Chemieindustrie: Gesucht wird die neue Formel für Ideen

Chemieindustrie: Gesucht wird die neue Formel für Ideen

, aktualisiert 04. April 2017, 18:58 Uhr
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Rund 100 Manager aus der Branche kamen zu dem Strategietreffen nach Frankfurt.

von Bert FröndhoffQuelle:Handelsblatt Online

Im globalen Wettbewerb muss die deutsche Chemiebranche innovativer werden. Auf der Handelsblatt-Chemietagung in Frankfurt raten Experten zu mehr Kooperation mit Kunden und anderen Industrien.

FrankfurtKlaus Griesar hatte die Lacher im Saal auf seiner Seite, als er ein Cover des britischen Wirtschaftsmagazins Economist zeigte. Auf der Fotomontage ist die berühmte Skulptur „Der Denker“ von Auguste Rodin zu sehen – allerdings nicht auf einem Stein hockend, sondern auf dem Klo. „Werden wir so etwas Sinnvolles noch einmal erfinden?“, heißt es in der Denkblase. Was lustig wirkt, ist ernst gemeint: Es beleuchtet die Sorge, dass Unternehmen nicht mehr innovativ genug sind.

Griesar ist einer der Top-Innovationsmanager beim Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck und verantwortet dort die weltweiten Kooperationen mit Hochschulen. Auf der Handelsblatt-Jahrestagung Chemie in Frankfurt rief er die Chemie-Unternehmen zu mehr Zusammenarbeit mit Kunden und Firmen aus anderen Branchen auf. Diese Botschaft hatten auch die anderen Redner auf dem Handelsblatt-Strategietreff, zu dem am heutigen Dienstag rund 100 Manager kamen.

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Die Chancen für die deutschen Chemiefirmen schätzen Experten noch immer als sehr hoch ein. Um globale Herausforderungen wie Mobilität, Verstädterung und stärkere Nachhaltigkeit zu bewältigen, sind neue Kunststoff und Chemikalien grundlegend wichtig. Und noch immer gelten die deutschen Anbieter als führend in der Forschung und Entwicklung weltweit. Doch andere Länder wie China holen rasant auf. „Wenn wir unsere Position erfolgreich verteidigen wollen, müssen wir innovativer werden“, warnte Peter Nagler, der frühere Chief Innovation Officer bei Evonik.

Das Thema Innovation hat für die deutsche und die westliche Chemieindustrie auch deshalb an Brisanz gewonnen, weil das generelle Wachstum deutlich nachgelassen hat. Klammert man die Pharmabranche aus der Chemiestatistik aus, ist die deutsche Chemieproduktion zum Beispiel seit 2012 bereits leicht geschrumpft. „Das Wachstumsmodell der letzten 20 Jahre ist nicht mehr gültig“, sagt Holger Meincke, der Chefvolkswirt des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI).

Der Branchenverband geht davon aus, dass sich das globale Industriewachstum in der Zeit von 2013 bis 2030 auf gut drei Prozent pro Jahr halbiert – gegenüber mehr als sechs Prozent in der Dekade davor. Hauptursache dafür ist die Tatsache, dass der Investitionsboom und damit auch das Industriewachstum in Schwellenmärkten wie China deutlich an Schwung verloren haben. Zudem verlagert sich das Wachstum auch in diesen Ländern zusehends in Dienstleistungsbereiche, die weniger Chemie benötigen.

Umso mehr sind Innovationen gefragt, Dazu zählen nicht nur neue Produkte allein, sondern die Art, wie sie entwickelt werden. Nötig ist eine neue Formel für Ideen. Die Experten auf der Handelsblatt-Chemietagung forderten ein Umdenken: Statt nur an neuen Molekülen zu arbeiten, müssten moderne Chemiefirmen Problemlösungen schaffen. Nagler empfiehlt dazu die Zusammenarbeit mit Start-ups und mit Unternehmen aus anderen Industrien. Evonik gehe bewusst auf solche Firmen zu, um mit ihnen gemeinsam zu entwickeln.


Vom reinen Produkt zur Kombination mit Service

Branchenexperten wie Frank Jenner prognostizieren, dass sich die Chemieindustrie in den kommenden Jahren vom Fokus aufs einzelne Produkt verabschieden muss. Die Zeit der reinen Teilchenzulieferer sei vorbei: „Kunden verlangen nach Kombinationen von Produkt und Services“, sagte der Leiter des globalen Chemiegeschäfts bei der Unternehmensberatung EY. Bei der Kundenorientierung sieht Jenner in der Chemiebranche noch große Defizite. Sein Rat: Die Hersteller sollten mit produktübergreifend zusammengestellten Teams viel enger mit ihren Abnehmern neue Angebote entwickeln.

Die Digitalisierung bietet dafür die nötigen Instrumente und Daten. Auch die Chemie wird von Vernetzung und Datenanalyse erfasst. Das zeigt sich beispielsweise bei Branchenführer BASF. Um Forschung und Entwicklung schneller zu machen, kooperieren die Ludwigshafener mit dem kalifornischen IT-Konzern Hewlett-Packard. Sie wollen eine Art Supercomputer für die chemische Forschung schaffen, der große Kapazität für virtuelle Experimente besitzt.

Digitalisierung und Vernetzung biete auch die Chance, dass „Forscher näher an den Markt rücken“, erläuterte Martin Vollmer, Chief Technology Officer beim Spezialchemieherstellers Clariant. Die Schweizer haben gute Erfahrungen mit neuen Teams aus den verschiedenen Bereichen und Regionen des Konzerns gemacht. „Da kommen unglaublich gute Ideen auf den Tisch“, sagt Vollmer. Mit Kunden aus der Ölindustrie entwickelte Clariant eine App, mit der die Lieferkette an Standorten exakt per Tablet analysiert und gesteuert werden kann.

Durch eine enge Zusammenarbeit mit Kunden und anderen Industrien könnten Fehler vermieden werden, wie sie der Branche früher passiert sind, sagte Günter von Au, Vizepräsident des Verwaltungsrates von Clariant und Leiter der Handelsblatt-Tagung. Hätte man sich zum Beispiel bereits in frühen 2000er-Jahren auf die Elektromobilität ausgerichtet und den Rückzug von Firmen und Universitäten aus der Elektrochemie vermieden, wären die deutsche Chemie und die Autoindustrie in Sachen leistungsfähige Batterien weitaus besser positioniert.

Chemieunternehmen stünden heute vor der Frage ob sie weiterhin nur ein spezialisierter Zulieferer bleiben oder mehr vom Geschäft abbekommen wollen, erläutert Sven Mandewirth, Partner bei der Unternehmensberatung Camelot. Dies zeige sich derzeit in der Agrochemie. Bayer und Monsanto liefern nicht nur Pflanzenschutzmittel und Saatgut, sondern entwickeln Software und IT für die digital gesteuerte Landwirtschaft.

Dabei treffen sie auf völlig neue Konkurrenten, denn die Hersteller von Traktoren und Mähdreschern arbeiten an ähnlichen Lösungen. Wie dieser Machtkampf am Ende ausgeht, ist aus Sicht von EY-Chemiefachmann Frank Jenner offen. Die Chemie habe gute Chancen, doch „die Würfel sind noch nicht gefallen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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