Ware Lüge: Fälscher profitieren vom Boom auf dem Kunstmarkt

Ware Lüge: Fälscher profitieren vom Boom auf dem Kunstmarkt

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Der als Fälscher der Hilter-Tagebücher bekannt gewordene Konrad Kujau mit einem nachgemalten Gemälde von Paul Gaugin. Das Bild gehörte zu der Ausstellung "Keine Fälschung: ein echter Kujau"

Der Kunstmarkt boomt, Investoren spekulieren auf riesige Renditen. Das ruft Kunstfälscher auf den Plan. Selbst Museen gehen ihnen auf den Leim.

Die beiden Polizisten hatten in der Kunsthandlung in Süddeutschland nur Augen für das kleine Mädchen. Getupftes Kleid, orangefarbenes Kopftuch, im Arm einen voluminösen Strauß üppig blühender, farbenprächtiger Blumen – so sah es aus auf dem Bild „Kind mit Lupinen“. Die Beamten nahmen das Bild gleich mit – ohne zu bezahlen. Denn nur auf den ersten Blick war es das Werk, das Otto Dix 1960 gemalt hatte.

Auf den zweiten Blick sah auch der Kunsthändler: Was die Polizisten beschlagnahmten, war eine Fälschung. Im Vergleich zum Original des expressionistischen Meistermalers stimmen viele Details nicht. Es ist keine Farblithografie, sondern eine Pastellzeichnung, größer als das Original. Die Farben des Kopftuchs und der Blüten weichen deutlich vom Dix-Werk ab. Die Faltung des Kopftuchs ist ungenau, Arm und Hand des Mädchens wirken plump ·. Und die Anordnung der Blumen lässt, anders als auf dem Original, jede Tiefenwirkung vermissen. Angeboten wurde dem Kunsthändler das Bild als Vorstudie zur Original-Farblithografie. Nur: Mit Pastellkreide hatte Dix nie gearbeitet. Das Bild ist ein dreistes Falsifikat aus der Werkstatt des in Kunstkreisen bekannten Fälschers Rüdiger Faller.

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Ein Schicksal, das Dix mit vielen Künstlern teilt. Denn nicht alle Werke, die in Museen und Galerien hängen oder Sammler für hohe Summen erwerben, sind echt. Bis zu 60 Prozent aller Kunstwerke, so schätzen Experten, sind Fälschungen. Der Schaden liegt bei mehreren Milliarden Euro – in einem boomenden Kunstmarkt, in dem von der Finanzkrise verunsicherte Investoren nach vermeintlich sichereren Anlagen suchen. Broker, Hedgefonds-Verwalter und Industriemagnaten aus aller Welt handeln mit Kunstwerken wie mit Finanzderivaten. 2007 wechselte Kunst im Wert von 28 Milliarden Dollar den Besitzer, gefragt waren vor allem Werke der klassischen Moderne und zeitgenössische Kunst. Experten vermuten Gewinnspannen, die jeden Drogendealer vor Neid erblassen lassen.

Weil die Nachfrage das Angebot weit übersteigt, wird fleißig nachgeliefert – vulgo: gefälscht. Ob Ölbilder von René Magritte oder Lithografien von Pablo Picasso, Radierungen von Joan Miró oder Holzschnitte von Friedensreich Hundertwasser, ob Fotografien aus der Frühzeit der Fotogeschichte oder antike Ton-Skulpturen aus China: Kein Genre, keine Epoche der Kunstgeschichte wurde je verschont von Versuch und Versuchung, Originale in betrügerischer Absicht zu kopieren. Aber nur wenige Fälscher bleiben dabei so nachhaltig in Erinnerung wie Konrad Kujau.

Vor genau 25 Jahren jubelte der einstige Student der Kunstakademien in Dresden und Stuttgart dem „Stern“ scheinbar echte Hitler-Tagebücher unter. Nach seiner Haftentlassung machte er mit seinen Kunstmaler-Fähigkeiten sogar ganz legal Geschäfte: Von ihm gefälschte Bilder von René Magritte, Pablo Picasso oder Salvador Dalí signierte er nachträglich mit seinem Namen und verkaufte sie in seiner „Galerie der Fälschungen“ in Stuttgart – zum Teil für hohe fünfstellige Beträge.

Gefälscht wird, seit Kunst einen finanziellen Wert hat. In China drehten Betrüger bereits während der Nördlichen Song-Dynastie (960 bis 1126) Sammlern gefälschte archaische Bronzegefäße an. In Europa integrierten Künstlergilden seit dem Mittelalter ohne Skrupel Details aus Arbeiten der Konkurrenz ins eigene Werk. Mit Beginn der Renaissance, als Künstler aus der Anonymität ihrer Werkstätten heraustraten, wurde bei reichen Leuten das Sammeln von Werken berühmter Meister endgültig Mode. » Weil es damals üblich war, Werke im Stile anerkannter Meister nachzuahmen, ist die Trennung zwischen Original und Kopie oft fließend – was Kopisten und Fälschern Tür und Tor öffnete.

Albrecht Dürer etwa verklagte den italienischen Maler Marcantonio Raimondi beim Rat der Stadt Venedig. Raimondi hatte Blätter aus Dürers „Marienleben“ als Kupferstich kopiert und wurde verurteilt – aber nicht wegen Motivklau, sondern weil er die Arbeiten mit der Signatur AD verkauft hatte. Im 19. Jahrhundert hatte sich die Wertschätzung des Original-Kunstwerks schließlich durchgesetzt – die Zahl der Fälschungen und falschen Zuschreibungen explodierte. „Was begehrt ist, wird oft gefälscht“, sagt Ernst Schöller, auf Kunstdelikte spezialisierter Kriminalhauptkommissar vom Landeskriminalamt in Stuttgart. „Betrüger arbeiten seit jeher marktorientiert.“ Standen in den Siebziger- und Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts vor allem Porzellan, Perserteppiche und Sakralkunst im Blickpunkt, sind es heute meist Künstler der klassischen Moderne, aber auch das goldene Altertum.

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