Firmensitz: Warum Mittelständler so gerne umziehen

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Firmensitz: Warum Mittelständler so gerne umziehen

von Lin Freitag

Deutsche Mittelständler sind in ihrem Ort verwurzelt. Das trifft auf viele Unternehmen zu, aber nicht auf alle: Einige zieht es weg von ihrem angestammten Sitz. Dafür gibt es viele Gründe, gute und schlechte.

Es gibt dieses Zitat des amerikanischen Staatsmannes Benjamin Franklin, das besagt: „Dreimal umziehen ist so schlimm wie einmal abbrennen.“ Jeder, der schon drei Umzüge hinter sich hat, kann das bestätigen.

Doch jetzt stelle man sich vor, dass es nicht nur den Ficus benjamina, Töpfe und Pfannen, Sessel, Schränke und den Partner einzupacken gilt, sondern mehrere Hundert Mitarbeiter, ebenso viele Bürostühle, Tische, Schränke, Akten und Computer. Anschließend müssen noch neue Visitenkarten gedruckt, Briefpapier entworfen und Signaturen geändert werden. Wer diesen Stress auf sich nimmt, muss einen guten Grund dafür haben. Oder gleich mehrere.

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Zum Beispiel, wenn zwei Unternehmen nach einer Übernahme zu einem verschmelzen; wenn der Standort zu klein oder zu groß geraten ist; wenn die Verwaltung näher an die Produktion ziehen will; wenn Steuern oder Miete eingespart werden sollen, Umstrukturierungen notwendig sind oder das Unternehmen nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter an den aktuellen Standort lockt – was vor allem für Mittelständler im ländlichen Raum ein Problem ist.

Serie Familienunternehmen: Berner Plötzlich Chef mit 27

Im Jahr 2012 wurde Christian Berner völlig überraschend Vorgesetzter von mehr als 9000 Mitarbeitern – da ist er gerade 27 Jahre alt. Kann das gut gehen?

Christian Berner, Chef der Berner-Group wurde mit 27 Vorgesetzter von 9000 Mitarbeitern. Quelle: David Klammer für WirtschaftsWoche

So vielschichtig die Gründe auch sind, aktuell kommt es in der deutschen Unternehmenslandschaft zu einer mittelgroßen Firmenwanderung. Vor einem Jahr zum Beispiel zog ein Teil der Berner-Gruppe von Künzelsau nach Köln. Auch Otto Bock, Weltmarktführer für Prothesen, hatte Probleme, die Talente ins niedersächsische Duderstadt zu locken. Die Lösung: ein neuer Standort in Berlin-Mitte.

Mobilität von Führungskräften nimmt ab

Der Armaturenhersteller Grohe wiederum zog vor ein paar Jahren aus dem sauerländischen Hemer in die nordrhein-westfälische Hauptstadt Düsseldorf. Der Umzug war zwar Teil einer größeren Umstrukturierung. Doch auch hier stand die Anbindung an einen internationalen Flughafen und der attraktivere Standort im Vordergrund.

Die zehn besten deutschen Mittelständler

  • So wurde bewertet

    Um die Wachstumsstärke der mittelständischen deutschen Weltmarktführer zu vergleichen, bedient sich die WirtschaftsWoche eines Indexes des Ökonomen David L. Birch vom Massachusetts Institut of Technology in der Nähe von Boston. Dieser nach ihm benannte Index multipliziert den absoluten Umsatzzuwachs mit dem prozentualen. Das relativiert sowohl das prozentuale Wachstum junger Betriebe als auch das absolute Wachstum bereits großer Unternehmen.

    Basis des Indexes waren im Ranking die Jahre 2002 bis 2012.

  • Platz 10: Brückner Technology Holding

    Branche: Maschinenbau
    Mitarbeiter 2012: 1676

    Umsatz im Geschäftsjahr 2002/2012 (in Mio. Euro): 225,20/682,40
    Durchschnittliches jährliches Wachstum über zehn Jahre: 11,72 Prozent
    Birch-Index² (prozentuales mal absolutes Wachstum): 1385,4

    Quellen: Bundesanzeiger, eigene Schätzungen, Datenbank Weltmarktführer

  • Platz 9: Sirona Dental Systems

    Branche: Dentalindustrie
    Mitarbeiter 2012: 2979

    Umsatz im Geschäftsjahr 2002/2012 (in Mio. Euro): 284,00/814,56
    durchschnittliches jährliches Wachstum über zehn Jahre: 11,11 Prozent
    Birch-Index² (prozentuales mal absolutes Wachstum): 1521,7

    Quellen: Bundesanzeiger, eigene Schätzungen, Datenbank Weltmarktführer

  • Platz 8: Realtime Technology

    Branche: IT/ Software
    Mitarbeiter 2012: 689

    Umsatz im Geschäftsjahr 2002/2012 (in Mio. Euro): 3,35/73,70
    durchschnittliches jährliches Wachstum über zehn Jahre: 36,22 Prozent
    Birch-Index² (prozentuales mal absolutes Wachstum): 1547,7

    Quellen: Bundesanzeiger, eigene Schätzungen, Datenbank Weltmarktführer

  • Platz 7: JF Hillebrand Group

    Branche: Logistik
    Mitarbeiter 2012: 2000

    Umsatz im Geschäftsjahr 2002/2012 (in Mio. Euro): 335,24/934,70
    durchschnittliches jährliches Wachstum über zehn Jahre: 10,8 Prozent
    Birch-Index² (prozentuales mal absolutes Wachstum): 1671,4

    Quellen: Bundesanzeiger, eigene Schätzungen, Datenbank Weltmarktführer

  • Platz 6: Beckhoff Automation

    Branche: Automatisierungstechnik
    Mitarbeiter 2012: 2200

    Umsatz im Geschäftsjahr 2002/2012 (in Mio. Euro): 78,00/408,00
    durchschnittliches jährliches Wachstum über zehn Jahre: 17,95 Prozent
    Birch-Index² (prozentuales mal absolutes Wachstum): 1712,0

    Quellen: Bundesanzeiger, eigene Schätzungen, Datenbank Weltmarktführer

  • Platz 5: Beumer Maschinenfabrik

    Branche: Maschinenbau
    Mitarbeiter 2012: 3700

    Umsatz im Geschäftsjahr 2002/2012 (in Mio. Euro): 104,04511,70
    durchschnittliches jährliches Wachstum über zehn Jahre: 17,27 Prozent
    Birch-Index² (prozentuales mal absolutes Wachstum): 1996,3

    Quellen: Bundesanzeiger, eigene Schätzungen, Datenbank Weltmarktführer

  • Platz 4: Big Dutchman

    Branche: Agrartechnik
    Mitarbeiter 2012: 2432

    Umsatz im Geschäftsjahr 2002/2012 (in Mio. Euro): 250,00/858,00
    durchschnittliches jährliches Wachstum über zehn Jahre: 13,12 Prozent
    Birch-Index² (prozentuales mal absolutes Wachstum): 2083,9

    Quellen: Bundesanzeiger, eigene Schätzungen, Datenbank Weltmarktführer

  • Platz 3: Mobotix

    Branche: Sicherheitskameras
    Mitarbeiter 2012: 336

    Umsatz im Geschäftsjahr 2002/2012 (in Mio. Euro): 3,00/81,60
    durchschnittliches jährliches Wachstum über zehn Jahre: 39,14 Prozent
    Birch-Index² (prozentuales mal absolutes Wachstum): 2137,9

    Quellen: Bundesanzeiger, eigene Schätzungen, Datenbank Weltmarktführer

  • Platz 2: Lürssen

    Branche: Schiffbau
    Mitarbeiter 2012: 1400

    Umsatz im Geschäftsjahr 2002/2012 (in Mio. Euro): 300,00/984,90
    durchschnittliches jährliches Wachstum über zehn Jahre: 12,6 Prozent
    Birch-Index² (prozentuales mal absolutes Wachstum): 2248,5

    Quellen: Bundesanzeiger, eigene Schätzungen, Datenbank Weltmarktführer

  • Platz 1: Hirschvogel Holding

    Branche: Automobilzulieferer
    Mitarbeiter 2012: 4000

    Umsatz im Geschäftsjahr 2002/2012 (in Mio. Euro): 179,90/780,00
    durchschnittliches jährliches Wachstum über zehn Jahre: 15,80 Prozent
    Birch-Index² (prozentuales mal absolutes Wachstum): 2601,9

    Quellen: Bundesanzeiger, eigene Schätzungen, Datenbank Weltmarktführer

„Perspektivisch ist dieser Schritt für viele ländlich angesiedelten Mittelständler alternativlos“, sagt Peter May, der an der WHU – Otto Beisheim School of Management lehrt und Familienunternehmen berät. Auch weil die Mobilität von Führungskräften immer weiter abnimmt. Die Beratung Odgers Berndtson befragte für ihr aktuelles Manager-Barometer mehr als 1800 Führungskräfte. Das Ergebnis: Nur noch etwa 55 Prozent sind dazu bereit, für einen neuen Job innerhalb Deutschlands umzuziehen – selbst wenn es sich um eine höhere Position handelt. Im vergangenen Jahr sagten das immerhin noch 63 Prozent der Manager.

Doch es geht auch andersrum, nämlich von der Stadt aufs Land. Bärchenproduzent Haribo will seinen Hauptsitz im kommenden Jahr von Bonn ins rheinland-pfälzische Städtchen Grafschaft verlegen. Die Gründe? Neben der größeren Fläche, die dem Unternehmen dort zur Verfügung steht, lockte vermutlich auch die niedrigere Gewerbesteuer im Nachbar-Bundesland. Da half es auch nicht, dass der künftige Exstandort Bonn sogar im Firmennamen verewigt ist. Heimatverbundenheit allein zahlt eben keine Rechnungen.

Für den Ruf ist so ein Umzug schädlich. Der Betriebsrat fürchtet einen Jobabbau, die Mitarbeiter haben sich meist häuslich eingerichtet. „Gerade Familienunternehmen leben oft von diesem Kümmer-Image, das sie in ihrer Region haben“, sagt Experte Peter May. Sie unterstützen Schulen oder richten selbst Betriebskindergärten ein, helfen bei der Ferienbetreuung oder der Pflege der Eltern. „Das leidet natürlich unter so einem Umzug“, sagt May.

Diese Erfahrung musste auch der Küchenhersteller Alno machen. Anfang 2010 hatte der damalige Vorstandschef die Filiale nach Düsseldorf verlegt – nach mehr als 50 Jahren im baden-württembergischen Pfullendorf. Nur ein Jahr später beschloss sein Nachfolger, wieder zurückzuziehen. Manchmal ist es zu Hause eben doch am schönsten.

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