Digitales Lernen: Per App zum Medizin-Examen

Digitales Lernen: Per App zum Medizin-Examen

, aktualisiert 03. Mai 2017, 15:08 Uhr
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Statt Bücher landen immer mehr Laptops und Tablets auf den Tischen von Medizin-Studenten.

von Tobias BrunnerQuelle:Handelsblatt Online

Viele Medizin-Studenten lernen inzwischen lieber online statt mit Büchern. Das hat der Entwickler Miamed frühzeitig erkannt und sich mit App und Website als Marktführer etabliert. Doch die Konkurrenz nimmt zu.

DüsseldorfWenn Natalie Schröder sich an den Schreibtisch setzt und für ihr Medizinstudium lernt, dann greift sie immer seltener zu ihren Büchern – sondern zu ihrem Laptop. Ihr Ziel: die Website „Amboss“, eine digitale Wissensdatenbank zu Ursachen, Symptomen und Therapien.

„Die einzelnen Inhalte lassen sich deutlich schneller als in einem Buch suchen und sind alle miteinander verknüpft – das spart viel Zeit beim Lernen”, sagt Schröder, die an der Universität Witten/Herdecke im zehnten Semester Medizin studiert und demnächst ihr Staatsexamen macht.

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Ihre Vorliebe für Amboss teilt sie mit vielen anderen: Laut Entwickler Miamed nutzen 95 Prozent aller Studenten in Deutschland die Website oder die App, um für das zweite Staatsexamen zu lernen. Denn Amboss bietet nicht nur digitale Lernkarten zu allen Fachgebieten, sondern auch die Prüfungsfragen der vergangenen Staatsexamen. Insgesamt seien mehr als 100.000 Nutzer registriert, darunter auch immer mehr Ärzte. „Wir alle lieben Bücher. Aber mit Amboss kann leider kein noch so gutes Lehrbuch aus dem letzten Jahrhundert mithalten“, sagt Sievert Weiss, einer der drei Gründer.

Mittlerweile stellen 29 deutschsprachige Universitäten ihren Studenten das Portal mit einer Campuslizenz zur Verfügung. Zudem zahlen Miamed zufolge rund die Hälfte der Nutzer selbst – sollten alle auf das Jahresabo für 72 Euro zurückgreifen, brächte allein dieses Angebot jährlich rund 3,6 Millionen Euro ein.

Was drei Medizinstudenten 2013 als kleines Projekt begonnen hatten, ist über die Jahre stark gewachsen. Nach eigener Aussage macht Miamed heute einen siebenstelligen Umsatz und beschäftigt mehr als 100 Mitarbeiter. Um die Inhalte kümmert sich ein eigenes Team aus Ärzten, unterstützt von Lektoren und Grafikern. „Jede Nacht spielen wir ein neues Update ein“, erklärt Weiss.

Damit sind die Entwickler heute Marktführer im digitalen Lernen für Medizinstudenten. Doch ihr größter Konkurrent, der Georg Thieme Verlag, ist gerade dabei, sich im Netz ebenfalls breiter aufzustellen. Seit Juli 2016 bietet Thieme deshalb mit „Via medici“ eine Alternative, ebenfalls mit hunderten Online-Lernmodule samt Texten, Bildern und Videos.

Bis dahin hatte der Verlag kein digitales Lernportal, sondern nur die Möglichkeit, Prüfungsfragen mit „Examen online“ zu „kreuzen“. Das heißt, tausende Multiple-Choice-Fragen aus vergangenen Prüfungen immer und immer wieder zu beantworten – die gängige Art, sich als Medizinstudent auf das Examen vorzubereiten. Diese Funktion ist nun ebenfalls in „Via medici“ integriert. Während 25 deutsche Universitäten ihren Studenten die Prüfungsfragen mit einer Campuslizenz zur Verfügung stellen, muss für „Via medici“ aber jeder weiter selbst bezahlen.


Kleinere Anbieter setzen auf die Nische

Thieme wirbt vor allem mit einer Mischung aus detaillierten und kompakten Inhalten. „So findet jeder Nutzer immer genau die inhaltliche Tiefe, die zu seinen Vorkenntnissen und persönlichen Lernvorlieben passt“, sagt Tillmann Weik, der den Bereich Medizinstudium des Verlags leitet.

Wie viele Studenten bisher ein Abo abgeschlossen haben, will Thieme allerdings nicht veröffentlichen. Noch gibt es „Via medici“ außerdem nur für die erste Studienphase. Amboss hingegen deckt auch die zweite Phase ab. Dieses Feld will Thieme dem Konkurrenten jedoch nicht dauerhaft überlassen: Langfristig möchte der Verlag deshalb auch seine Lern-Plattform ausbauen und um den zweiten Abschnitt erweitern.

Nach „Via medici“ gefragt, spricht Miamed-Gründer Weiss von einer „Nachahmung“, der Verlag habe das Programm „frech“ von Amboss kopiert. „Wir wollen uns darüber aber nicht beklagen, wir empfinden das vielmehr auch als anerkennende Auszeichnung.“ Thieme selbst verweist lediglich darauf, dass „Examen online“ bereits mehr als zehn Jahre alt und „Via medici“ somit „die logische Weiterentwicklung“ davon sei.

Neben den beiden großen Anbietern versuchen noch weitere, kleinere in der Nische zu punkten: Meditorium bietet einen Examen-Podcast an, inklusive 100-Tage-Lernplan. Neun Stunden dauern zum Beispiel alle Folgen zur Kardiologie, vier Stunden die Gynäkologie. Gegen Bezahlung lassen sich einzelne Kapitel laden oder gleich das Komplettpaket für mehrere Monate.

„Gerade vor den schriftlichen und mündlichen Examen gehen unsere Nutzerzahlen regelmäßig in die Höhe“, sagt Gründerin Siobhan Ewert. Rund 8000 Studenten würden Meditorium dann nutzen – bei jährlich etwa 10.000 Examenskandidaten erreicht der Podcast also einen Großteil von ihnen. Langfristig wolle das Team gerne ebenfalls Campuslizenzen mit Universitäten abschließen.

Meditricks wiederum setzt lieber auf visuelle Reize mit handgezeichneten Merkbildern: Die Legionellen zum Beispiel kämpfen dort wie ein Legionär im antiken Rom mit Schild und Speer. Die Bilder und animierten Videos sollen das Wissen besonders gut verankern, so die Idee. Und wer Anatomie-Inhalte sucht, findet die bei Mitbewerber Kenhub, der sich auf Videos zu diesem Fachgebiet spezialisiert hat.

Dass ihre digitalen Produkte aber irgendwann das gedruckte Buch ganz abschaffen werden, glaubt indes kein Anbieter. Thieme setzt als Verlag natürlich weiterhin stark auf Fachliteratur. Und sogar Miamed ist nicht mehr nur online vertreten: Die Top-120-Lernkarten lassen sich mittlerweile auch auf Papier gedruckt kaufen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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