Überforderte Arbeitnehmer: Hilfe, mein Job bringt mich noch um

Überforderte Arbeitnehmer: Hilfe, mein Job bringt mich noch um

von Kristin Schmidt und Claudia Tödtmann

Nicht nur die Arbeit, auch das Familienleben und der Konsum scheinen uns immer mehr Zeit und Kraft zu rauben. Warum wir immer häufiger mit dem Job und dem Alltag überfordert sind und wie man sich Freiräume schafft.

Samstags und sonntags mal so richtig ausschlafen – bis sieben Uhr: Was wie ein Widerspruch klingt, war für Sybille Knauf* mehr als 15 Jahre lang tatsächlich Luxus. Denn auch am Wochenende klingelte früh morgens der Wecker, musste die alleinerziehende Mutter doch an diesen beiden Tagen nachholen, was sie unter der Woche nicht schaffte: Wäsche waschen, sauber machen, Rechnungen überweisen, den Großeinkauf erledigen. Außerdem die Tochter zum Reitturnier fahren – und wenn irgend möglich, den mehrfach aufgeschobenen Friseurtermin dazwischen quetschen.

Von Montag bis Freitag ist Knaufs Nachtruhe schon um fünf Uhr vorbei. Dann heißt es ab unter die Dusche, Frühstück machen, die Tochter wecken, ihr Pausenbrot schmieren. Um sieben Uhr setzt Knauf die 14-Jährige am Bahnhof ab. Fährt weiter zur Arbeit nach Frankfurt, immer die Angst vor einem Stau im Nacken auf der mehr als 50 Kilometer langen Strecke.

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Acht Stunden Teilzeit

Die Betriebswirtin ist Assistentin der Geschäftsleitung bei einer IT-Beratung. Obwohl sie nur in Teilzeit arbeitet, ist sie meistens acht Stunden im Büro – betreut die Außendienstler, plant Werbeaktionen, schreibt E-Mails, erstellt Abrechnungen. Nur donnerstags beginnt schon gegen 16.30 Uhr das Schielen auf die Uhr – und die bange Frage: Kann ich rechtzeitig Schluss machen? Schließlich startet pünktlich mit dem Feierabend um 17 Uhr das nächste Rennen gegen die Zeit: Knauf muss ihre Tochter einsammeln, zum Musikunterricht bringen und eine Stunde später wieder abholen. Zeit, die sie minutiös verplant hat – zum Einkaufen. Zu Hause angekommen, heißt es Abendessen kochen, die Hausaufgaben der Tochter kontrollieren, nach dem Essen die Küche aufräumen. Gegen 22 Uhr geht Knaufs Tochter ins Bett – für ihre Mutter der erste Moment des Tages, an dem sie ein wenig abschalten kann. Meist setzt sich dann aufs Sofa, nimmt ein Buch zur Hand – und nickt nach drei Seiten Lektüre ein.

„Ich lebte jahrelang im Hamsterrad“, sagt die heute 56-Jährige. „Meine Tage waren durchgetaktet.“

Richtig anstrengend wird es für Knauf, wenn die monatliche Abrechnung ansteht – mit Auflistungen, welche Mitarbeiter wann und bei welchen Kunden im Einsatz waren. Für Knauf bedeutet das: Wochenendschichten, meist bis Mitternacht.

Überfordert

Der Grund für ihre Überstunden: Ihre Zielvereinbarungen sind identisch mit denen ihrer in Vollzeit tätigen Kollegen. Und sie braucht den Bonus, schickt sie ihre Tochter doch auf eine teure Privatschule – nicht nur, weil es an ihrem Wohnort keine Schule mit Ganztagsbetreuung gibt.

„Eine gute Ausbildung für meine Tochter war mir immer sehr wichtig“, sagt die Alleinerziehende, die in vielen Situationen den Druck verspürt, mithalten zu müssen mit den Möglichkeiten, die die Klassenkameraden ihrer Tochter haben: Deren Eltern finanzieren ihren Kindern selbstverständlich den Führerschein, das dazugehörige Auto und einen Auslandsaufenthalt. Auch Knaufs Tochter will mit 17 Jahren für zwölf Monate nach London. Ein Wunsch, den die Mutter ihr nicht abschlagen möchte. Der leibliche Vater ihrer Tochter zahlt zwar einen Teil der Aufenthaltskosten, dennoch muss Knauf an ihre Ersparnisse ran.

„Ich hatte nie genug Zeit, immer zu wenig Geld und deshalb ein schlechtes Gewissen“, sagt Knauf.

Ihr Fall ist typisch für die heutige Zeit: Ob alleinerziehende Mutter mit Teilzeitjob oder Familienvater mit 70-Stunden-Woche – die Zahl derer steigt, die sich überfordert fühlen von dem Versuch, ihr Leben mit all seinen Facetten im Griff zu behalten.

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