Apple-Keynote: Gute Software, schlechte Software

Apple-Keynote: Gute Software, schlechte Software

, aktualisiert 22. März 2016, 06:23 Uhr
von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

In seiner Keynote doziert Apple-Chef Tim Cook über Datenschutz und Ökologie. Innovative Produkte sind hingegen erst einmal nicht in Sicht. Das ist eine recht kurzfristige Strategie. Eine Einordnung.

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Zur Produktvorstellung von Apple steht der CEO auf der Bühne und spricht über Moral.

San FranciscoUm Tim Cook zu verstehen, müssen Analysten einen Blick ins Regal der amerikanischen Biomarkt-Kette Whole Foods werfen. Dort können Kunden ein Getränk namens „Kale Yeah” erwerben. Das Getränk besteht laut Packungsbeilage nur aus Wasser mit ein wenig Grünkohl-, Ananas - und Selleriegeschmack. Doch tut dies dem Wert keinen Abbruch. Der Liter kostet stolze 10,99 Dollar.

Rational lässt sich das schwer erklären. Eher schon mit dem wohlig-wolkigen Gefühl, das Erwerb und Konsum in der Magengrube des ökobewussten Kunden hervorrufen. Ein bisschen so ist es doch auch mit Apple-Produkten, muss sich Cook da gedacht haben, als er die Präsentation der Frühjahrs-Keynote vorbereitete.

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Dieses Jahr nämlich warteten die Apple-Jünger vergeblich auf neue Spielzeuge und technische Sensationen. Cook servierte dem Publikum stattdessen ein Soufflé warmer Worte, die vor allem suggerierten, mit dem Kauf eines Apple-Produktes sei der Verfall der guten Sitten quasi aufzuhalten.

FBI hat offenbar Weg ins iPhone gefunden

„Wir sind fest davon überzeugt, dass wir eine Verantwortung haben, die Daten und die Privatsphäre der Nutzer zu schützen”, sagte der 55-Jährige auf der Bühne. „Wir alle zusammen müssen entscheiden, wieviel Macht die Regierung über unsere Daten haben soll.” Die Bemerkung zielte Richtung FBI, mit dem der Konzern seit Wochen streitet. Apple soll nach dem Willen der Behörde die Sicherheit seiner iOS-Software gezielt schwächen, um den Behörden den Zugriff auf Daten zu erleichtern.

Dass er die Botschaft erneut ans Publikum brachte, ist kein Zufall. Eigentlich sollten sich Apple und die Regierung am Dienstag zum nächsten Schlagabtausch vor dem District Court im kalifornischen Riverside treffen. Wenige Stunden nach der Rede wurde der Termin jedoch verschoben.

Grund dafür war allerdings nicht Cooks Rede, sondern ein Statement des FBI. Demnach will die Behörde mit Hilfe Dritter womöglich einen eigenen Weg ins iPhone gefunden haben, weshalb die zuständige Richterin Aufschub gewährte.


Was Apple jetzt braucht

Doch der Umgang mit Daten war nicht das einzige Thema jenseits der versprochenen Neuheiten. Auch in Ökofragen wollte Apple besonders gut auszusehen, forderte mehr Umweltbewusstsein von den Kunden und präsentierte Recycle-Roboter Liam, der iPhones auseinander schraubt. Das passt so gar nicht dazu, dass Apple jedes Jahr mit neuen Produkten quasi dazu auffordert, alte Gerätschaft samt zugehöriger Elektronik zu entsorgen.

Bei so viel Politik ging es um neue Produkte nur am Rande. Wie bereits vermutet, präsentierte Apple das neue Smartphone iPhone SE. Es ist mit einem 4-Zoll-Bildschirm nur so groß wie das alte iPhone 5S, besitzt aber die Prozessor- und Grafik-Leistung des aktuellen iPhone 6S. Es soll mit einem Preis von 399 Dollar (16GB) beziehungsweise 499 Dollar (32GB) die schwächelnden Verkaufszahlen der Smartphones ankurbeln.

Hinter der Moralin-Front sieht es nämlich wenig rosig aus. Noch fährt Apple, wertvollstes Unternehmen Welt, die üblichen Rekordergebnisse ein. Doch der Boom stockt, vor allem wegen der mageren iPhone-Verkäufe, an denen fast zwei Drittel der Einnahmen hängen.

Sicher, Moral gehört zur DNA des Apple-Konzerns, den Ex-Hippie Steve Jobs einmal als freundliche Anti-Firma zum quasi-stalinistischen IBM gründete. In dem historischen Streit mit den datengierigen Behörden muss Cook Stellung zu beziehen. Und die Werte einer Marke, zum Beispiel in punkto Ökologie, sind für Millennials, den Kunden von Morgen, ganz sicher kaufentscheidend.

Doch will Apple langfristig seinen Status als Innovationsmotor sichern, braucht es vor allem innovative Produkte. Oder um es in einer Variation des Zitats von Oscar Wilde zu sagen: So etwas wie moralische oder unmoralische Software gibt es nicht. Software ist entweder gut oder schlecht geschrieben. Weiter nichts.

Quelle:  Handelsblatt Online
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