Werner knallhart: Selbst-Test: Sind Sie ein Spießer?

kolumneWerner knallhart: Selbst-Test: Sind Sie ein Spießer?

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Eine Frau schaut beim Beschneiden eines Busches genau hin. Ist sie eine Spießerin?

Kolumne von Marcus Werner

Ist ein Rauchverbot spießig oder sind es die Raucher? Sind Veganer nicht heute schon Spießer? Und was ist mit Ihnen?

Ich möchte kein Spießer sein. Aber ich habe die Befürchtung: Keiner von uns kommt auf kurz oder lang drum herum. Der Begriff Spießer ist eine rhetorische Waffe mit universeller Kränkungskraft. Und sie trifft fast immer.

Eine Polizistin tanzt in Uniform und mit Pistole am Gürtel auf dem Maifest in Berlin-Kreuzberg eng an eng mit einem Passanten und fordert die verdutzten Zuschauer zum Mittanzen auf. Das Video geht dieser Tage bei Facebook rund und die Leute überschlagen sich vor Kommentaren, wie sich das gehört. Grob zusammengefasst:

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"Die soll ihren Job machen."

"Sei ruhig, du Spießer."

"Tanzt mit Schusswaffe. Gefährlich."

"Ihr Spießer."

"Die kriegt 'ne Abmahnung."

"Quatsch. Alles Spießer hier! Armes Deutschland."

Ist Kritik am lasziven Tanz der jungen Polizistin mit erotisch wackelnder Dienstpistole und keck rasselndem Schlüsselbund an den Hüften spießig?

Ist es spießig, an einer roten Fußgängerampel zu warten, wenn offensichtlich kein Auto naht? Wohl kaum, wenn Kinder mit dabei stehen.

Aber jetzt Achtung: Der Schriftsteller Max Goldt schrieb einst sinngemäß, er könne gar nicht verstehen, warum die Leute über die rote Fußgängerampel hasten. "Mir wird von oben, von einer anonymen Macht, eine Pause angeboten und ich bin so entgegenkommend, dieses Angebot anzunehmen, indem ich friedensreich verharre." Eine Ausnahme gelte nur dann, wenn Mütter mit Kindern dabei sind. In diesem Fall gehe er doch bei Rot.

Zack, den Spieß umgedreht. Die, die bei rot rüber laufen, sind jetzt die Spießer. Und die, die mit Kindern warten, auch.

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Das ist das Raffinierte am Begriff der Spießigkeit. Je nach Blickwinkel kann man ihn auf kurz oder lang jedem um die Ohren hauen.

Der Definition nach sind Spießer engstirnige Leute. Menschen, die geistig träge sind, Veränderungen scheuen und sich gerne sozialen Gepflogenheiten unterwerfen. Kurz gesagt: Spießer sind Fans vom Gängigen.

Das Gegenteil vom Spießer sind demnach Menschen, die Spaß an Veränderung haben, Risiken eingehen, Altes ablehnen, allein schon, weil es alt ist.

Aber jetzt kommen zwei Tricks der gewieften Rhetoriker.

Den ersten Trick nenne ich "Anmaßung der Urteilshoheit über die Frage, wo genau die Grenze zwischen gängig und innovativ verläuft". Klingt auf den ersten Blick kompliziert, deshalb möchte ich das gerne ausführen: Filterkaffee war einst Standard. Dann kam die Latte Macchiato und ihre Freunde mit all den italienischen Namen. Der arme Filterkaffee war out. Ein spießiges Überbleibsel aus der Draußen-nur-Kännchen-Ära.

Nun kommt der Filterkaffee mit stolzer Brust wieder. Die ersten Menschen trinken wieder aus der gluckernden Filtermaschine mit dem hängenden Filter und Tropfverschluss. Und außerdem wird plötzlich Tee getrunken. Denn die Lattes und Caffès mit ihren Akzenten sonst wo auf den Vokalen sind: spießig.

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