Theaterstück-Premiere: Der Enron-Skandal auf der Bühne

Theaterstück-Premiere: Der Enron-Skandal auf der Bühne

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Kostümprobe zu "Enron" in New York. Ab dem 23. Oktober wird das Stück auch in Deutschland zu sehen sein.

von Andreas Wildhagen

Das Schauspiel Nürnberg zeigt erstmals die deutsche Version eines amerikanischen Bühnenstücks über Aufstieg und Fall des Enron-Masterminds Jeffrey Skilling.

Ich sah Jeffrey Skilling das erste Mal auf einer Unternehmenstagung des deutschen Mischkonzerns Veba in Neuss. Ich werde ihn wiedersehen, aber nicht in seiner Gefängniszelle, wo er 24 Jahre absitzen muss, sondern als literarische Figur, verkörpert von einem Schauspieler auf der Bühne - auf den Brettern des Nürnberger Schauspielhauses. Als ich ihn zuerst sah, trat er auch auf einer Art Bühne auf, die gleißend hell erleuchtet war. Hinter ihm der Schriftzug Veba, weiß auf blauem Grund. In Neuss, im Swisshotel, direkt neben der Rheinbrücke, trat Skilling damals noch leibhaftig als Stargast von Veba auf, ein drahtiger Mann mit streng nach hinten gegeeltem Haar.

Man schrieb das Jahr 1999, die Energiemärkte waren gerade weltweit dabei, sich von der staatlichen Versorgungsideologie zu lösen und richtig kapitalistische Unternehmen zu werden. So auch Veba, der Vorgänger von E.On. Der Veba-Chef Ulrich Hartmann hatte ganz im Trend der Zeit die Veba bereits an der New Yorker Börse listen lassen, an der Wallstreet. Nun wurde der nächste Schritt ins Auge gefasst - die Fusion mit einem echten Player. So einer wie Enron, ein US-Energieunternehmen, das um die Jahrhundertwende einen geradezu märchenhaften Aufstieg erlebt und dann abstürzte und seit langem Geschichte ist - Wirtschaftsgeschichte und Literaturgeschichte.

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Bei Enron wurde der Sieg durch gefälschte Bilanzen vorgekaukelt, Hauptfiguren waren der Enron-Gründer Ken Lay und sein Manager Jeffrey Skilling. Schließlich platzte das Lügengebäude, Enron verschwand von der Börse und von der Bildfläche - und Jeffrey Skilling wegen Betrugs, Korruption und Komplotts für die nächsten zwei Jahrzehnte hinter Gittern.

Enron - nicht zufällig klang der neue Name von Veba ganz ähnlich, Veba taufte sich in E.On um. Enron war für Veba 1999 das große Vorbild an Dynamik und Energie in den USA. Enron handelte mit Strom wie andere mit Gold oder Öl, Enron ging ran an die Kunden wie eine Staubsaugerfirma - und Enron war so marktschreierisch wie Bild, McDonald und Lidl zusammen. Enron-Chef Skilling glich einem Westernheld aus der Marlboro-Reklame, nur ohne Hut und Pferd - dafür mit einem ganz großen Mundwerk.

An Jeffrey Skilling dachte ich zurück, als er einem amerikanischen Reporter wehmütig sagte, dass nun mit einem Ford Lincoln seinen Weg ins Gefängnis antrat. Er durfte noch ein paar Tage zuhause seine Sachen packen und selbstständig zum Strafvollzug fahren. Seine Haftstrafe ist lang, 24 Jahre - für einen 55-Jährigen ein Gang in die Vor-Ewigkeit. Nun hat ein Gericht entschieden, dass das drakonische Strafmaß noch einmal überprüft wird. Statt 24, bald "nur" noch fünfzehn Jahre?

Das Bühnenstück Enron lief schon in London und in den USA. Jetzt in Nürnberg zum ersten Mal in Deutschland. Morgen, am 23. Oktober, hat das Stück Premiere. Ob die ehemaligen Veba-Manager, heute pensionierte E.On-Manager, im Parkett sitzen wird, ist nicht bekannt. Immerhin: Ulrich Hartmann, heute E.On-Aufsichtsratsvorsitzender und Chef des Ruhrkohle-Stiftungskuratoriums, hatte Skilling damals zur Veba-Managertagung in Neuss eingeladen. Nach seiner Rede gab es Kopfschütteln unter den Veba-Topleuten. Skilling sagte: "Meine Herren, sorgen Sie dafür, dass Ihre Manager nachts mit Angstschweiß aufwachen." Das war nicht deutscher Konsensstil. Angstschweiß bekamm schließlich ein anderer, Skilling selbst. Aber Häme verbietet sich in diesem tragischen Fall.

Die deutsche Version ist von Michael Raab übersetzt worden. Die Bühnenfiguar Skilling ist so ganz anders als die wirkliche Person Skilling. Der Bühnen-Skilling ist ein übergewichtiger Buchhaltertyp mit Brille und spärlich werdenen Haaren. Aber er redet wie ein Kleinkrimineller, so wie man sich einen Brandy-Schmuggler im Chicago der dreissiger Jahres vorstellt. Er sagt Sätze wie: "Wir handeln mit Energie. Wenn Sie sagen, "Gas und Öl", dann denken die Leute an … Blähungen und Araber."

Der Bühnen-Skilling treibt es bunt. Er sagt übrigens auf der Bühne den Satz, den ich auch auf dem Managertreffen in Neuss gehört habe, der mit dem nächtlichen Angstschweiß. Ein bisschen enttäuschend ist das schon, denn ich dachte, der Spruch sei damals exklusiv auf die Veba-Truppe gemünzt gewesen. War er aber nicht, er stammt aus dem Musterbuch seines Redenschreibers und wurde auch woanders stets von Skilling vorgetragen. Die Figuren auf der Bühnen sagen viel "Scheiße" und andere Kraftausdrücke, sie haben im Büro "schnellen Sex, ohne sich auszuziehen" (so die offizielle Bühnenanweisung). Und Skilling sagt: "Nachts ist es auf der Arbeit am schönsten".

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