Was wäre, wenn?: Rupert und Martin und Wendelin

Was wäre, wenn?: Rupert und Martin und Wendelin

, aktualisiert 10. März 2017, 19:27 Uhr
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„Die visionäre Kolumne“ überschreitet die Grenzen zur Fantasie – und zeigt eine Welt haarscharf neben der Wirklichkeit.

von Rüdiger Schmitz-NormannQuelle:Handelsblatt Online

Ein Autobesitzer glaubt beim Dieselskandal tatsächlich den Beteuerungen der Hersteller. Deren Gelächter hallt weit über den Bodensee. „Die visionäre Kolumne“, exklusiv aus unserer App Handelsblatt 10.

Kurz vor Pfingsten wird am Rande des australischen Outbacks der einzige Autobesitzer der Welt gefunden, der bis zum Dieselskandal den Verbrauchs- und Schadstoffangaben seines Lieblingsherstellers immer geglaubt hat. Der Tourguide war stets davon ausgegangen, dass seine Tanknadel nicht richtig funktionierte – und hatte, weil in seiner Gegend das Tankstellennetz recht ausgedünnt ist, deswegen mehrfach lautstarke Auseinandersetzungen mit seinem lokalen Händler. Er war ehrlich entrüstet ob der Unverfrorenheit der Techniker. Noch immer glaubt er, dass die Führungsetage des Konzerns nichts davon wusste und dass andere Autohersteller ihre Schadstoffwerte wahrheitsgemäß angeben.

Wann immer von diesem Mann die Rede ist, herrscht in den Villen am Starnberger See und den Münchner Edelbezirken große Heiterkeit. Besonders in Martins Oberföhringer Domizil, das früher einmal dem Wolfgang aus der großen Autodynastie gehört hat, kommen die weiß gewandeten Bedienungen an solchen Abenden kaum noch nach mit Cognacs und Cohibas. „Martin“, rufen dann alle, „Chapeau!“ Und prosten dem gerahmten Platzdeckchen über dem Humidor zu. „3100 Euro!“ ist darauf gestickt, „Am Tag!“. Jedes Mal, wenn die Eingangstür sich öffnet, schauen alle, ob vielleicht Rupert noch kommt, um mit ihnen gemeinsam den Abend am Ende des Tages zu genießen. Und jedes Mal sind sie ein wenig enttäuscht. Rupert lässt sich noch ein wenig Zeit.

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Auch als sich neulich alle am Bodensee auf Wendelins nachtmeerblau lackierter Jacht getroffen haben, um den Sonnenuntergang über Romanshorn zu genießen, war er nicht dabei. Ein Hilfsmatrose, der auf dem Unterdeck die Dinkelacker-Schuhe der anwesenden Gäste bürstete, hörte aus dem Salon Wortfetzen wie „Opel“, „Elektro“, „Ausschuss“ und „Strafe“, verbunden mit ausdauerndem Gelächter. Doch darüber konnte er nicht weiter nachdenken, weil sein Bruder ihn in den Maschinenraum rief: Dem bis dahin immer zuverlässigen TDI-Marine-Motor war der Treibstoff schneller ausgegangen als erwartet. Das bereitete den beiden ein wenig Sorgen – weil doch die Gäste am nächsten Morgen alle wieder früh an Land mussten. Sie wollten nach Australien fliegen: Die Tour ins Outback war schließlich schon lange gebucht.

Dieser Artikel ist exklusiv in der Smartphone-App Handelsblatt 10 erschienen, die jeden Tag mit 10 Autorenstücken die wichtigsten Themen des Tages zusammenfasst. Was Handelsblatt 10 alles zu bieten hat, erfahren Sie hier.

Quelle:  Handelsblatt Online
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