“ gehabt. Im letzten Abschnitt von Mahlers „Lied von der Erde“, im „Abschied“, gibt es eine Stelle, in der das Solo-Cello aufhört zu spielen und in der der Altist mit demselben Ton einsetzen muss. Ich werde nie vergessen, wie Karajan gesagt hat: „Christa, Sie müssen den Ton des Cellos nachmachen, damit der Übergang perfekt ist.“ So war der Karajan: Uns Sängern hat er gesagt, wir sollen hören, wie die Philharmoniker spielen – und entsprechend singen. Und den Philharmonikern hat er gesagt, sie sollen hören, wie wir singen – und entsprechend spielen. Diese Harmonie, die war was Wunderbares.

Sie denken bei Mahlers „Abschied“ nicht an Ihre wundervolle frühe Aufnahme mit Otto Klemperer?

Ach, wissen Sie was: Bei Klemperer habe ich den „Abschied“ damals gesungen, nicht empfunden. Als ich Klemperer nach der Bedeutung des musikalischen Zwischenspiels fragte, sagte er mir, es handele sich um einen Trauermarsch. Ach so, naja, habe ich damals gedacht – und so getan, als hätte ich es verstanden. Klemperer selbst, das war ganz sonderbar, der machte gar nichts – und es war immer richtig. Der saß da mit seiner Pfeife im Mund und schlug den Takt, nichts weiter. Er hatte kein Charisma, er dirigierte nur – perfekt.

Und Karajan? Konnte der die Welt mit seinem Charisma entzünden?

Es gibt heute nichts Vergleichbares. Karajan stand nicht nur für die hehre Klassik, sondern auch für die Schau drum herum. Wie Bernstein übrigens auch. Die beiden waren ja immer schick angezogen, die Locke in der Stirn, sahen blendend aus – und kaum steckten sie ihre Nase in den Saal, fing das Publikum an zu brüllen.

Nikolaus Harnoncourt, der der Musik ihre Kanten zurückgab, hat Karajan indirekt vorgeworfen, die Klassik zur „Abend-Behübschung“ zu degradieren.

Was soll das? Allen, die so was sagen, möchte man antworten: Was guckt die Katz’ den Kaiser an? Ich habe Harnoncourt zuerst nicht gemocht. Als er etwa sagte, noch keiner habe Figaros Hochzeit richtig dirigiert – so was macht man doch nicht. Dann aber habe ich irgendwann im Radio das Miserere aus Mozarts Requiem gehört – und Harnoncourt hat dieses Wiegenlied mit Einwürfen aus dem Orchester gestört, wie man es bisher nicht gehört hatte. Also, ich glaube, was er macht, ist gut. Er hat der Musik was aufregend Neues gebracht.

Und was bleibt von Karajan?

Jede Zeit hat ihren Geschmack. Seit zwei Jahrzehnten ist es schick, die Nase über Karajan zu rümpfen. Aber das heißt nicht, dass Karajans Goldklang sich überlebt hätte. Karajan hat im Orchester viele Stimmen verdoppelt. Und ich finde, er hatte recht. Beethoven oder Brahms haben ihre Symphonien zum Teil vor 30, 40 Leuten aufgeführt, das ist halt was anderes, als Symphonien vor 2000 Leuten aufzuführen.

Es heißt, Karajan habe bei der Suche nach seinem Klangideal keine Rücksichten genommen, auch nicht auf die Stimmen der Sänger.

Das stimmt nicht. Karajan wusste: Ein Sänger kann nicht jeden Tag gleich singen, ist an einem Tag schwerer bei Atem als an einem anderen. Deshalb machte er manchmal einen langen Arm, verlangsamte die Musik, damit man wieder Luft nehmen konnte. Technisch helfen, das können viele. Aber praktisch spüren, wann Hilfe nötig war, das konnte keiner so gut wie Karajan. Ich erinnere mich an eine „Isolde“, die am Schluss Mühe mit ihrem „Liebestod“ hatte. Da wurde Karajan mit dem Orchester so laut, dass man die Stimme nicht mehr hören konnte. Die Kritik hat Karajan damals getadelt, er habe die Sängerin zugedeckt. Die Wahrheit ist: Er hat sie gnädig gestützt.

Hat er auch bei Ihnen mal nachgeholfen?

Aber sicher. Die Leonore im Fidelio ist ja etwas zu hoch für meine Stimme, da wollte ich hin und wieder ein bisschen schneller über die Bergzüge. Für Karajan kein Problem. Mit Hans Knappertsbusch hingegen habe ich die Leonore nie gesungen: Der war mir zu langsam.Und wie verhielt sich Karajan hinter den Kulissen? Es heißt, er habe den Kontakt zu Musikern und Sängern gemieden.

Und wie verhielt sich Karajan hinter den Kulissen? Es heißt, er habe den Kontakt zu Musikern und Sängern gemieden.

Unsinn. Als er mich nach Salzburg eingeladen hatte, die Brünnhilde zu singen, habe ich zwei Monate vor der Premiere abgesagt. Ich habe mir die Strapazen einfach nicht zugetraut. Und, was passierte? Karajan sagte: „Christa, Sie sind wie eine Katze.“ Und als ich fragte, wie er das meinte, sagte er: „Ein Hund gehorcht, wenn man ihm befiehlt, in den Abgrund zu springen – eine Katze nicht.“ Kurzum: Er hat’s akzeptiert – und mich hernach wieder engagiert. Man muss nur Mut haben, „Nein“ zu sagen. Tut man’s nicht, darf man sich nicht hinterher beim Dirigenten beschweren.

Welche Aufnahmen Karajans hören Sie heute am liebsten?

Mahler und Bruckner. Bruckners Siebte, ach, da lege ich mich ins Bett und fange an zu weinen. Ich bin erschüttert über diese Musik, wirklich wahr, die gräbt sich tief in mich hinein. Ich glaube, das ist das Einzige, was ich seit meinem Karriereende vermisse: Bei Mahlers zweiter oder dritter Symphonie nicht im Orchester zu sitzen, auf meinen Einsatz zu warten und die anbrandenden Klangwellen zu hören, den Schwall der Streicher – das ist so herrlich, ein erotisches Erlebnis.

Mahler ist eigentlich Bernsteins Terrain.

Bernstein hat die Tiefe der Musik, nicht nur die von Mahler, förmlich ausgestrahlt. Es war vielleicht manchmal nicht „schön“, was er gemacht hat, aber es war „ehrlich“, durch und durch empfunden. Die anderen, auch Karajan, waren geniale Dirigenten. Bernstein aber war ein Genie.

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