Unternehmenskultur im Wandel: Du ist das neue Sie

Unternehmenskultur im Wandel: Du ist das neue Sie

, aktualisiert 04. Januar 2017, 06:19 Uhr
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Jeder Dritte duzt laut einer Untersuchung nicht nur seine Kollegen, sondern auch seinen Vorgesetzten.

von Lisa OenningQuelle:Handelsblatt Online

„Du, Chef“, heißt es in deutschen Unternehmen offenbar immer häufiger: Einer Studie zufolge duzt jeder Dritte den Vorgesetzten und Kollegen. Warum sich Unternehmen vom Siezen verabschieden und welche Gefahren lauern.

DüsseldorfWenn Hans-Otto Schrader über die Flure der Otto-Gruppe am Hamburger Campus geht, bekommt er des Öfteren von seinen Mitarbeitern zu hören: „Hey, ich kann jetzt Hos zu dir sagen!“ Dann sagt er: „Klar, und wie heißt du?“

Denn egal ob Lagerist oder Topmanager – alle 54.000 Mitarbeiter dürfen den Vorstandsvorsitzenden des Versandhändlers seit einem Jahr duzen. Allerdings unter einer Bedingung: Sie sollen ihn bei seinem Spitznamen Hos nennen, der sich aus den Anfangsinitialien seines Namens zusammensetzt. „Mit diesem kleinen, aber wirksamen Zeichen wollen wir im Konzern zu einem noch stärkeren Wir-Gefühl kommen. Das ist über das ,Du' schlicht einfacher“, schreibt Schrader in einem Gastbeitrag für das Karrierenetzwerk Xing.

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Seit dem Sommer dürfen auch die 375.000 Mitarbeiter der Schwarzgruppe – zu der neben Lidl unter anderem auch Kaufland gehört – Topmanager mit dem Vornamen ansprechen.

Die Otto- und die Schwarz-Gruppe gehören zu einer Vielzahl von Unternehmen, in denen das „Sie” mittlerweile ausstirbt, wie eine gemeinsame Studie der Online-Jobbörse Stepstone und der Managementberatung Kienbaum zeigt. Sie haben 17.000 Fachkräfte zur Hierarchie und Organisationskultur befragt und kommen zu dem Ergebnis: Jeder Dritte duzt sowohl seine Kollegen als auch den Chef. In Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeitern sogar jeder Zweite.

Mit dem kollegialen „Du” wollen Unternehmen laut Stepstone platte Hierarchien schaffen in Zeiten, in denen die Arbeitswelt durch die Digitalisierung zunehmend schneller wird. „Es ist wichtig, dass Entscheidungen schnell und nicht mehr nur von Führungspersonen getroffen werden können. In solchen dynamischen Umfeldern werden Hierarchien zum Hindernis für effizientes Arbeiten“, sagt Sebastian Dettmers, Geschäftsführer von stepstone.de.

Eva Bamberg, Arbeits- und Organisationspsychologin an der Uni Hamburg, sieht in dem Angebot einen gezielten Eingriff in die Unternehmenskultur. „Gerade in klassischen Unternehmen und Konzernen ist das Du ein Signal an Kunden, Stake- und Shareholder. Die Unternehmen wollen zeigen, dass es bei ihnen weniger formell zugeht.“ Sie geben sich mitarbeiternah.

Doch gerade in klassischen Unternehmen und Konzernen herrschten lange Zeit starre Hierarchien – und Machtgefälle bleiben trotz des kollegialen Du weiterhin bestehen. „Das Duzen ist oftmals nur eine Verschleierung der Hierarchie“, meint Bamberg. Unterschiedliche Interessen – beispielsweise bezüglich Bezahlung, Arbeitszeiten oder Beförderung – gebe es nach wie vor.


Duz-Kultur kann zu Schwierigkeiten führen

Deshalb befürchtet auch Arbeitspsychologe Tim Hagemann von der Bielefelder Fachhochschule der Diakonie, dass es zu Schwierigkeiten beim Du zwischen Chef und Angestelltem kommen kann. „Wenn das Verhalten der Führungskraft nicht zu der assoziierten Vertraulichkeit der persönlichen Anrede passt, ist das Duzen kontraproduktiv“, schreibt Hagemann in einem Gastbeitrag auf Xing.

Beispielsweise, wenn ein Chef seinem Mitarbeiter erklären muss, dass er nicht befördert wird. „Diese Rolle bedarf einer gewissen Distanz. Doch selbst der Arbeitnehmer kann unangenehme Entscheidungen durch ein Sie differenzierter bewerten und für sich annehmen“, erklärt der Experte.

Aus diesem Grund sollten sich Chefs gut überlegen, ob sie ihren Mitarbeitern das Du anbieten. Denn: Es lässt sich nicht zurücknehmen. Und: „Insgesamt müssen ein generelles Duzen oder Siezen und die tatsächliche Unternehmenskultur stimmig sein – alles andere ist nur Schönfärberei“, so Hagemann.

Nur in jungen oder kleineren Unternehmen, beispielsweise in Start-ups, ist das kollegiale Du meist kein Problem, meinen die beiden Arbeitspsychologen. „Zwar gibt es selbst in neu gegründeten Unternehmen Hierarchien. Da das Team nur eine kleine Gruppe ist, gehört das Du seit Beginn zur Unternehmenskultur dazu“, erklärt Bamberg.

Neben der neuen Duz-Kultur treiben weitere Trends den Wandel in Unternehmen an: VW führt Englisch als Konzernsprache ein, um die Zusammenarbeit zu verbessern. Beim Mobilfunkanbieter Vodafone soll das gelingen, indem sich die Mitarbeiter jeden Morgen im Großraumbüro einen neuen Arbeitsplatz suchen müssen – selbst der Chef.

Und nachdem Daimler-Chef Dieter Zetsche den Binder während einer Jahrespressekonferenz im heimischen Schrank ließ, verzichteten auch zunehmend die Mitarbeiter auf das modische Accessoire im Business.

Kürzlich lockerte auch der Discounter Aldi Nord die Kleiderordnung für seine Angestellten, indem er die Krawattenpflicht abschaffte. Konkurrent Lidl hatte sich schon vor Jahren davon verabschiedet.

Quelle:  Handelsblatt Online
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