Start-up-Schmiede Techstars: 90 Tage Crashkurs für Gründer

Start-up-Schmiede Techstars: 90 Tage Crashkurs für Gründer

, aktualisiert 09. März 2016, 11:57 Uhr
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Im Januar präsentierten die Gründerteams des Techstars Metro Accelerators in Berlin vor Investoren ihr Geschäftsmodell.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Techstars hat schon 750 Start-ups auf die Beine geholfen – in nur drei Monaten. Seit Juni arbeitet der US-Accelerator in Berlin. Jens Lapinski erzählt, warum Gründern Schauspieltraining gut tut – und woran sie scheitern.

Auf der Berliner Museumsinsel liegen Vergangenheit und Zukunft dicht beieinander. Im obersten Stock des ehemaligen DDR-Staatsratsgebäudes residiert die Start-up-Schmiede Techstars. Dort werden jeweils zehn Jungfirmen für drei Monate intensiv gecoacht. Der amerikanische Accelerator ist neben Pionier Y Combinator weltweit führend. Jens Lapinski leitet die Deutschlandgeschäfte von Techstars. Zuvor hat er selbst ein Start-up, den Big Data-Dienstleister AiHit, sowie ein Start-up-Studio in London gegründet. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erzählt er, warum deutsche Start-ups immer stärker im Fokus stehen. Und warum ein „Mentoren-Schleudertrauma“ für Gründer hilfreich ist.

Herr Lapinski, die deutsche Start-up-Szene wurde lange belächelt. Wer als Gründer etwas werden wollte, pilgerte ins Silicon Valley oder nach London. Sie als Start-up-Experte sind nun von London nach Berlin gezogen. Warum?
Vor zehn Jahren war in der Berliner Start-up-Szene noch tote Hose, inzwischen hat sie eine enorme Dynamik. Die deutsche Hauptstadt ist in Sachen Risikokapital längst auf Augenhöhe mit London – und wächst viel stärker. Deshalb bin ich nach 16 Jahren Großbritannien vor anderthalb Jahren in die deutsche Hauptstadt gegangen. Berlin hat inzwischen auch für internationale Investoren eine hohe Anziehungskraft. Auch der US-Accelerator Techstars, dessen Deutschlandgeschäft ich heute leite, ist seit Juni in Berlin aktiv.

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Sie kennen beide Welten. Inwieweit unterscheidet sich die deutsche Start-up-Szene von der britischen?
In London dominieren Fintechs, angezogen durch den starken Bankensektor. Hierzulande waren lange E-Commerce-Firmen wie Zalando oder Delivery Hero vorherrschend. Seit ein bis zwei Jahren gibt es erfreulicherweise auch immer mehr Technologieschmieden und B2B-Start-ups, die das Geschäft zwischen Firmen mit „Software as a Service“ verbessern.

Förderprogramme für Start-ups waren in Deutschland lange Mangelware. Inzwischen ist es für Gründer schwer, den Überblick zu behalten. Erklären Sie doch einmal kurz, wie funktioniert eigentlich ein Accelerator wie Techstars?
Techstars investiert zeitgleich je 120.000 Dollar in zehn Start-ups. Die zehn Teams kommen in unsere Büros auf der Berliner Museumsinsel und gehen 90 Tage in Klausur. In den drei Monaten arbeiten wir sehr intensiv mit den Gründern.

Drücken die Gründer dann die Schulbank und pauken Business-Plan-Schreiben und Marketing?
Nein, abgesehen von ein paar Videovorträgen läuft alles sehr praxisbezogen. In den ersten Wochen tauschen sich die Gründerteams mit je 100 Mentoren in intensiven Gesprächen aus. Diese haben sie sich selbst ausgesucht aus unserem weltweiten Netzwerk von rund 3000 Ratgebern. Die erfahrenen Mentoren vermitteln wichtige Kontakte, weisen auf Probleme hin und geben Rat. Auch nach dem Programm bleiben beide Seiten weiter in Verbindung.

Und was bekommen die Mentoren dafür?
Einen Kaffee und ein Sandwich. Im Ernst, da gibt es keine Bezahlung. Sie wollen Start-ups helfen. Die meisten waren selbst erfolgreiche Gründer und wollen ihre Erfahrungen weitergeben. Außerdem können die Mentoren spannende Firmen kennenlernen und möglicherweise auch eine lukrative Investitionsmöglichkeit. Die 100 Mentoren geben den Gründern sofort Feedback zu ihrer Geschäftsidee. Und das Feedback ist sehr unterschiedlich, zum Teil widerspricht es sich sogar.

Aber verwirrt das die Gründer nicht mehr als es hilft?
Wir nennen das „Mentoren-Schleudertrauma“. Schnell kristallisieren sich zwei, drei akute Problempunkte des Start-ups heraus. Keiner weiß ja, welches der richtige Weg ist. Aber die Gründer sind gezwungen, intensiv nachzudenken und zu entscheiden. Das sind unglaubliche Lernkurven, für die sie sonst Monate oder Jahre brauchen. Als Acceleratoren beschleunigen wir diesen Prozess ganz erheblich, daher der Name.


„Wir geben Geld, um Geld zu machen“

In welchen Grunddisziplinen benötigen die meisten Gründer Nachhilfe?
Das sind ähnliche Dinge: Wie spreche ich einen Investor an? Wie organisiere ich Marketing und Vertrieb? Wie finde ich passende Mitarbeiter? Und vor allem die Königsdisziplin: Wie präsentiere ich mein Geschäftsmodell? Am Abschluss der 90 Tage dürfen sich die Start-ups auf unserem „Demo Day“ Investoren vorstellen.

Da setzt Techstars auch Schauspiel-Trainer ein, hört man...
Profi-Designer helfen, dass die Optik von Power-Point stimmt, und Profi-Trainer coachen die Gründer für den großen Auftritt. Viele Jungunternehmer sind Programmierer und nicht unbedingt die geborenen Verkäufer. Vor 500 Leuten auf der Bühne mit seiner Geschäftsidee zu überzeugen, das will geübt sein.

Die Gründer bekommen also von Techstars ein intensives Allround-Training samt Kontaktnetz und Kapital. Was müssen die Gründer im Gegenzug bieten? Techstars ist ja schließlich kein gemeinnütziger Verein.
Wir geben jeder Firma eine Kapitalspritze von 120.000 Dollar. Dafür erhält Techstars sechs bis zehn Prozent der Firmenanteile. 20.000 Dollar sind Investitionen. 100.000 Dollar bekommen sie als Wandeldarlehen, das später in Anteile umgewandelt werden kann. Neun von zehn Start-ups machen davon Gebrauch.

Kann Techstars als Anteilseigner strategischen Einfluss nehmen?
Wir sitzen nicht im Beirat und haben auch keine Kontrolle über die Firmen. Wir geben Geld, um Geld zu machen. Unsere Philosophie ist, Start-ups zum Erfolg zu führen. Denn wir verdienen nur, wenn die Firma später lukrativ verkauft wird oder an die Börse geht.

Sie geben eine Garantie, dass Start-ups ihre Anteile zurückkaufen können.
Ja, wenn die Gründer mit unserem Programm unzufrieden waren, können sie alles wieder rückabwickeln ohne Kosten. Keines unserer 21 Start-ups in Berlin hat davon Gebrauch gemacht.

Was genau unterscheidet Acceleratoren von Inkubatoren und Business Angels?
Business Angels sind Privatinvestoren, die oft noch woanders investiert haben, und Rat geben. Bei Inkubatoren stellen Firmen oder Verbände meist für ein oder mehrere Jahre Räume und Infrastruktur zur Verfügung, mit denen sie Start-ups unterstützen.

Aber Inkubator Rocket Internet tut weit mehr, als Büros bereitzustellen...
Rocket Internet nennt sich zwar Inkubator, im Rest der Welt aber nennt man Rocket „Company Builder“. Weil sie mit ihren Leuten Firmen zusammenschrauben. Meist hat Rocket die Kontrolle über die Start-ups oder mischt zumindest kräftig mit.

Techstars wurde vor zehn Jahren in Boulder, Colorado, gegründet. Erstaunlicherweise nicht im Silicon Valley. Wie viele Start-ups haben seitdem den Gründer-Crashkurs durchlaufen?
Etwa 750 Firmen. Sieben von zehn Start-ups haben danach einen Anschlussinvestor gefunden, der im Schnitt zwei Millionen Dollar investierte. Mit Techstars Ventures haben wir auch einen eigenen Finanzinvestor im Hause. Der hat zum Beispiel schon 2009 in den Fahrdienst Uber investiert. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Venture Capital Fonds auch in Firmen aus dem weiteren Ökosystem von Techstars investieren kann, zum Beispiel in Firmen von Mentoren.

Wie viele Exits gab es – wie viele Flops?
Zehn bis 13 Prozent der Start-ups haben einen lukrativen Exit gemacht, etwa genauso viele Firmen gingen pleite. 70 Prozent sind weiter aktiv.

Woran liegt es, wenn ein Geschäftsmodell trotz Coaching nicht abhebt?
Start-ups scheitern immer aus zwei Gründen: Weil sich entweder die Gründer zerstreiten, oder weil die Kunden das Produkt oder den Service nicht annehmen.


Wie sich Konzerne und Start-ups befruchten

Welche erfolgreichen Start-ups kommen aus dem Techstars-Stall? Sind auch Einhörner, also Firmen, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden, dabei?
Sphero zum Beispiel, das den BB8-Roboter für den Star-Wars-Film gebaut hat. Der Roboter ist auch als Spielzeug sehr erfolgreich. Ebenso Digital Ocean, inzwischen einer der weltgrößten Anbieter von Cloud-Infrastruktur, hat unser Programm durchlaufen. Ein weiteres Beispiel ist SendGrid, eines der weltweit führenden Unternehmen für E-Mail-Infrastruktur. Wir haben ein gutes Dutzend Firmen im Stall, die mit 100 Millionen bis über eine Milliarde Dollar bewertet werden.

Der Pionier unter den Acceleratoren, Ihr Konkurrent Y Combinator, hat die Schwergewichte Airbnb und Dropbox entdeckt...
Das stimmt. Y Combinator verfolgt einen anderen Ansatz. Sie bieten zweimal im Jahr Programme im Silicon Valley an, dem einzigen Büro. Techstars dagegen ist mit 20 Büros weltweit vertreten. Wir glauben eben, dass es überall spannende Start-ups gibt, die wir am besten vor Ort fördern können. Wenn die dann in die USA expandieren wollen, dann sind wir gut dafür aufgestellt, hierbei zu helfen.

Techstars gründet auch diverse Acceleratoren zusammen mit Konzernen wie Disney oder der Metro. Warum?
Mit gut einem Dutzend Konzernen wie Virgin, Barcley's, Disney, Sprint und in Deutschland eben der Metro bieten wir branchenspezifische Acceleratoren an. Die Unternehmen finanzieren unser Mentoren-Programm. Die Konzerne sind sehr interessiert an frischen Ideen. Metro-Chef Olaf Koch und sein Team haben sehr viel Zeit in die Start-ups investiert.

Warum suchen Anzugträger aus den Vorständen zunehmend die Nähe zu Gründern in Hoodies?
Unternehmen können nicht alle Innovationen selbst entwickeln – schon gar nicht in traditionellen behäbigen Konzernstrukturen. Viele spannende Ideen kommen von außen – gerade in Sachen Digitalisierung. Die Metro etwa sucht nach interessanten Produkten und Geschäftsmodellen für Hotels oder Restaurants. Disney hat den Roboter von Sphero gleich in den neuen Star-Wars-Film eingebaut und vermarktet jetzt auch die Spielzeuge dazu. Mit großem Erfolg. Konzerne und Start-ups befruchten sich gegenseitig – und profitieren beide.
Herr Lapinski, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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