Electronica in München: Darwinismus in der Chipbranche

Electronica in München: Darwinismus in der Chipbranche

, aktualisiert 08. November 2016, 15:31 Uhr
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Fressen oder gefressen werden, in der Chipbranche herrscht Darwinismus pur.

von Joachim HoferQuelle:Handelsblatt Online

In der Chipindustrie sind Milliarden-Übernahmen an der Tagesordnung. Die Konzerne wollen sich damit die beste Ausgangsposition für das Internet der Dinge schaffen. Doch das vermeintlich gigantische Geschäft hat Tücken.

Was die Elefantenrunde im Fernsehen nach einer Wahl in Deutschland, ist der CEO-Roundtable bei der Messe „Electronica“ in München. Die Chefs der wichtigsten Chipfirmen treffen sich vor großem Publikum, um über die großen Fragen der Branche zu diskutieren.

So auch an diesem Dienstag. Ein langjähriger Teilnehmer allerdings fehlte diesmal in Halle A3: Freescale-Boss Greg Lowe. Sein Konzern wurde vergangenes Jahr vom niederländischen Konkurrenten NXP geschluckt. Dessen Chef Rick Clemmer nahm wie schon seit mehreren Jahren auf dem Podium Platz. Auch wenn es für den Amerikaner selbst vermutlich der letzte Auftritt in der Runde gewesen sein wird, zu der unter anderem auch Infineon-Chef Reinhard Ploss zählt. Denn der Manager hat gerade seine Firma verkauft. 

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Fressen oder gefressen werden, in der Chipbranche herrscht Darwinismus pur. Erst Ende Oktober hat Qualcomm angekündigt, NXP für 47 Milliarden Dollar zu schlucken. Dabei ist es nur ein Jahr her, seit NXP seinerseits den Wettbewerber Freescale für elf Milliarden Euro übernahm. Nun werden die Niederländer selbst gekauft.

So geht es schon seit fast zwei Jahren: Ein Milliardendeal folgt auf den nächsten. Im Sommer hat bereits der japanische Telekommunikationsanbieter Softbank zugeschlagen: Die Asiaten übernahmen für knapp 30 Milliarden Euro den höchst erfolgreichen britischen Chipdesigner ARM. Vergangene Woche war die vorläufig letzte Mega-Akquisition: Broadcom verkündete den Kauf den US-Konzerns Brocade für gut fünf Milliarden Euro.

Die Einkaufstouren im großem Stil hat viele Gründe. Einerseits liegt es daran, dass Branchenschwergewichte wie Qualcomm oder Weltmarktführer Intel in einer Sackgasse angelangt sind. Sie verdienen zwar nach wie vor prächtig. Aber die Konzerne bewegen sich längst nicht mehr so dynamisch wie früher, den Investoren fehlt die Wachstumsstory.

Dazu kommt, dass Chips zwar überall eingesetzt werden – vom Turnschuh über die Kaffeemaschine bis zum Flugzeug. Doch die Bauteile werden zum Schüttgut. Nur Unternehmen, die groß und effizient sind, können mithalten. Durch den Zusammenschluss von Qualcomm und NXP entsteht der drittgrößte Chipproduzent der Welt mit einem Umsatz von 30 Milliarden Euro. Nur Intel und Samsung erzielen höhere Erlöse.

Dazu kommt: Die führenden Halbleiterhersteller versuchen sich eine gute Ausgangsposition für das sogenannte Internet der Dinge zu verschaffen, also die Vernetzung von Milliarden von Maschinen weltweit. Qualcomm etwa sichert sich mit dem NXP-Kauf wichtiges Know-how im Geschäft mit den Autobauern. NXP ist der größte Autochip-Produzent der Welt.

Auch Softbank hatte gute Gründe, mehr als das 50-Fachen des Jahresgewinns des vergleichsweise kleinen britischen Chipdesigner ARM hinzublättern. Die Asiaten rechnen fest damit, dass das Geschäft von ARM in den nächsten Jahren richtig abgeht. Die Firma aus England hat die allerbesten Voraussetzungen, eine Schlüsselstellung im Internet der Dinge einzunehmen. Wenn ARM künftig in Autos, Kühlschränken, Computerbrillen und Werkzeugmaschinen auch nur annähernd die Rolle spielt wie jetzt bei Smartphones, dann lohnt sich jeder Cent.


„Die Halbleiterindustrie ist eine ‘reife Industrie’“

Das Internet der Dinge ist die große Verheißung für alle 2913 Aussteller in München. Denn zuletzt lief es in der 350 Milliarden Dollar schweren Industrie nicht mehr richtig rund. Die Hersteller mussten sich mit für ihre Maßstäbe schwachen Zahlen zufrieden geben. „Das Marktwachstum hat sich in den vergangenen Jahren auf sechs Prozent pro Jahr eingepegelt, nach mindestens doppelt so hohen Raten vor der Jahrtausendwende“, sagte Michael Ziesemer, Präsident des deutschen Branchenverbands ZVEI. Der Funktionär geht davon aus, dass es in absehbarer Zeit keine Trendwende geben wird: „Das heißt für mich: Die Halbleiterindustrie ist eine ‘reife Industrie’.“

Wie in vielen reifen Industrien versuchen die Wettbewerber durch Zukäufe zuzulegen. Damit tun sich die einheimischen Hersteller aber schwer. Deutsche Chipfirmen sind inzwischen nur noch in Nischen mit dabei. Im Sommer hat zwar Infineon aus München den US-Konkurrenten Wolfspeed geschluckt; mit 850 Millionen Dollar fällt die Transaktion allerdings einige Nummern kleiner aus als bei NXP und ARM. Die Münchener hatten bereits 2014 drei Milliarden Dollar für International Rectifier ausgegeben, einen anderen Mitbewerber aus Kalifornien.

Damals eine große Transaktion, heute für die Branche ein eher kleiner Zukauf. Infineon fokussiert sich auf Chips für die Stromversorgung und auf Halbleiter für Sicherheitsanwendungen. Zu Jahresbeginn wollte sich zudem die schwäbisch-britische Firma Dialog Semiconductor den amerikanischen Wettbewerber Atmel einverleiben. Allerdings kam der Apple-Lieferant letztlich nicht zum Zuge.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum eine Übernahmewelle die Branche überrollt: China investiert massiv in die Industrie. Die Volksrepublik ist zwar schon lange der weltweit größte Käufer von Halbleitern, die namhaften Anbieter allerdings stammen aus Amerika und Europa. Wie in anderen Branchen auch haben die Chinesen aber mittlerweile den Anspruch, mit einer eigenen wegweisenden Technik auf den Markt zu kommen. Das setzt die etablierten Anbieter unter Druck, sich die attraktivsten Übernahmeziele selbst zu sichern, bevor die Chinesen kommen.

Bisher ist das „Internet der Dinge“ vor allem ein Schlagwort. Um daraus wirklich ein Geschäft zu machen, haben die Elektronikproduzenten jedoch noch viel zu tun. Das wurde auf dem CEO-Roundtable deutlich. Die größte Gefahr sind Hackerangriffe; auf die künftig autonom fahrenden Autos, aber auch auf den Toaster in der Küche. Wenn die Konsumenten den Geräten nicht vertrauen, werden sie diese auch nicht kaufen.

Dessen sei sich die Branche bewusst. „Wir müssen geeignete Lösungen anbieten“, betonte NXP-Chef Clemmer. Reinhard Ploss, Vorstandsvorsitzender von Infineon, will die Autos „vor Angriffen abschirmen“. Ob das gelingt? Die Chefrunde gibt sich optimistisch, das gehört auf einer Messe dazu. ST-Microelectronics-Chef Carlo Bozotti sieht vor allem die Vorteile des Internets der Dinge in der Produktion: „Die Fabriken werden viel flexibler und produktiver.“

Die Kunden in Europa müssen sich allerdings weitgehend auf Anbieter aus anderen Erdteilen verlassen. Mit der Übernahme von NXP verschwindet der größte europäische Anbieter. Das passt zum allgemeinen Bild. Die europäischen Firmen stehen nur noch für gut zehn Prozent vom Branchenumsatz.

Wie gut, dass Europa wenigstens bei den Ausstellungen vorne dran ist. Bis Freitag erwartet die Messe München mehr als 70.000 Besucher zur Electronica. 

Quelle:  Handelsblatt Online
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