Alkoholismus: Entspannungstrinken für die Stressgesellschaft

InterviewAlkoholismus: Entspannungstrinken für die Stressgesellschaft

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Viele sind es, kaum einer spricht darüber. Alkoholismus ist weiterhin ein Tabuthema in Deutschland.

von Dieter Schnaas und Christopher Schwarz

Die meisten westlichen Nationen trinken zu viel Alkohol - häufig gegen den Stress. Der Publizist Daniel Schreiber, Autor des Buchs "Nüchtern", über die neuen Trinkgewohnheiten der Stressgesellschaft.

WirtschaftsWoche: Herr Schreiber, Alkoholismus ist eine Volkskrankheit, heißt es. Nach einer Erhebung der Bundeszentrale für Gesundheit sind 27 Prozent der erwachsenen Bevölkerung nicht in der Lage, ohne schwerwiegende gesundheitliche und psychische Folgen zu trinken. 27 Prozent! Ist das nicht maßlos übertrieben?

Daniel Schreiber: Auch ich war zunächst verblüfft. Jeder Vierte – da stellt man sich eine völlig dysfunktionale Gesellschaft vor. Aber wenn man genauer hinblickt, gewinnt die Zahl an Plausibilität. Wir alle kennen Menschen, die regelmäßig und vor allem zu viel trinken. Die meisten von ihnen würden niemals zugeben, an der Schwelle zum Alkoholismus zu stehen. Das ist das Grundproblem. Abhängigkeit ist eine Krankheit, die einem sagt, dass man sie nicht hat.

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Zur Person

  • Daniel Schreiber

    Schreiber, 36, veröffentlichte 2007 die Biografie „Susan Sontag. Geist und Glamour“. Jetzt erscheint bei Hanser sein sehr persönlich gehaltenes Buch „Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“.

Die einem sagt: Die anderen haben ein Problem, ich selbst aber nicht...

Das auch! Unser Bild von Alkoholabhängigkeit ist immer noch bestimmt vom Trinker, der mit der Flasche auf der Parkbank hockt, der Job und Familie verloren hat – der also genauso aussieht, wie man sich einen Alkoholiker vorstellt. Doch solche Fälle machen nur einen geringen Prozentsatz der Menschen mit Alkoholproblemen aus. Die Wahrheit ist, dass die meisten von ihnen ganz normale Lebensläufe haben und völlig unauffällig durch ihren Alltag gehen. Sie gehen ihrem Beruf nach, haben Kinder, besuchen Elternabende und fahren am Wochenende aufs Land. Die längste Zeit führen sie ein Leben, das gut funktioniert und erfolgreich wirkt. Ihr Alkoholproblem verstecken sie hinter klug konstruierten Fassaden. Ich kenne sehr viele solcher Menschen. Ich war selbst einer von ihnen.

Und irgendwann bekommen diese Fassaden Risse?

Beim einen früher, beim anderen später. Wenn man abhängig ist, ist Selbsttäuschung ein sehr effektives Mittel, um vor Problemen die Augen zu verschließen. Es kann viele Jahre dauern, bis man versteht, dass einem das Trinken das Leben nicht erleichtert, sondern, im Gegenteil, jede Menge Probleme verursacht. Gerade wenn man sich mit Menschen umgibt, die genauso trinken wie man selbst. Zudem bringen viele Problemtrinker ziemlich lange genug Disziplin auf, um in einem scheinbar erträglichen Maß zu trinken. Kaum einer von uns würde sagen, dass jemand, der eine halbe Flasche Wein am Abend trinkt, ein Alkoholproblem hat. Das Robert-Koch-Institut stuft diese Art von Konsum schon als Rauschtrinken ein.

Daniel Schreiber arbeitete als Redakteur für Monopol und Cicero und ist seit 2013 wieder freier Autor. Seine Texte erscheinen u. a. in der ZEIT, dem Philosophie Magazin, der Weltkunst und der taz. Quelle: Creative Commons/Daniel Schreiber

Daniel Schreiber arbeitete als Redakteur für Monopol und Cicero und ist seit 2013 wieder freier Autor. Seine Texte erscheinen u. a. in der ZEIT, dem Philosophie Magazin, der Weltkunst und der taz.

Bild: Creative Commons/Daniel Schreiber

Und – was verrät uns das?

Nicht jeder, der ein paar Gläser Wein trinkt, ist schon abhängig. Aber er kann es werden. Das Problem besteht darin, dass die Grenze zur Sucht fließend ist, dass niemand genau weiß, wann aus einer Gewohnheit eine Krankheit wird. Wäre es in meinem Fall bei einer halben Flasche Wein geblieben, dann hätte ich wahrscheinlich nie aufgehört zu trinken.

Es gibt also einen Punkt, an dem der Konsum in die Abhängigkeit umschlägt, die Gewohnheit in die Krankheit?

Es ist, wie gesagt, kein Punkt, sondern ein Prozess. Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass mir mein Leben immer mehr aus der Hand glitt. Auch wenn ich mir vornahm, mal nicht zu trinken, trank ich. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern immer wieder. Und wenn ich zu trinken begann, wusste ich oft nicht, wie der Abend enden würde. Angehörige und Freunde fragen sich oft, warum Abhängige trinken, warum sie weiter trinken, wenn sie dabei doch offensichtlich ihr Leben zerstören. Dabei hat das mit eigenem Willen wenig zu tun. Abhängigkeit kann man nicht mit Logik beikommen. Sie ist eine neurologische Krankheit. Ob du es willst oder nicht, dein Kopf hat ganz ohne dein Zutun immer schon für dich entschieden, dass du trinkst.

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