Mittelstand in West und Ost: "Der Weg zur Weltmarktführerschaft braucht Zeit"

InterviewMittelstand in West und Ost: "Der Weg zur Weltmarktführerschaft braucht Zeit"

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Gerhard Heimpold über den Mittelstand in Ost und West.

von Anke Henrich

Warum haben es auch 25 Jahre nach der Wende ostdeutsche Unternehmer immer noch schwerer als ihre Mitstreiter aus dem Westen?  Gerhard Heimpold vom Leibniz-Institut in Halle an der Saale hat das untersucht.

WirtschaftsWoche: Herr Heimpold, mit welchen typischen Problemen haben auch erfolgreiche Unternehmen in Ostdeutschland heute noch zu kämpfen?

Gerhard Heimpold: Hier fehlen große Unternehmen, die die strategischen Unternehmensfunktionen innehaben. Die meisten Konzernzentralen haben ihre Sitze im Westen des Landes. Darin liegt ein wesentlicher Grund, dass Ostdeutschland in puncto Produktivität, Exportintensität und Forschungsaktivitäten im Unternehmenssektor zurückbleibt.

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Zur Person

  • Gerhard Heimpold

    Heimpold ist stellvertretender Leiter der Abteilung Strukturwandel und Produktivität im Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Wie sieht es bei den kleinen und mittleren Unternehmen aus?

Ihr Anteil ist in Ost und West inzwischen sehr ähnlich. Ein Problem, das kleine und große  Unternehmen in Ostdeutschland früher trifft als jene in Westdeutschland, ist die demographische Entwicklung, mit einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung.

Liegt es an den Wurzeln in der DDR, dass die Unternehmen bei der Produktivität, der Internationalisierung und anderswo zurückliegen oder hat das aktuelle, strukturelle Gründe?

Das Fehlen großer Unternehmen ist größtenteils ein Nachhall von Schwächen der Zentralverwaltungswirtschaft. Die großen Kombinate, also die planwirtschaftlichen Headquarters, waren falsch konstruiert. Sie waren beim Übergang in die Marktwirtschaft nicht wettbewerbsfähig und wurden in kleinere Unternehmen aufgespalten, um sie privatisieren zu können. Es fehlt heute in Ostdeutschland vor allem an großen forschenden Unternehmen. Das demographische Problem betrifft ganz Deutschland, tritt aber in Ostdeutschland wegen des Geburtenrückgangs in den frühen 1990er Jahren und der Abwanderung junger Menschen früher und massiver zutage.

Weltmarktführer Ost Die heimlichen Weltmarktführer aus den neuen Ländern

Von Gleichstand keine Spur: Auch nach 25 Jahren sind Topunternehmen in Ostdeutschland viel seltener als im Westen. Doch es gibt Ausnahmen.

Quelle: Christoph Michaelis und Werner Schuering für WirtschaftsWoche

Täte mehr oder weniger staatliche Unterstützung für die ostdeutsche Wirtschaft not?

Es geht nicht um mehr oder um weniger Unterstützung. Es muss die richtige sein. Zuerst geht es dabei um wachstums- und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen. Die Verfügbarkeit von Fachkräften, gute schulische Bildung und exzellente, gut finanzierte Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen unterstützen das Unternehmenswachstum. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören übrigens auch attraktive Städte, um gut ausgebildete junge Menschen im Osten zu halten.

Und an welchen Stellen müssten auch erfolgreiche Unternehmen tatkräftiger werden? Forschung? Internationalisierung? Industrie 4.0?

Diese Frage kann man gar nicht allgemein beantworten. Die genannten Handlungsfelder scheinen alle wichtig zu sein. Die Gewichtung wird sich aber in jedem Unternehmen anders darstellen. Wir sollten auch nicht vergessen, dass es sich immer um unternehmerische Entscheidungen handelt. Unternehmen müssen auch wachsen wollen.

Welche Rolle spielt es für die relativ niedrige Zahl an Weltmarktführern, dass solche Unternehmen im Westen als Familienunternehmen oft erst über Generationen so erfolgreich wurden und eben das in DDR-Zeiten gar nicht gewollt war? Wie schwer ist es diesen Vorsprung auszuholen?

In der Tat konnte schwerlich in 25 Jahren aufgeholt werden, was zuvor in 40 Jahren Zentralverwaltungswirtschaft an Unternehmertum verschüttgegangen ist. Der Weg zur Weltmarktführerschaft braucht Zeit, Geduld und vor allem unternehmerisches Gespür. Was übrigens in zahlreichen Unternehmen in Ost- und Westdeutschland ansteht, ist die Nachfolgeregelung.

Gibt es in Ostdeutschland Firmen, die es irgendwie geschafft haben auch zu DDR-Zeiten noch in Privatbesitz zu bleiben  und nun sehr erfolgreich sind?

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Einen privaten industriellen Mittelstand gab es zum Zeitpunkt des Mauerfalls nicht mehr. Die DDR-Führung hatte 1972 die letzten damals noch existierenden privaten mittelständischen Industriebetriebe verstaatlicht. Dies war sehr nachteilig.

Zeichnet sich bei den sehr erfolgreichen Unternehmen ein Muster ab, ob sie zum Beispiel ein ehemaliges Treuhand-Unternehmen sind, spätere komplette Neugründungen, Ausgründungen aus Universitäten oder vielleicht Unternehmen, die ohnehin schon hundert und mehr Jahre alt und mithin kampferprobt über alle Systeme waren?

Ein komplettes Bild existiert nicht. Mein Eindruck ist, dass der Erfolg nicht davon abhängt, ob diese Unternehmen schon hundert und mehr Jahre alt sind oder ob sie in der DDR entstanden sind. Der Erfolg ist zumeist auf ein Bündel von Faktoren zurückzuführen, das in jedem Unternehmen anders zusammengesetzt ist. Ein zukunftsorientiertes Unternehmenskonzept, strategisches Agieren, und selbstverständlich gute Produkte, die mit modernsten Verfahren hergestellt werden, sind wohl immer wichtig gewesen.

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