Zwangsversteigerungen: US-Banken drohen Milliardenverluste - aus Schlamperei

Zwangsversteigerungen: US-Banken drohen Milliardenverluste - aus Schlamperei

von Andreas Henry

Die Folgen der Finanzkrise sind noch längst nicht verdaut. Jetzt werden die Banken von ihren Schlampereien bei der Vergabe von US-Hypotheken eingeholt. Neue Milliardenverluste drohen.

Das unscheinbare 75.000-Dollar Haus, dessen umstrittene Zwangsversteigerung die amerikanische Bankbranche erschüttert, steht im Örtchen Denmark im US-Staat Maine. Darin wohnt Nicolle Bradbury mit ihrer 14-jährigen Tochter und ihrem 16-jährigen Sohn. Sie leben von der Wohlfahrt. Als Bradbury vor zwei Jahren ihren Job verlor, konnte sie die Monatsrate von 474 Dollar für die Hypothek nicht mehr zahlen.

Das ist eigentlich ein klarer Fall für eine Zwangsversteigerung und Räumung. Doch ein pensionierter Anwalt, der für eine Rechtshilfe-Organisation arbeitet, schaute sich die Unterlagen an. Ein junger unerfahrener Bankmitarbeiter mit nur limitierter Unterschriftsberechtigung hatte alle Papiere abgezeichnet.

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Bei seiner Befragung stellt sich heraus, dass er täglich rund 400 Zwangsversteigerungsverfahren durchgewinkt hatte, ohne Prüfung, wie ein Unterschriftenautomat. Offenbar war das gängige Praxis bei vielen Banken während des Höhepunkts des Immobilienbooms in den USA. Der Richter in Maine lehnt den Antrag auf Zwangsversteigerung deshalb trotz des Zahlungsverzuges ab. Die Bank soll sogar für den Anwalt der mittellosen Schuldnerin Bradbury bezahlen – 27.000 Dollar.

Das Verfahren von Maine löst heftige Nachbeben in der Finanzbranche aus. Die Aktienkurse von Banken, die ein weiteres Anschwellen der Prozesswelle fürchten müssen, stürzen ab. Politiker in Washington prügeln mitten im Wahlkampf erneut auf die Banken ein und fordern sogar ein Moratorium für Zwangsversteigerungen. Das hätte gravierende Folgen für die Banken und den ohnehin fragilen US-Häusermarkt. Die Preise für Immobilien würden fallen, weil diese länger leer stünden.

Von Betrügereien und Unregelmäßigkeiten ist die Rede, von nachträglich „korrigierten“ Papieren. Staatsanwälte in 50 US-Staaten kündigen Ermittlungen an. Der größte private Hypothekenfinanzierer Bank of America legt vorübergehend sämtliche Zwangsvollstreckungen auf Eis.

Gleichzeitig keimen bei großen Investoren, die die in sogenannte Residential Mortgage Backed Securities verpackten Hypotheken gekauft haben, Hoffnungen auf Schadensersatz auf. Sie verlangen, dass die Banken ihnen diese Verlustbringer zum vollen Preis wieder abkaufen.

Die Zahl der Zwangsversteigerungen wegen leichtfertig vergebener Hypotheken an zweifelhafte Schuldner liegt auf Rekordniveau. 6,2 Millionen Häuser kamen als Folge der Immobilienkrise in den USA unter den Hammer. Bis Ende 2012 kann es noch mehr als drei Millionen weitere Objekte treffen, schätzen Experten. Schätzungen zufolge liegt bei rund einem Drittel der Hypothekenschuldner in den USA der Kredit höher als der Hauswert.

Gefährliche Verpackung

Schlimmer treffen die Banken neue Milliardenforderungen von Investoren. Denn durch die jetzt aufgedeckten Schlampereien bei den Zwangsversteigerungen sind auch die Praktiken bei der Vergabe der Hypotheken und bei der Zusammenstellung der verlustbringenden Finanzprodukte aus der Zeit vor der Finanzkrise wieder in den Fokus gerückt. Den beteiligten Banken läuft das einst lukrative Geschäftsmodell – Hypotheken generieren, in komplexe Finanzprodukte verpacken und an Investoren verkaufen – in die Hacken.

Mitte vergangener Woche verlangten gleich mehrere große institutionelle Investoren von der Bank of America, dass sie Hypothekenpakete zurückkaufen solle, bei deren Zusammenstellung und Verwaltung geschludert worden sei. Die Forderung hat Gewicht: Unter den Investoren sind die verstaatlichten US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, die einen großen Teil der Hypotheken garantierten. Aber auch große private Profi-Investoren wie Blackrock oder die Allianz-Tochter Pimco haben sich angeschlossen.

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