Schulpolitik: Gymnasiallehrer drohen "Revolte" in Niedersachsen an

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Schulpolitik: Gymnasiallehrer drohen "Revolte" in Niedersachsen an

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In Niedersachsen sollen Real- und Hauptschulen zusammengelegt werden. Einige Lehrer sehen darin das ziel, das Gymnasium langsam abzuschaffen

von Ferdinand Knauß

Der Lehrerverband wirft der Hannoveraner Regierung vor, das Gymnasium abschaffen zu wollen. In Nordrhein-Westfalen eskaliert derweil der Streit um die Inklusion.

Josef Kraus gilt nicht gerade als Revoluzzer. Doch  die Schulpolitik der Landesregierung von Niedersachsen treibt den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands  auf die Barrikaden. Beim „Philologentag“ der niedersächsischen Gymnasiallehrer rief er dazu auf, notfalls eine „bürgerliche Revolte“ zu inszenieren.

Bildungspolitik, das zeigt nicht nur Niedersachsen, entwickelt sich zum emotionalsten und konfliktträchtigsten Politikfeld in den Bundesländern. Konfliktstoff ist nicht nur die vielerorts als gescheitert angesehene und in den meisten Ländern teilweise zurückgenommene  Verkürzung der gymnasialen Oberstufe (G8). Dazu kommt die problematische Umsetzung der so genannten Inklusion, also des gemeinsamen Unterrichts auch der behinderten Kinder in Regelschulen und ganz generell der seit Jahrzehnten schwelende Streit um die Schulformen.

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Was Schüler in der neunten Klasse können sollen

  • Was wurde diesmal getestet?

    Es ging um die Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik) – und zwar über alle Schulformen hinweg. In Mathematik wurden sechs Kompetenzformen aus dem gesamten Spektrum mathematischen Arbeitens untersucht, wie „Probleme mathematisch lösen“ aber auch „Raum und Form“ sowie „Daten und Zufall“. In den Naturwissenschaften ging es vor allem um Grundbildung, aber auch um fachübergreifendes Problemlösen.

  • Was ist die Basis für die Testaufgaben?

    Die Aufgaben wurden auf der Grundlage der von den Kultusministern für alle Bundesländern verbindlich eingeführten Bildungsstandards für diese Fächer entwickelt – unter Mitwirkung von Schulpraktikern. Bildungsstandards beschreiben, was ein Schüler am Ende einer Jahrgangsstufe können soll. Sie gelten für Lehrer als pädagogische Zielvorgabe und haben damit die zuvor in allen Bundesländern unterschiedlichen Lehrpläne abgelöst.

  • Wie läuft so ein Test ab?

    Die Untersuchung fand vormittags in der Schule statt und dauerte jeweils etwa dreieinhalb Zeitstunden (inklusive Pausen). Hinzu kamen anschließend Interviews mit Schülern, Fachlehrern und Schulleiter über die Lernbedingungen.

  • Welche Schulleistungs-Untersuchungen gibt es noch?

    Der „Klassiker“ ist die weltweite PISA-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Des weiteren gibt es noch die internationale IGLU-Grundschulstudie und die internationale TIMSS-Untersuchung mit den Schwerpunkten Mathematik und Naturwissenschaften – sowohl für die Grundschule als auch für die achten Klassen. Allerdings haben die Kultusminister bei PISA und IGLU die zuvor üblichen Bundesländervergleiche gestoppt. Deutschland macht zwar bei den internationalen Studien weiter mit, aber nur noch mit einer kleineren nationalen Stichprobe – etwa 5000. Dies ermöglicht kein Bundesländer-Ranking.

  • Was war der Grund für den deutschen Stopp?

    Darüber lässt sich nur spekulieren: Die Kultusminister können die politisch brisanten Bundesländervergleiche auf der Basis ihrer eigenen vereinbarten Bildungsstandards sicherlich besser steuern. Auch das IQB arbeitet im Auftrag der Kultusministerkonferenz. Zuvor war es vor allem mit den internationalen PISA-Forschern der OECD wegen der ungünstigen deutschen Chancengleichheitswerte und der Schulstrukturfrage immer wieder zu Konflikten bei der Interpretation von Daten gekommen.

  • Wie sind die innerdeutschen Ergebnisse diesmal zu interpretieren?

    Überraschend ist, dass neben allen ostdeutschen Ländern diesmal aus dem Westen nur Bayern und Rheinland-Pfalz durchgängig gut abschneiden. Mathematik und Naturwissenschaften waren eine Domäne der DDR-Schulen. Auf die Fachlehrerausbildung legte man hier besonderen Wert. Auch spielen die Naturwissenschaften auf den Stundentafeln der ostdeutschen Schulen heute noch eine größere Rolle als im Westen.

  • Was wurde noch ermittelt?

    Die Studie belegt erneut die erschreckend hohe Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft in Deutschland. Neuntklässler aus der Oberschicht haben gegenüber Gleichaltrigen aus bildungsfernen Schichten einen Lernvorsprung in Mathematik von fast drei Schuljahren.

  • Welche Kritik gibt es an den Bundesländervergleichen?

    Bildungsexperten raten seit Jahren, nicht ganze Bundesländer miteinander zu vergleichen, sondern besser Regionen mit ähnlichen Wirtschaftsstrukturen und Problemlagen. Also etwa Berlin mit dem Ruhrgebiet, wegen der hohen Ausländerquoten unter den Schülern, oder ländliche Gebiete im Osten Deutschlands mit denen im Westen, wegen Abwanderung und Bevölkerungsrückgang.

Haupt- und Realschulen sollen zusammengelegt werden

Die rot-grüne Hannoveraner Landesregierung plant nun ein Gesetz, das integrierte Gesamtschulen gegenüber den anderen Schulformen deutlich stärken dürfte. So sollen beispielsweise Haupt- und Realschulen auch zu einer Integrierten Gesamtschule (IGS) zusammengelegt werden, falls ausreichend Schüler dafür vorhanden sind. Ein Gymnasium soll dagegen weiterhin „unter zumutbaren Bedingungen“ erreichbar bleiben. Bislang dürfen Gesamtschulen in Niedersachsen nur als ergänzende Schulform angeboten werden. In Zukunft könnten sie auch mit Grundschulen organisatorisch zusammengefasst werden. Die Entscheidung über die angebotenen Schulen liegt alleine bei den Städten und Gemeinden.

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Quelle: Getty Images

Kraus wirft der Landesregierung eine ideologiegeleitete Politik der „Trojanischen Pferde“ vor, die letztlich das Ziel verfolge, das Gymnasium abzuschaffen.  „Niedersachsen tut genau das, was man tut, wenn man trickreich eine Schulform kaputt machen will: Dazu gehören unter anderem die Abschaffung einer eigenständigen Gymnasiallehrerbildung, der Verzicht auf jede Laufbahnempfehlung am Ende der Grundschule, die Abschaffung des Sitzenbleibens, der curriculare Nihilismus kompetenzorientierter Lehrpläne sowie die totale Frustration der Lehrerschaft der Gymnasien durch eine dramatische Verlängerung der Arbeitszeiten.“

Kraus bezeichnete in Goslar die niedersächsische Schulpolitik als ein „Recycling eines Gebräus aus Marxismus, Behaviorismus und Egalitarismus.“ Das geplante neue Gesetz sei kein „Bildungschancengesetz“, als welches es Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) anpreise, sondern ein „Chancenvernichtungs- und Einebnungsgesetz“.

Heiligenstadts Sprecherin wies den Vorwurf, das Gymnasium schwächen oder gar abschaffen zu wollen, zurück. Im Gegenteil habe man die Gymnasien durch die Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren (G9) schließlich gestärkt.

Streit um Inklusion in NRW

Ein neuer schulpolitischer Aufruhr herrscht derzeit auch in Nordrhein-Westfalen. Anlass ist die Inklusion. Die Befürchtung vieler Skeptiker, dass die Auflösung der Förderschulen von der Landesregierung als Möglichkeit zum Geldsparen missbraucht würde, hat neue Nahrung erhalten durch einen Brief, der der „Rheinischen Post“ vorliegt: Die Bezirksregierung Köln als Schulaufsichtsbehörde fordert darin die Schulträger, also in der Regel die Gemeinden, auf, dem gemeinsamen Unterricht generell zuzustimmen, um „Verwaltungsaufwand“ zu begrenzen.

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Foto von Schülerin Quelle: Fotolia

Es geht dabei um die besonders förderungsbedürftige Kinder der Bereiche Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung. Schließlich, so heißt es in dem Brief, sei für diese Kinder „in der Regel zusätzliche sächliche oder personale Ausstattung nicht vonnöten“.

Zu Deutsch: Die Lehrer an den Regelschulen sollten mit den besonders schwer beschulbaren Kindern halt irgendwie klarkommen.

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Der Landeschef des NRW-Philologenverbands, Peter Silbernagel, ist empört: „Diese Aufforderung zum Blankoscheck missachtet jede pädagogische Verantwortung.“ Bereits jetzt, so Silbernagel seien die Lehrer völlig unzureichend auf die Inklusion vorbereitet. Oft fehlt der für die förderbedürftigen Schüler eigentlich vorgesehene zweite Lehrer im Unterricht.

In Sylvia Löhrmanns Kultusministerium kündigte ein Sprecher an, man werde „der Sache nachgehen“. Für Löhrmann und ihre Kollegen in den anderen Bundesländern dürfte die Inklusion noch für so manchen Konflikt sorgen. 

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