Der Nachrichtensender Al Jazeera ist für viele Araber ein zentrales Medium fern der Staatspropaganda. Saudi-Arabien und andere Staaten der Region fordern seine Schließung. Zu Recht?

Al Jazeera: Katars umstrittener Nachrichtensender

Zu den Forderungen Saudi-Arabiens an Katar gehört auch die Schließung von Al Jazeera. Was steckt hinter dem staatsfinanzierten Fernsehsender für die arabischsprachige Welt?

Die Sternstunde von Al Jazeera kam mit dem arabischen Frühling: Am 25. Januar 2011 ist der Tahrir Platz in Kairo überfüllt mit Demonstranten. Hier beginnt der Aufstand der Ägypter, der einen Sturz des Mubarak-Regimes zur Folge haben wird. Während das ägyptische Staatsfernsehen Bilder von einem vermeintlich leeren Tahrir-Platz ausstrahlt, zeigt der katarische Sender Al Jazeera dem Rest der Welt die tatsächlichen Bilder der Revolution. Wenige Wochen zuvor berichtete er als einziges arabisches Medium über den Ausbruch der Revolten in Tunesien, dort vor allem mit Hilfe von zugeschicktem Filmmaterial. Auch bei den Aufständen in Kairo zeigt Al Jazeera viele von Aufständischen aufgenommene Sequenzen, berichtet aber auch live vom Tahrir-Platz und in den folgenden Wochen aus ganz Ägypten über die Revolution.

Die Akteure der Katar-Krise

  • Bedrängt: Katar

    Das kleine Golf-Emirat ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder von der Linie seiner Nachbarn abgewichen, nicht zuletzt in den Kriegen in Libyen und Syrien. Weil es sich ein riesiges Gasfeld im Persischen Golf mit dem Iran teilt, will es gute Beziehungen zu Teheran. Mit dem Nachrichtenkanal Al-Dschasira besitzt Katar eine einflussreiche Stimme in der Region.

  • Im Angriffsmodus: Ägypten

    Als einziges Land mit direkter Beteiligung an der Krise ist es nicht GCC-Mitglied, keine Monarchie und liegt zudem fern vom Persischen Golf. Doch Kairo hat einen Grund, bei der Blockade des Emirats mitzumachen: Denn nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi 2013 verbot die autoritäre Führung die von Katar unterstützte Muslimbruderschaft.

  • Im Angriffsmodus: Bahrain

    Das kleine Königreich wird von sunnitischen Herrschern regiert, die Mehrheit der Einwohner sind jedoch Schiiten. 2011 ließ Bahrain Proteste von Schiiten mit Riads Schützenhilfe niederschlagen. Kritiker werfen Bahrain vor, es sei eine saudische Kolonie.

  • Im Angriffsmodus: Saudi-Arabien

    Der größte Staat der Region dominiert den Golf-Kooperationsrat GCC. Die Saudis führen auch die Blockade Katars an. Das sunnitische Königshaus stößt sich vor allem an den guten Beziehungen Katars zum schiitischen Nachbarn Iran, für die sunnitische Führungsmacht Saudi-Arabien ein Erzfeind. Unter König Salman ist Riads Außenpolitik deutlich aggressiver geworden.

  • Im Angriffsmodus: Vereinigte Arabische Emirate

    An der Seite Saudi-Arabiens und Bahrains gehen sie gegen Katar vor. Die VAE stört vor allem Katars Unterstützung der islamistischen Muslimbrüder, in denen die Emirate wie Saudi-Arabien eine Terrororganisation sehen. Allerdings stammt rund 40 Prozent des in den VAE verbrauchten Gases aus Katar.

  • Vermittler: Kuwait

    In der Katar-Krise hat das mehrheitlich sunnitische Emirat mit starker schiitischer Minderheit die Rolle des Vermittlers übernommen. Die konstitutionelle Erbmonarchie konnte schon einmal vor drei Jahren einen Konflikt zwischen den Golfstaaten schlichten. Damals hatten Saudi-Arabien, Bahrain und die VAE ihre Botschafter aus Katar abgezogen.

Die Berichterstattung über den arabischen Frühling verschaffte Al Jazeera einen Boom in der arabischsprechenden Welt – und darüber hinaus. Mittlerweile hat der Sender aus Katar sich in der internationalen Medienwelt etabliert. Gegründet wurde er schon 1996, nachdem BBC seinen arabisch sprachigen Ableger einstellte. Daraufhin beschloss Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani, der damalige Herrscher Katars, einige der ehemaligen BBC Journalisten bei einem von ihm neu gegründeten Sender einzustellen: Al Jazeera, übersetzt „die Arabische Halbinsel“ – genau wie Gründungsland Katar.  Die Gründung kostete den Scheich 150 Millionen Dollar. Mittlerweile gehört Al Jazeera offiziell zur Qatar Media Corporation, welche ebenfalls im Besitz der Herrscherfamilie Al Thani ist.

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Seit 2006 gibt es auch ein englischsprachiges Programm. Außerdem betreibt Al Jazeera mittlerweile zahlreiche Spartensender, unter anderem einen türkischsprachigen und einen für Bosnier. Al Jazeera hat vier Funkhäuser, in Doha, Kuala Lumpur, Washington und London. Neben den TV-Sendern ist Al Jazeera vor allem online erfolgreich. Gerade in arabischen Ländern mit stark kontrolliertem Staatsfernsehen greifen die Menschen häufig auf die Website und den YouTube Kanal zurück. Stärkster Konkurrent Al Jazeeras im arabischen Raum ist der saudische Sender Al-Arabiya.

Saudi-Arabien und Katar Die Zähmung widerspenstiger Fernsehmacher

Um das Emirat Katar tobt eine internationale Krise. Mittendrin: der TV-Sender Al Jazeera. Dessen Kritik an den Herrschern der Region könnte den Konflikt mit ausgelöst haben. Was heißt das für die Zukunft des Medienhauses?

Vor zwanzig Jahren lancierte Katar eine Medienrevolution im Arabischen Raum: Der Fernsehsender Al Jazeera sollte kritisch und offen berichten dürfen. Das war eine Sensation. Jetzt aber muss der Golfstaat dafür teuer bezahlen. Quelle: AP

Im Gegensatz zu den meisten unabhängigen Medien der westlichen Welt finanziert sich Al Jazeera nicht durch Werbung und bezahlte Beiträge. Stattdessen finanziert den Sender weiterhin die Herrscherfamilie des Scheichs, Tamim bin Hamad Al Thani, Sohn von Al Jazeera Gründer Hamad bin Khalifa Al Thani. Außerdem verkauft Al Jazeera Anteile an private Investoren. Das Jahresbudget für die rund 3000 Mitarbeiter beträgt ungefähr 370 Millionen Dollar. Al Jazeera  erreicht mit all seinen Sparten insgesamt 310 Millionen Haushalte in über 100 Sprachen. Zum Vergleich: Die staatliche britische Sendeanstalt BBC hat rund 21.000 Mitarbeiter, ein Budget von rund 4 Milliarden Euro – und erreicht etwa 372 Millionen Haushalte.

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