Burning Man Festival: Die Utopie einer anderen Wirtschaft

Burning Man Festival: Die Utopie einer anderen Wirtschaft

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Das Burning Man Festival aus der Luft.

von Miriam Meckel

In der Wüste von Nevada campen 70.000 Menschen eine Woche lang gegen alle Widrigkeiten in Sand und Hitze. Das Burning Man Festival feiert das Leben ohne Geld weitab von der Zivilisation. Gibt es sie also doch, die Schenkökonomie, in der alles gegeben, aber im Gegenzug nichts erwartet wird? Eine Spurensuche im Sand.

Am Anfang war eine Pflaume. Das hat nichts Anzügliches und ist auch kein Fehler in der biblischen Fruchtfolge. Die Pflaume ist schlicht der Beginn einer Erfahrung. Sie fällt vom Stamm, der wiederum Teil eines hölzernen Hochstands ist. Sie ist ein Geschenk. Das erste in einer langen Reihe.

Das Gute fällt hier vom Himmel, im Fall der Pflaume wörtlich. Und der Himmel ist die Gemeinschaft, in der die „Burner“ für eine Woche aufgehen. Aus ihr kommt alles, was man zum Leben braucht, und in sie geht alles, was man zu geben hat.

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Dafür steht die Pflaume, geworfen von einem jungen Mann, der mit Freunden eines der vielen Camps hier beim Burning Man Festival errichtet hat. Es steht auf dem sandigen Boden der Hunderte Quadratmeter großen Brache eines ausgetrockneten Salzsees in der Wüste von Nevada. Nichts gibt es hier. Wer herkommen will, muss mitbringen, was er braucht. Nein, falsch. Er muss viel mehr mitbringen, als er braucht, denn die anderen brauchen ja auch etwas. Und wo immer jemand etwas braucht, bekommt er es geschenkt. Brauchte ich eine Pflaume? Nein, aber sie hat geschmeckt und war gleichzeitig die Einladung, auf den Hochstand zu steigen: „Du bist gerade angekommen? Cool, dann freue ich mich, dass ich dein erster Gastgeber bin.“

Vom hölzernen Hochplateau dröhnt Technomusik, die Happy Hour ist angebrochen. Sie heißt auch so, obwohl Drinks, die nichts kosten, nicht mehr billiger werden können. Man hängt sprachlich noch ein bisschen in der Kommerzwelt fest. Hier trinken alle alles, solange die Vorräte reichen. Gläser gibt es nicht. Der Profi-Burner hat immer einen verbeulten Kupferbecher am Gürtel hängen, um auf spontane Einladungen vorbereitet zu sein.

Wir trinken, reden, tanzen, und irgendwann zieht man eben weiter. Oder auch nicht. Es ist diese positive Gleichgültigkeit gegenüber allem Zukünftigen, die den Burning Man zu etwas Besonderem macht. Das Festival ist die Weltwerdung menschlicher Kontingenz, das Bekenntnis zur grundsätzlichen Offenheit und Ungewissheit. Auf Geld als Tauschmittel zu verzichten ist da fast logisch: Es gibt kein Mittel, Gegenwart oder Zukunft zu beeinflussen, außer dem eigenen Denken und Handeln.

In der Wüstenhitze blüht ein transzendentaler Kapitalismus. Alles geht, nichts muss. Und nichts kostet. Außer der Zurückhaltung.

Sozialordnung der Stammesgesellschaft

Burning Man ist ein Beispiel für die gelebte Schenkökonomie, wie sie der französische Soziologe Marcel Mauss in seinem „Essai sur le don“ (Aufsatz über die Gabe) 1923/24 beschrieben hat. In dem Wüstencamp lebt die Sozialordnung der Stammesgesellschaften auf, die auf Gabentausch beruht. Und der funktioniert noch anders als der Warentausch. Es bleibt immer dem Gabenempfänger überlassen, ob und wann er eine Gabe erwidert. Der Geber aber erhält für seine Gabe die Anerkennung der Gemeinschaft.

Abgeschnitten von Internet und Mobilfunknetz, ist das Wüstenfestival eine Oase der persönlichen Zuwendung in jeder vorstellbaren und unvorstellbaren Form. Man kann Foto- oder Yogakurse besuchen, gemeinsam Disney-Songs singen, oder auch mit vielen anderen bei der Kür des schönsten Allerwertesten um den Sieg buhlen.

Der Raumökonom und Stadtplaner Georg Franck hat 1998 in seinem Buch zur „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ unbewusst das ökonomische Grundprinzip des Wüstenfestivals beschrieben: „Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus.“

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