Grundig und Nürnberg: Ein Traditionskonzern verlässt seine Heimat

Grundig und Nürnberg: Ein Traditionskonzern verlässt seine Heimat

, aktualisiert 08. April 2016, 11:29 Uhr
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Die 86 Jahre alte Firma kappt ihre Wurzeln.

von Joachim HoferQuelle:Handelsblatt Online

Der einst größte Fernsehgerätehersteller Europas ist schon lange nicht mehr selbstständig. Aber der Nürnberger Heimat blieb Grundig auch nach einigen Besitzerwechseln stets treu. Doch nun zieht die Traditionsmarke nach Hessen. So will es der türkische Eigentümer.

MünchenHinter der Pforte, die mit ihrem mächtigen Dach über den Schranken aussieht wie ein Grenzübergang, wehen himmelblaue Fahnen sanft im Wind. Es sind die Farben der Vedes AG. Frisch und fröhlich kommt das Blau daher, gerade so beschwingt wie Kinder in einem der Läden von Europas größtem Spielwarenhändler.

Einst wurden die Flaggen an der klobigen Pforte in einem dunkleren Blau aufgezogen: Es war die Farbe der Grundig AG, des mächtigen deutschen Unterhaltungsgeräte-Herstellers. Anfang des Jahrtausends hatte Grundig gleich neben seinen ausgedehnten Fabrikhallen in Nürnberg-Langwasser eine neue, luftige Unternehmenszentrale hingestellt. Der damalige Konzernchef wollte mit dem Neubau nach schwierigen Jahren wieder an die glorreichen Zeiten nach dem Krieg anschließen.

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Viel Zeit verbrachten die Grundig-Mitarbeiter nicht mehr in dem hoch modernen Gebäude: 2003 ging der ehemals größte Fernsehgerätehersteller Europas pleite. Kurz darauf zog mit Vedes ein anderes, alteingesessenes Nürnberger Unternehmen ein, dem sein eigener Stammsitz eine Nummer zu groß geworden war.

Die kräftig geschrumpfte Grundig-Belegschaft wechselte ein paar Häuser weiter in wesentlich bescheidenere Räume. Immerhin, Grundig hielt Nürnberg die Treue. Doch nun kappt die 86 Jahre alte Firma ihre Wurzeln: Im Laufe des zweiten Halbjahres werde die Grundig Intermedia GmbH nach Neu-Isenburg bei Frankfurt umziehen, teilte der Hausgerätehersteller Arçelik mit.

Die türkische Grundig-Mutter bündelt ihre Deutschland-Aktivitäten in Hessen, wo das Schwesterunternehmen Beko Deutschland sitzt. Ein Arbeitsplatzabbau sei nicht geplant. „Es ist uns ein großes Anliegen, dass alle am Standort Nürnberg beschäftigten 72 Mitarbeiter mit uns ins Rhein-Main-Gebiet umziehen“, sagte Geschäftsführer Sühel Semerci.

Selbst im Fußball spielt Grundig in der Stadt keine Rolle mehr: Den Vertrag als Namensgeber des Stadions haben die türkischen Eigner zum Jahreswechsel auslaufen lassen. Grundig hat eine bewegte Geschichte.


Ein kleiner Teil bleibt Nürnberg erhalten

Im Wirtschaftswunder nach dem Krieg stieg Max Grundig vom Radiohändler zum größten Fernsehgerätehersteller Europas auf. Doch noch zu Lebzeiten des Gründers setzte der Verfall ein. Grundig starb 1989, zu der Zeit drängten längst die Japaner auf den europäischen Markt. Nach langem Siechtum ging der Firma 2003 schließlich das Geld aus.

Das Kerngeschäft übernahmen anschließend Beko, eine Tochter der türkischen Koç Holding, sowie der britische Händler Alba. Die Eigentümer hatten höchst unterschiedliche Interessen, und so war der Neustart schwierig. Seit 2007 gehört Grundig nun komplett Arçelik, einem türkischen Haushaltsgerätehersteller, an dem Koç die Mehrheit hält. Seitdem bauen die Türken das Angebot kräftig aus. Produziert werden die mit Grundig-Emblemen versehenen Geräte von Beko in der Türkei. Am früheren Grundig-Stammsitz in Nürnberg blieben Verwaltung, Planung und Logistik.

Arçelik will den traditionsreichen Namen künftig für die internationale Expansion verwenden. „Grundig ist eine unserer besten Ressourcen, viel von unserem zukünftigen Wachstum wird darauf bauen“, sagte Vorstandschef Hakan Bulgurlu vergangenes Jahr im Gespräch mit dem Handelsblatt. Neben Unterhaltungselektronik will der Manager auch Haushaltsgeräte unter der Marke in alle Welt verkaufen, darunter nach China, Südafrika und Südamerika. Er kann dabei auf das bauen, was Grundig selbst fehlte: Größe. Arcelik steigerte den Gewinn vergangenes Jahr um 44 Prozent auf 891,1 Millionen Lira (276 Millionen Euro). Der Umsatz legte um 13 Prozent auf 14,2 Milliarden Lira (4,4 Milliarden Euro) zu.

„Wir sind weltweit einer der wenigen Gerätehersteller, der eine Produktpalette sowohl mit Unterhaltungselektronik als auch mit weißer Ware hat“, erklärte Bulgurlu. 1000 Entwickler erarbeiten für den Konzern neue Produkte. Viele Menschen wollten sich die TV- und Radiomarke Grundig auch ins Badezimmer oder in die Küche holen: „Die Marke ist elastisch“, sagte er.

Also baut der Konzern das Angebot aus. Mehr als 500 Produkte tragen heute das Grundig-Logo. Fernseher und Radios natürlich, aber auch Waschmaschinen, Bügeleisen, Toaster und Epilierer. Der Konzern bezeichnet Grundig längst als „Vollsortimenter“.

Immerhin: Ganz verschwindet der Name Grundig nicht in Nürnberg. Die Grundig Sat Systems, ein Hersteller von Fernseh-Empfangstechnologien, ist nach wie vor in der Stadt. Doch das ist nur ein klitzekleiner Teil des einst weit verzweigten Konzerns.

Quelle:  Handelsblatt Online
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