Werner knallhart: Bargeld bedeutet lästigen Verwaltungsaufwand

Werner knallhart: Cash-free-Test: 3 Tage ohne Bargeld durch Stockholm

Bargeld bedeutet lästigen Verwaltungsaufwand

Aber Moooment! Wie würde es wohl bei öffentlichen WCs sein? Würde ich da auf mein Cash angewiesen sein? Im großen Edel-Kaufhaus Nordiska Kompaniet gibt es an den Kundentoiletten Drehkreuze mit Münzeinwurf. AHA! Doch wo in Deutschland Leute mit Geldschale herumsitzen, steht dort in Stockholm eine adrette junge Frau in Kostüm und mit iPad samt Kreditkarten-Lesegerät. Wer kein Bargeld hat, hält seine Karte hin und bekommt eine 10-Kronen-Münze in die Hand gedrückt. Die Münze als Klo-Wertmarke fürs altmodische Drehkreuz. Mehr nicht.

Im Nordiska Museet wollte ich meine Jacke in einem Schließfach deponieren. Ahnungsvoll griff ich schon zur Münze, da sah ich auf der Innenseite der Schließfachtür: Der Münzeinwurf war verklebt. Davor ein Schild: „Mynt behövs ej! No coin needed!“ Da geben die Schweden die Schlüssel des Pfandschlosses ohne Pfand raus. Einfach nur, damit keiner mehr Münzen braucht.

Die Schweden haben längst die nächste Stufe gezündet: In einem Café steht mit Kreide auf eine Tafel geschrieben: „NO CASH - you can only pay by card.“ Darunter der Form halber das Ganze noch auf Schwedisch.

In einem Café: „NO CASH - you can only pay by card.“ und in einer Schließfachtür: „Mynt behövs ej! No coin needed!“ Quelle: Privat

In einem Café: „NO CASH - you can only pay by card.“ und in einer Schließfachtür: „Mynt behövs ej! No coin needed!“

Bild: Privat

Selbst im Fotografie-Museum: „The entrance is cash-free.“ Weil Bargeld lästigen Verwaltungsaufwand bedeutet: rollen, zählen, transportieren, einzahlen.

Aus Kundensicht bedeutet das: Man kommt nicht nur ohne Bargeld aus, man ist auch auf die Kreditkarte angewiesen.

Und da wird mir klar: Das ist es! So bekommt man die Leute weg von Scheinen und Münzen. Sobald nicht nur überall Kartenzahlung möglich ist, sondern Barzahlung außerdem teilweise nicht mehr, ist Cash im Alltag unpraktisch und unsicher.

In Schweden kommt hinzu, dass die Menschen dort ihrem Staat nicht so misstrauen. Wenn ich Schweden erzähle: „Die Deutschen haben Angst, dass, wenn erstmal das Bargeld weg ist, der Staat uns auf Schritt und Tritt über unsere Kontobewegungen nachstellen kann und dass die Banken uns dann mit Negativzinsen in der Hand haben“, dann ernte ich regelmäßig mitleidiges Lächeln: „Ja, eure Geschichte eben.“

Im Fotografie-Museum: „The entrance is cash-free.“ Quelle: Privat

Im Fotografie-Museum: „The entrance is cash-free.“

Bild: Privat

Mein Onkel erzählte an jenem Abend eine aus seiner Sicht völlig exotische Geschichte und war ganz verzückt von so viel Folklore: „In Berlin konnten wir kürzlich in zwei Restaurants nicht mit Karte bezahlen.“

Negativzinsen könnte man den Banken hier doch verbieten. Und wer bei Kleckerbeträgen keine Spuren auf seinem Konto hinterlassen will, könnte anonyme Guthabenkarten nutzen, die er etwa vorher bei dm oder Rewe an der Kasse kauft und auflädt. Der Handel könnte das fördern, wenn er denn weg will davon, Bargeld in Panzerwagen umher zu kutschieren.

Und wer sehr große Summen lieber nur bar begleichen will, der ist mir ohnehin suspekt.

Die Schweden wollen weg vom Bargeld. Hier in Deutschland befürchtet man schon das Ende der Welt, wie wir sie kennen, sollte die 1-Cent-Münze abgeschafft werden.

Nach drei Tagen Stockholm hatte ich meine zwei Münzen noch. Über meine Kreditkarten wissen meine Banken jetzt, dass ich mit dem Flugzeug in Schweden war und dort etwas zum Anziehen, zum Essen und zum Trinken bezahlt habe und wo.

Meine ungültigen Münzen habe ich vor dem Aufbruch zum Flughafen in den Mülleimer geworfen. Ein komisches Gefühl. Und meine zwei gültigen 10-Kronen-Münzen habe ich an einem Kiosk noch schnell in Läkerol-Halspastillen investiert. Es dürfte das letzte schwedische Bargeld meines Lebens gewesen sein.

Mittlerweile habe ich mein Euro-Kleingeld wieder im Geldbeutel. Inklusive 1- und 2-Cent-Münzen. Die knalle ich gleich beim Bäcker auf den Tresen. Der nimmt nämlich keine Karte.

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