Pädagogen ohne Arbeit: Wohin mit den ganzen Lehrern?
Bloß nicht mit den Fingern rechnen
Wenn kleine Kinder anfangen zu rechnen, tun sie das in der Regel mit ihren Fingern: Sie zählen ab, wie viel "vier plus eins" ergibt. Was man ihnen in der Schule ganz schnell wieder abtrainiert. Denn spätestens beim Einmaleins helfen die zehn Finger ja auch nicht mehr weiter. Mathe ist eben abstrakt. Ganz falsch, sagt Jo Boaler. Sie ist Professorin für Mathedidaktik an der Stanford University und kann belegen: Um Mathematik zu lernen, müssen Menschen Zahlen visualisieren. Das geht beispielsweise mit einem Rechenschieber, einem Abakus - oder mit den Fingern. Wer Kindern also verbietet, mit den Fingern zu rechnen, macht es ihnen unnötig schwer und behindert sie in der Entwicklung ihrer mathematische Fähigkeiten.
Foto: FotoliaEntweder kann man Mathe oder Sprachen
Mathe ist für viele Schüler ein Hass- beziehungsweise Angstfach. Oftmals werden sie damit getröstet, dass ihnen eben Sprachen und Geisteswissenschaften mehr liegen, als dröge Zahlenreihen. Dabei können auch sprachbegabte Teenager Mathe verstehen, wenn man sie richtig motiviert.
Dazu gehört, den Sinn dessen zu erklären, was vermittelt wird. Während in der Grundschulmathematik noch völlig klar ist, wozu das Einmaleins gut ist, sieht es bei Algebra, Stochastik und Analysis schon anders aus. Wer sich aber sagt: "Wozu soll das denn gut sein, das brauche ich doch nie im Leben" tut sich mit dem Lernen schwer. Wissenschaftler der Universität Tübingen haben bewiesen: Gymnasiasten, die sich mit dem Nutzen der Mathematik im alltäglichen Leben beschäftigt haben, schnitten bei Tests besser ab und waren motivierter als Schüler, die bloß stur Formeln pauken. Wer aus einem Mathemuffel also einen Zahlenfan machen will, muss ihn überzeugen, dass Mathe nicht nur in wenigen MINT-Studiengängen nützlich ist.
Ist ein Handy-Verbot sinnvoll?
Eine aktuelle Studie zweier Ökonomen der London School of Economics kommt zu dem Schluss, dass Schüler besser lernen, wenn Smartphones aus den Schulen verbannt werden. Der Leistungsanstieg entspräche fünf zusätzlichen Schultagen im Jahr. Bei den schwächeren Schülern sei der Effekt sogar doppelt so stark. Die britischen Forscher hatten die Leistungen von 16-jährigen Schülern an vier britischen Schulen vor und nach dem Handyverbot verglichen.
Doch Einigkeit herrscht bei dem Thema nicht. So bietet etwa das Bildungsportal des Landes Nordrhein-Westfalen Materialien und Regeln für die Nutzung des Smartphones im Unterricht. Dass das sinnvoll ist, haben im vergangenen Jahr Forscher der Universität Duisburg-Essen in einer Studie mit 100 Mittelstufenschülern herausgefunden. Sie untersuchten, inwieweit sich Smartphones und Tablets sinnvoll in den Unterricht einbinden lassen. „Im Projektverlauf hat sich die Nutzung immer dann als besonders hilfreich erwiesen, wenn sie der individuellen Förderung dient und Medien als Lernwerkzeuge selbstgesteuert von Lernenden genutzt werden können“, heißt es darin. Zudem könne so sichergestellt werden, dass die Schüler einen „sicheren, kritischen und reflektierten Umgang mit dem Internet“ lernen. Smartphones im Unterricht können also durchaus sinnvoll sein – wenn sie richtig eingesetzt werden.
Foto: dpaFehler helfen beim Lernen
Wer sich beim Lernen häufig verhaspelt und die Lösung raten muss, lernt trotzdem was. Eine kanadische Studie hat gezeigt, dass die Gedächtnisleistung sogar von den Fehlern profitiert. Dies gilt allerdings nur, wenn die Raterei nicht völlig ins Kraut schießt, sondern nur knapp an der richtigen Lösung vorbei ist. Wer häufig fast richtige Vermutungen anstellt, dem helfen diese wie kleine Brücken beim Erinnern an die korrekte Information. Diesen Vorteil konnten die Forscher sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Probanden feststellen. Wer sich selbst herantastet, profitiert davon also mehr, als wenn ihm die richtige Antwort vorgesagt wird.
Foto: FotoliaTexte wiederholt zu lesen, heißt viel zu lernen
Wer Texte häufiger liest, um sie auswendig zu lernen, der hat schon recht mit seiner Methode: Damit kann er sich die Texte wirklich besser merken. So hat es schon in Kinderzeiten mit dem Gedicht für Nikolaus oder Weihnachtsmann funktioniert. Aber übrigens auch nur, wenn man es vorher laut vor sich aufgesagt hat.
Allerdings bedeutet das wiederum nicht, dass man wirklich gelernt - also verstanden - hat. Auswendiglernen ist nicht gleich verstehen. Deshalb sollte man den Text versuchen etwa in anderen Worten zu erklären. Das hilft wirklich.
Foto: dpaGelerntes erzählen hilft, es sich zu merken
Wer etwas liest und es anschließend anderen erzählt oder mit jemandem bespricht, kann sich Sachverhalte und Zusammenhänge besser merken. Das stimmt. Wenn wir mit anderen sprechen, senden und empfangen wir Emotionen. Diese senden verstärkt Signale an unser Gehirn, wodurch wir uns das Besprochene besser merken können. Deshalb ist gemeinsam lernen auch häufig effektiver, als alleine zu pauken.
Foto: APHochbegabte sind Lernüberflieger
Wer einen ungewöhnlich hohen IQ hat, ist in der Schule noch lange kein Überflieger. Weil viele Hochbegabte in der Schule unterfordert sind, markieren sie den Klassenclown und bekommen entsprechend schlechte Noten.
Foto: FotoliaSport steigert die Konzentration
Die Meinungen der Wissenschaftler gehen auseinander: Hirnforscher sind sich sicher, dass das Gehirn vom Sport profitiert, da es dann mit mehr Blut und somit mehr Sauerstoff versorgt wird. Das kann eine neue Verknüpfung von Nervenzellen fördern, die den Kopf dadurch lernfähiger machen können. Das würde bedeuten, dass Sportler geistig fitter sind als Sportmuffel. Einen wirklichen Beweis dafür gibt es aber nicht - aussagekräftige Studien fehlen.
Lernforscher sagen deshalb, dass Sport und gesteigerter Denkleistung kein direkter Zusammenhang bestünde. Aber auch sie stimmen zu, dass Sport Stress und Aggressionen abbauen und damit auch zum Beispiel Denkblockaden aus der Welt schaffen kann - quasi "den Kopf frei machen". Somit ist Sport durchaus hilfreich beim Lernen, auch wenn es vielleicht keinen direkten Einfluss hat.
Foto: FotoliaManche sind nachts am lernfähigsten
Generell gilt, dass Tageslicht unsere Wachheit und Aufmerksamkeit steigert. Wer aber von sich behauptet ein Nachtmensch zu sein, muss nicht falsch liegen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Tagesrhythmus. Es gibt also sogenannte "Lerchen-Typen", die gerne früh aufstehen, weil sie dann am besten arbeiten können, und sogenannte "Eulen-Typen", sie nachts richtig aktiv werden und sich am besten aufs Lernen konzentrieren können. Ist man der Nachttyp, sollte man aber auch konsequent sein, um wirklich effektiv lernen zu können. Das heißt lange schlafen, spät aufstehen und dann die Nacht durch arbeiten - sprich den Tag-Nacht-Rhythmus komplett umdrehen. Wer morgens nur nicht aus dem Bett kommt, ist noch lange keine Eule.
Foto: FotoliaDer frühe Vogel fängt den Wurm
Genau diese Typen sagen auch schon viel darüber aus, warum diese Lernmythe falsch ist. "Morgenstund' hat Gold im Mund" trifft nämlich nicht unbedingt für Schulkinder zu. Abgesehen von den Lerchen-Typen und Eulen-Typen haben verschiedene Forschungen der vergangenen Jahre gezeigt, dass die meisten Kinder am frühen Morgen wenig leistungsfähig sind. Nach der ersten großen Pause und nachmittags sind die meisten Schüler geistig deutlich fitter, so die Ergebnisse. Jugendlichen fällt es meistens noch schwerer. Deshalb plädieren viele Wissenschaftler für einen Schulstart zu einer späteren Uhrzeit und nicht zwischen sieben und acht.
Foto: dpa/dpaweb
Chaos macht kreativ
Ordnung gibt Sicherheit, weshalb kreative Köpfe gerne im Chaos versinken. Nur weil sich auf dem Schreibtisch Bücher und Zettel türmen, wird man aber noch lange nicht kreativ. Kreativ werden kann nämlich nur, wer bereits gelernt hat.
Foto: FotoliaLernen geht am besten unter Druck
Lernen unter Druck schafft für viele - vor allem im Studium - erst die dringende Notwendigkeit, die sie zum Lernen motiviert. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Experten warnen davor unter Zeitknappheit zu lernen, denn das sei nur erfolgreich, wenn schon viel Wissen vorhanden sei, auf das man aufbauen kann. Sie raten: Nur mit Ruhe und Entspannung gelingt lernen richtig gut - und kostet auch weniger Nerven.
Foto: dpa/dpawebGehirnjogging macht geistig fitter
Wer durch bekannte Denksportspiele, wie zum Beispiel die eines japanischen Doktors nutzt, um seine Intelligenz zu steigern, der übt vergebens. Aber Lernforscher sind sich einig, dass das Merken von Gegenständen oder Wörtern, das Gedächtnis trainiert und die Konzentration fördert. Wer allerdings viele Gedächtnistrainings macht, ist nicht gleich besser in Schule und Studium, denn zunächst verbessert man sich beim sogenannten Gehirnjogging immer nur darin, was man tut - also man wird in den Spielen besser. Fürs Lernen hilft es aber nur begrenzt.
Foto: dpaMusizieren macht klug
Eine schöne Idee, die sogar ein Stück Wahrheit birgt. Wer ein Musikinstrument spielt, kann seine Intelligenz nicht steigern, aber erwirbt andere Kompetenzen, die etwa zum Lernen sehr hilfreich sein können. Wer musiziert, gibt seinem Gehirn viel zu tun: Zum einen muss man sich konzentrieren, mit den Augen die Noten lesen, sie im Kopf übersetzen, sodass die Hände das Instrument entsprechend spielen können. Dann kommt noch das Hinhören hinzu, ob man auch die richtigen Töne trifft und schließlich ist damit noch viel Gefühl verbunden. Durch all diese Schritte und das häufige Wiederholen entstehen neue Vernetzungen im Gehirn. Das ist aber nicht einzigartig fürs Musizieren, sondern kann zum Beispiel auch durchs Schachspielen geschafft werden. Fazit: Wer ein Musikinstrument lernt, kann sich zusätzliche Kompetenzen aneignen, die helfen können, aber nicht unbedingt hilfreicher sind als andere Hobbys - wie etwa Sport.
Foto: dpaKurz-vor-knapp-Lernen funktioniert
Der Prüfungstermin rückt näher - Nur noch wenige Tage, manchmal wenige Stunden bis zur Prüfung und jetzt fängt man so richtig an zu lernen - und es funktioniert, meinen die "Fast-Food-Lerner", die sich dabei auf ihr Kurzzeitgedächtnis verlassen. Es ist ein ganz alltägliche Phänomen, dass wir das Hier und Jetzt wichtiger nehmen. Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin müssen erst trainiert werden. Wem es so geht, der setzt häufig auf das Last-Minute-Lernen und besteht vielleicht auch. Der Erfolg ist aber wahrscheinlicher, wenn man sich richtig vorbereitet - vor allem mit Blick auf die Zukunft. Wer nicht in der Schule oder spätestens im Studium anfängt, langfristig zu planen und sich langfristige Ziele zu setzen, der scheitern etwa beim ersten Großprojekt im Büro.
Foto: dpaWerden Kinder gelobt, lernen sie besser
"Das hast du richtig gut gemacht!", ist Balsam für jede Seele - ob klein oder groß. Bei Kindern wird immer wieder diskutiert, ob es sinnvoll ist zu loben. Psychologen sagen, dass es in gewissem Maße sinnvoll und notwendig ist. Wer aber für jede Kleinigkeit gelobt wird, bekommt ein falsches Selbstbild und ist häufig weniger motiviert. Deshalb sollte sich das Lob in Grenzen halten. Außerdem kommt es auch darauf an, was man lobt: Statt sein Kind für sein Talent zu loben, sollte man zeigen, dass man besonders die Anstrengung oder das Durchhaltevermögen schätzt. Das kann durchaus motivieren und dazu verhelfen, dass Kinder mit mehr Spaß lernen und dadurch auch besser darin sind.
Foto: FotoliaAus Fehlern und Kritik lernt man am meisten
Es ist das Grauen vieler Kinder: "Komm du doch bitte mal an die Tafel!" Wer vorne steht, fühlt sich schnell bloßgestellt. Dabei ist die Idee dahinter nicht, einen Schüler lächerlich zu machen, sondern dass die ganze Klasse profitiert: Fehler zu erkennen und sie zu korrigieren. Wer Fehler macht und sie selbst korrigiert, macht sie meistens nicht noch einmal. Wird Kritik zu viel, kann sie aber demotivieren und die Lernbereitschaft zunichte machen. Wer ständig Fehler macht, verliert die Lust und gibt häufig auf. Dann braucht man ein Erfolgserlebnis, um wieder auf Kurs zu kommen. Fehler und Kritik alleine machen einen also nicht lernfähiger - können in Maßen aber durchaus zum besseren Verständnis beitragen.
Foto: APIntelligente Kinder haben bessere Noten
Um eine gute Note zu bekommen, braucht es neben Intelligenz und Begabung auch Fleiß, Hingabe und Motivation. Ein intelligenter Mensch, der nicht lernt, bekommt schlechtere Noten als ein weniger intelligentes Kind, das sich anstrengt.
Foto: FotoliaWer lernt und es aufschreibt, merkt es sich besser
Das stimmt. Schreibt man etwas ab oder auf, ist das Gehirn intensiver mit dem Inhalt beschäftigt, als wenn man ihn nur liest. Dadurch ist an dem Spruch "durch die Hand ins Gedächtnis" durchaus etwas Wahres dran. Das gilt allerdings nur fürs Handschriftliche! Wer sich etwas merken will, dem hilft das Tippen eines Textes deutlich weniger, als wenn er ihn mit der Hand schreibt.
Foto: dpaDie Jüngsten lernen am besten
Der Englischkurs für die Dreijährige, Französisch mit vier - Frühförderkurse boomen. Experten warnen aber davor, dass das eigene Kind überfordert werden könnte. Kinder sammeln nur so viel Wissen, wie sie es für ihre Entwicklung benötigen. Können sie die ihnen gestellten Aufgaben lösen können, weil sie ihrem Alter und ihren Fähigkeiten entsprechen, so lernen sie optimal. Kinder sind von Geburt an neugierig und lernen sehr gerne. Deshalb wird häufig gesagt, dass sie am besten lernen können. Aber auch sie können überfordert werden. Nur weil sie sich für besonders viel begeistern lassen, lernen sie aber nicht besser. Also liebe Eltern, kein Stress mit tausend Kursen für die Vorschulkinder! Auch der Grundschüler, Teenager oder Student kann durchaus neugierig, wissbegierig und gut im Lernen sein - je nach Thema sogar besser als das Vorschulkind.
Foto: dpaKinder müssen immer gelobt werden
Eltern sollten die Leistungen ihrer Kinder loben, aber nicht übertreiben. Wer sein Kind für jede Kleinigkeit als Genie und sonstiges lobt, tut dem Selbstbild seines Kindes nichts Gutes.
Foto: FotoliaWas Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr
Was bei Kindern übertrieben wird, traut man Senioren häufig nicht mehr zu. Sie werden häufig im wahrsten Sinne des Wortes zum "alten Eisen" gezählt. Lernfähigkeit traut man der älteren Generation nicht mehr zu. Das ist aber falsch. Senioren beweisen heutzutage Tag für Tag, wie lernfähig sie noch sind: Sie lernen Fremdsprachen, mit Computern umzugehen oder schreiben sich für Studiengänge ein und machen Master in Physik oder Philosophie. Während Kinder sich noch ein gewisses Grundwissen aneignen müssen, können viele ältere Menschen bereits auf ihr Vorwissen zurückgreifen und lernen deshalb noch nicht einmal unbedingt langsamer als die Jüngeren. Ihr großer Nachteil liegt hingegen darin, gewohnte Abläufe und automatisiertes Verhalten zu ändern - das Umlernen ist die Schwierigkeit für die Erwachsenen. Neues Wissen fällt ihnen ähnlich leicht oder schwer wie Kindern.
Foto: CLARK/obsIm Schlaf wird weitergelernt
Das Gehirn arbeitet rund um die Uhr. Damit stimmt die Aussage, dass man im Schlaf weiterlernt. Während wir schlummern, verarbeitet unser Gehirn die neuen Eindrücke und Informationen des Tages. Die "Datenflut", die wir am Tag aufgenommen haben, wird sortiert und gespeichert. Der Lernprozess geht im Schlaf also weiter.
In langen und anstrengenden Lernphasen ist Schlaf deshalb besonders wichtig, um Gelerntes gut zu verinnerlichen. Ein kleiner Mittagsschlaf und viel Schlaf in der Nacht sollten in jeder Lernphase also drin sein - besonders in der nächtlichen Tiefschlafphase werden Informationen tiefer abgespeichert.
Foto: FotoliaLatein fördert das logische Denken
Das stimmt so nicht. Nur wer in der Schule gelernt hat das "Veni vidi vici" nicht wörtlich "Er kam, sah und siegte" heißt, denkt nicht logischer als diejenigen, die doch lieber Französisch gepaukt haben. In wissenschaftlichen Untersuchungen zeigte sich, dass Lateinschüler Logikaufgaben nicht besser lösen als andere Schüler. Allerdings sind es Lateinschüler gewohnt, mit komplizierten Sätzen umzugehen und methodisch zu übersetzen. Das erleichtert das Lernen anderer Sprachen. Außerdem haben Lernforscher festgestellt, dass Schüler mit Lateinunterricht auch im Deutschen komplexere Sätze bilden können und leichter Fehler in deutschen Sätzen erkennen.
Foto: APJungs sind besser in Mathe als Mädchen
Die Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen, was die mathematischen Fähigkeiten angeht, sind minimal. Reden sich Mädchen aber immer ein, dass sie Mathe nicht können oder bekommen es von Eltern und Lehrern eingetrichtert, werden sie sicherlich keine Mathegenies.
Foto: ASSOCIATED PRESS
Julia Zobel, die eigentlich anders heißt, hat direkt nach dem Abitur angefangen zu studieren: Latein auf Lehramt für Gymnasien an einer Universität in Thüringen. Bis zum Ende des Referendariats, mittlerweile schon in Nordrhein-Westfalen, ging es für sie rasant weiter - doch dann war Schluss.
Nach dem Referendariat durfte sie noch bis zum Ende des Schuljahres an ihrer Ausbildungsschule bleiben. Seitdem schlägt sie sich mit verschiedenen Jobs durch, trotz eines guten Abschlusses.
"Ich habe mindestens bei 100 Schulen im Umkreis von 100 km angerufen und mich vorgestellt, um wenigstens die Chance auf eine Vertretungsstelle in der Nähe zu bekommen", sagt sie. "Keine Chance."
Der Beruf des Lehrers galt lange als besonders sicher. Aber das ist ein Irrglaube. Fast alle Bundesländer klagen heute über zu viele Bewerber auf zu wenige Stellen. Nur wer günstige Fächerkombinationen studiert und ein überdurchschnittliches Examen macht, hat heute noch Chancen.
Insgesamt gab es in Deutschland im Schuljahr 2012/2013 665.892 Lehrer an allgemeinbildenden Schulen. Glaubt man Experten wie dem Bildungsforscher Klaus Klemm, so ist Julias größtes Problem ihre geisteswissenschaftliche Fächerkombination, die viele Studienfänger anzieht. Klemm erwarten in den kommenden Jahren in allen Schulformen und über alle Fächer hinweg "ein Überangebot an zur Verfügung stehenden Lehrern". Durchschnittlich, sagt Klemm, werden pro Jahr bis zu 8000 Menschen mehr Stellen suchen als angeboten werden: "Vor allem an Gymnasien in Westdeutschland."
2025 soll das Überangebot bei mehr als 13.000 Lehrern liegen, zurzeit sind es 2000. Es sind düstere Prognosen, die einzelne Bundesländer besonders hart treffen. Im nordrhein-westfälischen Bildungsministerium wird damit gerechnet, dass bis 2029 mehr als 20.000 Lehrer auf Stellensuche sein werden.
Ein Grund: Die doppelten Abiturjahrgänge, die den Bedarf an Absolventen deutlich übersteigen. Abnehmende Schülerzahlen und eine geringen Anzahl an Lehrern, die in den kommenden Jahren pensioniert werden, verschlimmern das Problem.
Die Prognosen sind also alles andere als vielversprechend. Sollte man deshalb auf seinen Traumjob verzichten? Darauf gibt es keine einfache Antwort.
"Der Arbeitsmarkt für Lehrer ist und bleibt ein sehr gespaltener", sagt Josef Kraus, der schon seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes ist. Heißt im Klartext: "Günstige Aussichten für Lehrer gibt es bei Gymnasien, Realschulen, Gesamtschulen in den sogenannten MINT-Fächern, aber auch in den Berufsschulen. Ungünstig sind die Aussichten in Fächern wie Deutsch, Englisch und Geschichte."
Hannah Moormann aus Köln hat scheinbar alles richtig gemacht. Sie hat bis vor kurzem Mathematik auf Lehramt studiert und Glück gehabt: Im November beginnt sie mit ihrem Referendariat. Einer der wenigen Wehrmutstropfen ist, dass sie wenige Wochen vor dem Start noch nicht weiß, an welche Schule sie kommen wird. Klar ist lediglich, dass sich diese Schule dem Studienseminar Solingen zugeteilt ist.
Sie ärgert sich darüber, dass die angehenden Referendare keinen Einfluss darauf hatten, wo sie die nächsten anderthalb Jahre ihr Referendariat absolvieren dürfen. „Solingen war nicht gerade mein Traumziel, andere hat es schlimmere getroffen“, sagt sie.
Noch vor zehn Jahren prognostizierte die Kultusministerkonferenz einen Lehrermangel. 70.000 Pädagogen sollten damals fehlen – im Jahr. Heute gibt es zu viele Lehrer, weil das Studium nach wie vor großer Beliebtheit erfreut und die Abbruchquoten nur punktuell hoch sind.
Moormann glaubt deshalb, dass der Beruf des Lehrers auch in Zukunft eine "recht sichere Anstellung" ist. "Bildung ist ein wichtiger Grundstein für unsere Gesellschaft und Stellen für Lehrer kann man nun nicht einfach wegrationalisieren."
Bereits vor 30 Jahren herrschte eine ausgeprägte Arbeitslosigkeit unter Lehrern. Das hat bis heute Auswirkungen: Schließlich gehen deshalb heute weniger Menschen in Pension und entsprechend weniger Stellen sind neu zu besetzen, sagt Kraus vom Lehrerverband. Das hat negative Auswirkungen für Menschen, die gerne unterrichten möchten: "Angehenden Abiturienten würde ich zu einem Studium der MINT-Fächer raten, wenn man sich dafür begabt hält. Deutsch, Englisch und Geschichte können auch studiert werden, aber Lehramtsanwärter sollten sich klar darüber sein, dass sie dann nur eine Chance haben, wenn sie deutlich überdurchschnittliche Examina vorweisen." Er selbst ist das beste Beispiel. Er hat Deutsch und Sport auf Lehramt für Gymnasien studiert hat und leitet mittlerweile seit knapp 20 Jahren ein Gymnasium in der Nähe von Landshut.
Doch klar ist auch: Die Anforderungen an die Lehrer haben sich ebenfalls gewandelt. Der Beruf erfordere "ein hohes Maß an reflexiver Kompetenz", sagt Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender der GEW und Vorstandsmitglied für Hochschule und Forschung. "Beispielsweise bei Themen wie der sozialen Herkunft oder dem Geschlecht. Dabei gilt es, die eigene Lernbiografie genauso zu reflektieren, wie die der Schüler."
In den meisten Ländern sei der Praxisbezug im Lehramtsstudium in den vergangenen Jahren deutlich verstärkt worden, sagt Bildungsforscher Klemm. Julia Zobel allerdings war recht unzufrieden mit ihrem Studienseminar im Nordwesten Nordrhein-Westfalens: „Das Seminar war sehr oberflächlich und man hat oftmals keinen Sinn darin gesehen, überhaupt hinzugehen, weil es inhaltlich wenig gebracht hat. Auf eine Abschlussprüfung war man dadurch nicht unbedingt gut vorbereitet", sagt sie rückblickend. Der Vorsitzende des Lehrerverbandes sieht noch ein ganz anderes Problem: "Heute haben wir eine schwierigere Schülerschaft, weil sie weniger ausdauernd, unkonzentrierter und zum Teil auch auffälliger ist.
Vorbeugen könne man diesem Trend durchaus, und zwar durch weniger Schüler in den Klassen - und zusätzliches pädagogisches Personal.