Fachkräftemangel: Unternehmen müssen selbst für Nachwuchs sorgen

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Fachkräftemangel: Unternehmen müssen mehr selbst ausbilden

, aktualisiert 05. Dezember 2017, 16:20 Uhr
von Kerstin Dämon

Mehr als 300.000 Azubis haben 2017 ihre Ausbildung beendet. Doch das reicht nicht, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Schuld ist der Akademisierungswahn – die Unternehmen brauchen mehr Praktiker. Da hilft nur, sich den Nachwuchs selbst heranzuziehen.

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Wie man sich rechtzeitig um den Nachwuchs kümmert, vermeidet man Fachkräftemangel.

Als Günther noch jung war, da war die Welt noch in Ordnung. Als er 1972 in Korntal im Landkreis Ludwigsburg sein Abitur machte, da sah Europa noch anders aus. Es gab Grenzen und verschiedene Währungen, die Preispolitik war eine andere – 300 Gramm Gänseleber kosteten in Straßburg auf dem Markt zwölf Francs. Heute entspräche das 1,82 Euro. Auch der Arbeitsmarkt unterschied sich deutlich vom heutigen, erzählt Günther.

Der EU-Kommissar für Haushalt und Personal, Nachname Oettinger, steht vor 213 jungen Menschen im Berliner Hotel Maritim. Sie sind in ihren Berufen zu den besten Auszubildenden Deutschlands gekürt worden – unter mehr als 300.000 Prüfungsteilnehmern.

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Jeder dritte Betrieb hat offene Lehrstellen

"Den Bundesbesten gebührt meine größte Anerkennung und mein Respekt", sagte Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). "Dennoch ist der Blick auf unseren deutschen Ausbildungsmarkt nicht ungetrübt: Für junge Menschen wird es zwar immer leichter, einen Ausbildungsplatz zu finden. Für Unternehmen aber wird es immer schwerer, ihre offenen Ausbildungsplätze zu besetzen", bilanzierte Schweizer. In jedem dritten Betrieb blieben inzwischen Ausbildungsplätze unbesetzt, fast jeder zehnte IHK-Ausbildungsbetrieb habe im vergangenen Jahr nicht einmal eine einzige Bewerbung erhalten.

Die gängigsten Thesen zum Fachkräftemangel - und ihr Wahrheitsgehalt

  • „Schon jetzt gibt es Fachkräfte-Engpässe“

    Das stimmt zwar für einige Berufsgruppen, ist aber auch regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die aktuellste Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit etwa sieht keinen flächendeckenden Fachkräftemangel - wohl aber Engpässe in einigen technischen Berufen sowie in Gesundheits- und Pflegeberufen. Mit durchschnittlich 162 Tagen am längsten bleiben demnach Stellen in der Altenpflege unbesetzt, gefolgt von Jobs im Bereich Heizung, Sanitär, Klimatechnik und Klempnerei (150 Tage) sowie Softwareentwicklung und IT-Beratung (143 Tage).

    Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) wiederum kommt in einer Analyse zu dem Ergebnis, dass die Firmen derzeit etwa die Hälfte aller Stellen in Engpassberufen ausschreiben und somit Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung vielerorts bereits die Regel und nicht die Ausnahme seien. Im Süden sei die Lage dabei angespannter als im Norden, aber auch in Ostdeutschland spitze sich die Situation teils zu. Auch Enzo Weber vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) sagt: In einigen ostdeutschen Boom-Regionen steige der Arbeitskräftebedarf bei gleichzeitig fehlendem Zuzug entsprechender Fachkräfte.

  • „Das Problem wird sich künftig verschärfen und auch aufs Wirtschaftswachstum drücken.“

    Das lässt sich nicht ohne weiteres genau prognostizieren. Vorhersagen aus der Wirtschaft zur künftigen Fachkräftelücke stoßen deshalb regelmäßig auf Kritik - auch weil dahinter das Interesse vermutet wird, möglichst viele junge Leute für technische Berufe zu rekrutieren und so die Bezahlung zu drücken. Fest steht nur: Zwar schmälern die Alterung der Gesellschaft und der Trend zum Studium die Zahl potenzieller Bewerber in bestimmten Berufen. Aber die Digitalisierung könnte diese Entwicklung abfedern. Noch lässt sich allerdings nicht genau absehen, in welcher Geschwindigkeit der zunehmende Einsatz von Sensorik, Maschinen und Robotern menschliche Arbeitskräfte einmal ersetzen wird. Auch wie sich Zuwanderung und die Aufnahme von Flüchtlingen mittel- bis langfristig auf das Fachkräftepotenzial auswirken, bleibt abzuwarten.

  • „Viele Jugendliche sind nach der Schule nicht ausbildungsfähig.“

    Darüber klagen Wirtschaftsvertreter immer wieder. Zu häufig hapere es nicht nur an ausreichenden Mathematik- und Deutschkenntnissen, sondern auch an sozialen Kompetenzen, sagte erst kürzlich der Hauptgeschäftsführer der bayerischen Metall-Arbeitgeberverbände, Bertram Brossardt. In einer kürzlich veröffentlichten Branchenumfrage in Bayern hatte fast die Hälfte der Unternehmen, die ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen konnten, eine fehlende Eignung der Bewerber als Ursache angegeben. Doch Ausbildungs- und Arbeitsmarktexperten halten dagegen: Angesichts schrumpfender Bewerberzahlen sollten die Firmen auch sozial benachteiligten Jugendlichen und jungen Leuten mit schwächeren Schulabschlüssen Chancen bieten.

  • „Der Fachkräftemangel ist auch hausgemacht.“

    Vor allem die Gewerkschaften werfen Arbeitgebern in Berufen mit Nachwuchssorgen vor, zu wenig für die Ausbildungsqualität zu tun. Überstunden, fehlende Ausbildungspläne oder hoher Druck - solche Mängel machten manche Berufe für junge Leute eben unattraktiv, argumentiert etwa der Deutsche Gewerkschaftsbund. In seinem jährlichen Ausbildungsreport kommen etwa immer wieder Ausbildungsgänge im Hotel- und Gaststättengewerbe vergleichsweise schlecht weg. Genau in solchen Berufen gebe es besonders viele unbesetzte Ausbildungsplätze, sagt DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller. Um Abhilfe zu schaffen, haben Wirtschaft und DGB ein spezielles Beschwerde-Management auf den Weg gebracht.

  • „Fachkräfte und Auszubildende sind oft zu wenig mobil.“

    Darauf macht etwa die IW-Studie aufmerksam - und empfiehlt den Arbeitgebern, selbst aktiver und beweglicher zu werden. Neben dem Blick über den regionalen Tellerrand bei der Suche von Fachkräften und Azubis könnten die Betriebe den jungen Leuten vor Ort verstärkt Wohnmöglichkeiten anbieten und auch Arbeitslose zum Umzug bewegen.

  • „Die Weiterbildung muss ausgebaut werden.“

    Hier besteht dringender Handlungsbedarf, sagt etwa IAB-Experte Weber - und Staat und Betriebe sollten dabei Hand in Hand arbeiten, auch um den digitalen Wandel gut zu bewältigen. „Wir brauchen eine Weiterbildungspolitik.“

Und hier sind wir wieder bei Oettingers Erkenntnis, dass die Welt heute ganz anders aussieht, als zu der Zeit, als er 16 Jahre alt war. Denn was für die Azubis gut ist, weil sie sich die Stellen vermeintlich aussuchen können, wird für die Unternehmen zum bösen F-Wort:

Fachkräftemangel.

Denn die meisten Unternehmen, die vakante Stellen nicht besetzen können, suchen keine Akademiker, sondern Fachkräfte mit Berufsausbildung. Das zeigt der DIHK-Arbeitsmarktreport 2017. Jedes zweite Unternehmen, das erfolglos Bewerber sucht, braucht Arbeitskräfte mit einer dualen Berufsausbildung. Seit 2014 stehen die ganz oben auf der Fahndungsliste der Personaler. Besonders im Gastgewerbe (68 Prozent), im Ausbaugewerbe (61 Prozent), im Einzelhandel (60 Prozent) sowie bei Herstellern von Metallerzeugnissen (55 Prozent) haben Menschen mit einer entsprechenden Ausbildung quasi Jobgarantie. Zum Vergleich: Die bis 2012 raren Hochschulabsolventen sind heute nur noch in rund jedem dritten Unternehmen knapp.

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