Korruptionsaffären: Die Unwissenheit des neuen Ferrostaal-Chefs

Korruptionsaffären: Die Unwissenheit des neuen Ferrostaal-Chefs

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Jan Secher, neuer Vorstandsvorsitzender der Ferrostaal AG

von Lothar Schnitzler

Der von einem Korruptionsskandal gebeutelte Anlagenbauer Ferrostaal präsentierte jüngst einen neuen Chef. Ferrostaals neuer Boss Jan Secher arbeitete lange bei dem Skandalkonzern ABB. Hat er von den dortigen Vorfällen tatsächlich nichts gewusst?

Da steht der Neue vor der Journalistenschar: Hellblond, schlank, hochgewachsen – genau so wie man sich in Mitteleuropa einen Schweden vorstellt. Ganz kurzfristig hatte Ferrostaal-Aufsichtsrat Thoma noch Freitagabend zu einer kurzen Pressekonferenz im gelben Saal der Philharmonie am Stammsitz Essen geladen, um Jan Secher als neuen Vorstandsvorsitzenden zu präsentieren.

Vorausgegangen waren schmutzige Geschichten um Schmiergelder beim Verkauf von Großanlagen und U-Booten. Sechers Vorgänger Matthias Mitscherlich hatten die Skandale  den Kopf gekostet, ebenfalls Projektvorstand Klaus Lesker. Gegen beide und eine Reihe weiterer Manager ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft.

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Erster Eindruck von Secher auf der Präsentationsveranstaltung: Ein netter Kerl, dem man das Ausmisten des Ferrostaal-Stalls gern ersparen würde. Er erzählt von seiner Familie – drei Kinder zwischen 15 und 21 Jahren. Von seiner Vorliebe für sportliche Betätigung wie Segeln, Geländefahrten mit dem Rad oder Skifahren. Vier Fremdsprachen beherrscht er: Englisch, Französisch, Deutsch, sogar Japanisch. Von der Professionalität und von der Kompetenz der Ferrostaal-Mitarbeiter ist die Rede.

Klare Ansagen kommen von ihm, wenn es um Korruption, pardon, um „compliance“, geht. Das böse deutsche K-Wort wird bei dieser Veranstaltung weitgehend gemieden. Geschäftspartner müssten sich darauf verlassen können, dass Ferrostaal nur unangreifbare, saubere Geschäfte mache: „Ich lebe Nulltoleranz.“ Die erneuerte Ferrostaal-Führungsriege werde bei der Aufklärung der Vorwürfe eng mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten.

Vorstand Andreas Pohlmann, der Anfang des Monats als Korruptionsbeauftragter von Siemens zu Ferrostaal wechselte, flankiert: Leute, die auspacken, sollen unter eine Art betriebsinterne Amnestie fallen. Das heißt, sie werden weder gefeuert, noch müssen sie sich auf Schadensersatzforderungen durch das Unternehmen gefasst machen.

Secher kommt von einem der korruptesten Konzerne Europas

Offene Kommunikation, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Kunden, "um Gerüchten vorzubeugen“, verspricht Secher. Der ehemalige ABB-Manager und spätere Chef des Baseler Chemiekonzerns Clariant verkörpert auf der improvisierten Veranstaltung für eine glückliche halbe Stunde die sauberen Werte des Nordens. Wenn es auf Pressekonferenzen so etwas wie gute Stimmung gibt, dann war sie jetzt da. Bis die Frage gestellt wird, wie sich denn der 52-jährige sauber gehalten habe in jenen 20 Jahren zwischen 1982 und 2002 bei der schwedisch-schweizerischen ABB.

Bei jener ABB, die bei Sechers Abgang als einer der korruptesten Konzerne der europäischen Wirtschaftsgeschichte galt. In den Neunzigerjahren sollen bei fast jedem größeren ABB-Projekt zur Müllverbrennung Schmiergelder geflossen sein, meist in kleineren Dimensionen zwischen 50 000 und 500 000 Euro. Damals machten ABB-Manager aber auch Millionensummen beim Vertrieb von Lackieranlagen für die Beatmung von VW-Managern locker. Und 1998 verdonnerte die EU-Kommission den Konzern wegen Kartellbildung zu einer Buße von etwa 70 Millionen Euro.

Wenn es um Regelverletzungen ging, spielten ABB-Manager auf allen Klavieren. Unvergessen sind die Vorfälle im Jahr 1998 beim Kauf des holländischen Automationsspezialisten Elsag Bailey als ABB-Insider Millionen einsackten. Jürgen Dormann, ehemaliger Chef des Pharmariesen Aventis, musste in seiner Funktion als Verwaltungsratspräsident und zeitweilige Vorstandschef zwischen 2001 und 2007 sich im Wesentlichen um die Bereinigung der Skandale aus den neunziger Jahren kümmern. So ganz gelang ihm die Entseuchung nie.

In jenen Jahren stieg Secher in dem Konzern vom Jungmanager zum Projektleiter im Asien, Amerika und in Europa auf und landete zuletzt im Vorstand unter seinem Landsmann Jorgen Centermann, den Dormann kurz nach seinem Antritt als Konzernkontrolleur feuerte. Damit war auch für Secher die ABB-Karriere zu Ende.

„Ich hatte nichts damit zu tun, nie“, antwortet Secher auf die Frage, wie er es denn bei ABB geschafft habe, sauber zu bleiben. In den Bereichen Automation und Industrie, die als besonders verseucht galten, sei er nicht tätig gewesen. Völlig außerhalb seines Wirkungsbereiches waren – zumindest während seiner Vorstandszeit -  die fraglichen Sparten nicht. Und es waren nicht ausschließlich Automation und Industrie, die von Regelverletzungen betroffen waren.

Kann es sein, dass Secher von all dem nichts gewusst hat? Hat der Ferrostaal-Aufsichtsratsvorsitzende Georg Thoma den Bock zum Gärtner gemacht? Fragen, die bei der Präsentation des Neuen trotz Nachbohrens unbeantwortet blieben. Klar dagegen ist: Secher kennt sich aus mit der Unternehmenskultur eines korrupten Konzerns. Vielleicht hilft es ihm beim Aufräumen im Ferrostaal-Reich.

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