Cannabis in der Medizin: Hanf-Medikamente auf dem Vormarsch

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Cannabis in der Medizin: Hanf-Medikamente auf dem Vormarsch

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Hanfblüten lassen sich auch als Medikamente nutzen

von Jürgen Salz

Hanf-Präparate helfen Schwerkranken gegen Schmerzen. Die Regierung will nun dafür sorgen, dass Kranke Cannabis-Medikamente bekommen und dafür Hanf in Deutschland anbauen lassen. Die Kassen sollen die Kosten übernehmen.

„Ein Hanf-Medikament hat mein Leben gerettet“, sagt Ute Köhler. Vierzehn Jahre lang litt die 61-Jährige Thüringerin infolge einer Operation unter starken Schmerzen, Erschöpfung und Schlafstörungen. Die Frührentnerin galt bei den Ärzten als „austherapiert“ – als ein hoffnungsloser Fall. Bis sie ihr Schmerztherapeut auf Dronabinol aufmerksam machte: „Das war, als hätte jemand den Schalter umgelegt.“ Die Schmerzen gingen weitgehend zurück, erstmals seit längerer Zeit konnte Köhler wieder durchschlafen, psychisch ging es ihr viel besser.

Dronabinol entsteht aus der Hanfpflanze, genauer gesagt aus deren Wirkstoff Thc, der vom Hersteller Bionorica chemisch aufbereitet wird. Das  bayerische Unternehmen aus Neumarkt in der Oberpfalz ist ansonsten eher für seine Erkältungsmittel Sinupret und Bronchipret bekannt.

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Nicht nur Patienten, auch immer mehr Mediziner und Gesundheitspolitiker setzen auf die heilende Wirkung von Cannabis, das Schmerzen lindert, entzündungshemmend wirkt und oft weniger gefährliche Nebenwirkungen zeigt als etwa Morphine oder Opiate.  Die Bundesregierung, will nun dafür sorgen, dass schwerkranke Patienten auf Kassenrezept ihren Medizinalhanf  aus der Apotheke erhalten und, so steht es in einem Gesetzentwurf,  dafür sogar Hanf in Deutschland anbauen lassen.  Der staatlich kontrollierte Hanfanbau soll dann von der deutschen Arznei-Zulassungsbehörde, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) kontrolliert werden. Das BfArM vergibt dann den Züchtungsauftrag an private Anbieter, etwa landwirtschaftliche Betriebe. Mitte 2016 könnte das Gesetz in Kraft treten.

„Stoff für Herz und Hirn“

Cannabis-Medikamente helfen nicht nur bei Schmerzen, sondern zeigen auch  bei multipler Sklerose, der Augenkrankheit Grüner Star oder dem Tourette-Syndrom oftmals gute Heilerfolge. „Wir erleben im klinischen Alltag immer wieder, dass es Schmerzpatienten gibt, die vom Einsatz von Cannabinoiden stark profitieren“, sagt Michael Schäfer, der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft.

Eine vom Schweizer Bundesamt für Gesundheit finanzierte Studie bescheinigte Cannabis-Medikamenten erst kürzlich ein „vielversprechendes Heilmittelpotenzial“.  Und selbst die „Apotheken Umschau“ preist medizinisches Cannabis neuerdings als „Stoff für Herz und Hirn“.

Bislang fehlen allerdings aussagefähige Studien, vor allem zu Langzeitwirkungen. Bei Jugendlichen ist Vorsicht geboten. Das Gros der Cannabis-Patienten ist allerdings im fortgeschrittenen Alter, so Schäfer. Das Suchtrisiko bei medizinischem  Cannabis hält der Schmerzmediziner  für „gering“.

Wie Cannabis konsumiert wird

  • Der Wirkstoff

    Tetrahydrocannabinol (THC). Je höher der THC-Gehalt, desto heftiger die Wirkung.

  • Marihuana (Gras)

    Getrocknete Blütenstände und Blätter. Wird als Joint oder in der Pfeife geraucht, meist zusammen mit Tabak.
    THC-Gehalt: 14/20
    Verbreitung: hoch

  • Haschisch (Hasch, Shit, Chocolate)

    Harz der Blütenstände, meist zu Platten („Pieces“) gepresst. Wird als Joint und in der Pfeife geraucht oder vermischt mit Lebensmitteln: etwa verbacken als Keks.
    THC-Gehalt: 10/30
    Verbreitung: mittel

  • Haschischöl

    Dickflüssiges Extrakt aus Cannabisharz. Wird geraucht als Joint und in der Pfeife oder vermischt mit Lebensmitteln.
    THC-Gehalt: 20/50
    Verbreitung: niedrig

    Quelle: eigene Recherche, LKA Düsseldorf

Tatsächlich gibt es allerdings bislang nur ein Cannabis-Präparat, das in Deutschland als Arzneimittel zugelassen ist: Das Mittel Sativex des spanischen Herstellers Almirall hilft gegen spastische Krämpfe bei multipler Sklerose. Zwischen 2000 und 3000 Patienten profitieren pro Jahr von dem Mittel. Die Kassen zahlen in der Regel nur, wenn die vorgeschriebene Anwendung genau eingehalten wird.

Bei Dronabinol – dem Medikament der Thüringerin  Köhler ­-  sind die Kassen nicht zur Zahlung verpflichtet, da es lediglich als Betäubungsmittel zugelassen ist.  Die 600 bis 700 Euro kostet das Medikament im Monat; den Betrag müssen  die Patienten in der Regel selbst aufbringen. Die Frührentnerin Köhler sagt, dass sie ohne die finanzielle Hilfe von Bekannten  aufgeschmissen wäre.

Erst kürzlich ist Bionorica-Chef Michael Popp mit einem Versuch gescheitert, Dronabinol unter dem Markennamen Kachexol als Arzneimittel zuzulassen und damit die Chance auf eine Kassen-Erstattung zu erhalten. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte lehnte den Antrag ab. Bionorica muss nun teure, klinische Studien mit Patienten durchführen – die begehrte Zulassung als Arzneimittel dürfte  das Unternehmen erst in  drei bis vier Jahren erhalten.

Selbst zahlen müssen bislang auch rund 400 Patienten, die  mittels einer Sondergenehmigung   ihre Hanfblüten aus der Apotheke erhalten. Die Bundesopiumstelle, eine Unterabteilung des BfArM, erteilt die Erlaubnis jedoch nur, wenn den Schmerzkranken nichts anderes mehr hilft. Nach dem Willen der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) sollen künftig die Kassen für den Medizinalhanf aufkommen. 

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