Studium: Angst vor der Überakademisierung

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Studium: Angst vor der Überakademisierung

von Konrad Fischer und Max Haerder

Bald könnten mehr junge Deutsche ein Studium beginnen als eine Ausbildung. Aber nicht immer führt das zum erhofften Aufstieg.

Julian Nida-Rümelin ist ein Philosoph, wie er im Buche steht. Edel lockt sich sein Haar, lang sind seine Sätze, vielsprachig ist seine Publikationsliste. Kaum irgendwo könnte der Cäsarenkopf, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität und Ex-Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, so fehl am Platze wirken wie beim Wirtschaftsforum der Industrie- und Handelskammer Trier.

Und doch ist Nida-Rümelin für viele der rund 200 versammelten Unternehmer der Grund, diesen sonnigen Montagabend nicht am Moselufer, sondern in einem Tagungsraum zu verbringen. Als er eintritt, klatschen die Geschäftsführer und Prokuristen. Als er gesprochen hat, jubeln sie. Denn der Intellektuelle ist gekommen, um für ehrliche Handarbeit zu werben und gegen höhere Bildung für die Massen, für die er den prägenden Titel „Akademisierungswahn“ gefunden hat. Eine Kostprobe: „Facharbeiter bilden den Kern unseres Wohlstandsmodells, wir sind doch nicht trotz, sondern wegen unserer guten Ausbildung international so erfolgreich.“ Nida-Rümelin erinnert daran, wie sehr das Ausland das sogenannte „duale System“ in Deutschland bewundere, diese einzigartige Kombination aus Berufsschule und Lehre. Und er macht sich Sorgen um dieses Erfolgsmodell: „Schon bald könnte die klassische Lehre in Deutschland eine Ausbildung zweiter Klasse sein.“

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Anteil der Studiumsanfänger an allen Einsteigern in die nachschulische Bildung (zum Vergrößern bitte anklicken)

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Sein Auftritt in Trier ist für den Professor nichts Ungewöhnliches, seit Monaten flattern ihm ähnliche Einladungen auf den Schreibtisch, von Handwerkskammern wie von Gymnasiallehrern. Als Nida-Rümelin 2013 erstmals vor dem Akademisierungswahn warnte, wirkte er wie ein einsamer Rufer. Mittlerweile hat er schon den zweiten Titel zum Thema vorgelegt, „Die Bildungskatastrophe“. Zur Vorstellung kam sogar die Bundesbildungsministerin.

Denn der Autor weiß die Zahlen auf seiner Seite. Im Sommer 2007 begannen 624 000 junge Menschen in Deutschland eine berufliche Ausbildung, 361 000 schrieben sich für ein Studium ein. Das war über Jahre die gewohnte Größenordnung: fast doppelt so viele Auszubildende wie Studenten. Ein paar Jahre später ist der gewaltige Abstand merklich geschrumpft. 520 000 neue Azubis gab es 2014 – und 501 000 Studienanfänger. Schreibt man die Entwicklung fort, werden in diesem Sommer erstmals mehr Menschen ein Studium beginnen als eine Ausbildung.

In einer knappen Dekade hat sich die deutsche Bildungslandschaft grundlegend verändert. Das Studium für alle war über Jahrzehnte ein Traum vor allem der Sozialdemokratie, die mehr Chancengleichheit und Aufstiegschancen forderte. Jetzt ist das Realität geworden, für Hunderttausende. Doch zugleich entsteht eine zweite Realität: Das akademische Versprechen hält nicht.

Hendrik Beyer kennt die Erzählungen über die Segnungen des Studiums von Kindesbeinen an. Schon seine Eltern haben studiert, ebenso die Großeltern. Als er das Gymnasium in Bitterfeld beendet hatte, stand der Entschluss über seine Zukunft bereits fest. „Über eine Ausbildung habe ich gar nicht nachgedacht“, erinnert sich Beyer. Die Entscheidung fürs Studium, sie war „gesetzt“.

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