Wertverfall: Das Ende des Petro-Dollar

Wertverfall: Das Ende des Petro-Dollar

von Frank Doll

Mit jeder Krise im Nahen Osten verlieren die USA an Glaubwürdigkeit und Einfluss. Das Machtvakuum ermöglicht neue Allianzen. Die Rolle des Dollar als Öl- und Leitwährung steht auf dem Spiel.

Zwei Kriege und eine Wirtschaft am Rande der Depression haben die Vereinigten Staaten von Amerika politisch nachhaltig geschwächt. Mit jeder Krise im Nahen Osten wird die Führungsschwäche der USA deutlicher. Offensichtlich fehlt der Obama-Administration eine strategische Vision für den Nahen Osten. Die amerikanische Politik ist reaktiv, eine kohärente Strategie zur Eindämmung der einzelnen regionalen Krisen ist nicht zu erkennen. Die Entwicklung in Ägypten macht dies deutlich. Zuerst haben die USA dort den so genannten arabischen Frühling unterstützt und damit den Sturz des Ex-Militärs Husni Mubarak in Kauf genommen - zum Entsetzen der Saudis. Zwei Jahre und einen von der Muslimbrüderschaft unterstützten Präsidenten folgt die stillschweigende Zustimmung zum Militärputsch. Dabei hatten die USA zwei Tage Zeit, um auf die von Abdel Fattah al-Sisi, dem Oberbefehlshaber der ägyptischen Armee, angekündigte Machtübernahme zu reagieren.

Die Maßnahmen der Notenbanken gegen die Krise

  • August 2007

    Die Probleme an den Hypotheken- und Kreditmärkten greifen auf den Interbanken-Geldmarkt über. EZB und Fed sehen sich gezwungen, zusätzlich Liquidität in den Markt zu pumpen.

  • 12. Dezember 2007

    Die Notenbanken in den fünf wichtigsten Währungsräumen greifen gemeinsam ein, um ein Austrocknen der Geldmärkte zu verhindern.

  • 15. September 2008

    Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers öffnen die großen Zentralbanken die Geldschleusen, um mitten in der Panik an den Finanzmärkten die Geschäfte am Geldmarkt am Laufen zu halten.

  • 8. Oktober 2008

    Die wichtigsten Notenbanken weltweit senken gemeinsam die Zinsen - ein historischer Schritt. 4. Dezember 2008: Die EZB senkt ihren Leitzins überraschend um einen dreiviertel Prozentpunkt auf 2,5 Prozent. Es ist der größte Zinsschritt seit der Einführung des Euro und der Gründung der europäischen Notenbank.

  • 16. Dezember 2008

    Die Fed kappt ihren Leitzins auf eine Spanne zwischen null und 0,25 Prozent - ein Rekordtief.

  • 18. März 2009

    US-Notenbankchef Bernanke kündigt den Ankauf von Staatspapieren für zunächst 300 Milliarden Dollar an. Die Fed erweitert außerdem ihre bestehenden Programme zur Stützung der Kreditmärkte und Banken auf rund eine Billion Dollar.

  • 7. Mai 2009

    Die EZB senkt ihren Leitzins auf das Rekordtief von einem Prozent.

  • 24. Juni 2009

    Die EZB stellt den Banken der Euro-Zone erstmals für ein ganzes Jahr Liquidität zur Verfügung. Mehr als 1000 Banken rufen die Riesensumme von 442 Milliarden Euro ab.  6. Juli 2009: Die EZB beginnt offiziell mit dem Ankauf von Pfandbriefen.

  • 16. Dezember 2009

    224 Banken aus der Euro-Zone rufen beim letzten Jahrestender der EZB knapp 100 Milliarden Euro ab. Das ist ein Wendepunkt.

  • 19. Februar 2010

    Die Federal Reserve erhöht den Zinssatz für Übernachtkredite von 0,5 auf 0,75 Prozent und verteuert damit Notkredite für Banken erstmals seit Ausbruch der Krise.

  • 25. März 2010

    EZB-Chef Trichet kündigt an, dass die Notenbank auch über das Jahresende 2010 hinaus Sicherheiten mit einem schwächeren Rating als „A-“ akzeptieren wird. Sie hilft damit indirekt den griechischen Banken und erleichtert die Refinanzierung Griechenlands.

  • 10. Mai 2010

    Die EZB kündigt im Kampf gegen die eskalierende Schuldenkrise in der Euro-Zone an, am öffentlichen und privaten Anleihemarkt in großem Stil aktiv werden zu wollen. Die Notenbank gibt damit ihren Widerstand gegen den Ankauf von Staatsanleihen der Euro-Länder auf, der Kritikern zufolge zu einem Ansteigen der Inflation führen könnte. Laut EU-Vertrag kann die EZB die Anleihen nur am Sekundärmarkt erwerben und nicht direkt bei den Regierungen.

  • 10. August 2010

    Die Fed stoppt unter dem Eindruck der nur zähen Konjunkturerholung in den USA und der andauernden Misere am Arbeitsmarkt den begonnenen Exit. Sie will Geld, dass sie durch Fälligkeit bereits erworbener Immobilienpapiere bekommt, wieder reinvestieren und neue Staatsanleihen kaufen.

  • 5. Oktober 2010

    Japans Notenbank zieht im Kampf gegen Wirtschaftskrise, Deflation und den starken Yen weitere Register. Sie senkt den Leitzins auf null und legt einen fünf Billionen Yen (60 Milliarden Dollar) schweren Fonds auf, über den sie die unterschiedlichsten Wertpapiere ankaufen und so weiteres Geld in die Wirtschaft pumpen will.

  • 3. November 2010

    Die Fed beschließt den Ankauf von weiteren Staatsanleihen im Volumen von 600 Milliarden Dollar bis Ende der ersten Jahreshälfte 2011. Zusätzlich sollen auslaufende Papiere aus dem Bestand ersetzt werden. Insgesamt hat die neuerliche Geldspritze damit ein Volumen von 850 bis 900 Milliarden Dollar.

  • 16. Dezember 2010

    Die EZB beschließt eine Verdoppelung ihres Grundkapitals auf knapp elf Milliarden Euro. Bezahlen müssen dies die ihr angeschlossenen nationalen Notenbanken: Die Bundesbank muss entsprechend des Kapitalschlüssels gut eine Milliarde Euro auf ihren Anteil dazupacken.

  • 18. März 2011

    Nach Erdbebenkatastrophe, Tsunami und Atomdebakel in Japan intervenieren die wichtigsten Notenbanken der Welt gemeinsam am Devisenmarkt.

  • 8. August 2011

    Die EZB beginnt mit dem Ankauf von Anleihen Italiens und Spaniens. Beide Länder waren zuvor ins Visier der Märkte geraten.

  • 9. August 2011

    Die Fed erklärt, dass sie ihren Leitzins wegen der mauen Konjunktur noch für „mindestens“ zwei Jahre nahe Null halten will.

  • 30. November 2011

    In einer koordinierte Aktion stellen EZB und Fed sowie die Notenbanken Kanadas, Japans, Großbritanniens und der Schweiz den von der Krise gebeutelten europäischen Banken Dollar zur Verfügung. Den Instituten fiel es zuletzt schwer, sich Dollar-Kredite zu beschaffen - viele US-Investoren haben ihnen aus Angst vor den Folgen der Schuldenkrise den Geldhahn zugedreht. Fast gleichzeitig lockert auch die chinesische Notenbank unerwartet ihre Geldpolitik. Sie senkte erstmals seit drei Jahren die Mindestreserve-Anforderungen der Banken.

Die Eskalation im syrischen Bürgerkrieg ist ebenfalls eine direkte Folge der amerikanischen Führungsschwäche. Die Obama-Administration hat so gut wie nichts unternommen, um den Iran von einer Unterstützung des Assad-Regimes abzuhalten. Nicht einmal der Irak konnte dazu bewegt werden, ein Überflugverbot für die mit Waffen und Munition beladenen iranischen Transportmaschinen einzurichten. Inzwischen sind Syrien und der Irak zu einem Kampfgebiet für Sunniten und Schiiten unter Beteiligung der Dschihadisten beider Sekten geworden. Der sunnitisch-schiitische Konflikt kann sich jederzeit zu einem Flächenbrand in der arabischen Welt ausweiten.
Im Irak dreht sich die Spirale der Gewalt unter Sunniten und Schiiten beinahe wieder so schnell wie während des Bürgerkrieges 2006 und 2007. Bleibt Baschar al-Assad an der Macht, laufen die USA Gefahr, den Irak an den schiitischen Iran zu verlieren. Das wäre ein Schock für das sunnitisch dominierte Saudi-Arabien. Dessen riesige Ölfelder liegen im Osten des Landes, wo der Bevölkerungsanteil von Schiiten hoch ist. Auch die Sicherheitsgarantie der USA für die saudische Herrscherfamilie wäre dann in Frage gestellt. Ebenfalls die Rolle des Dollar als Abrechnungswährung für Erdöllieferungen.

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Die USA könnten dann die Erfahrungen Großbritanniens machen. Bis in die 1950er Jahre hinein waren die Briten die Schutzmacht im Nahen Osten. Der Sturz des letzten ägyptischen Königs Faruk 1952 änderte alles. Großbritannien hatte nach dem zweiten Weltkrieg immense Kriegsschulden gegenüber den USA. Bereits vor Ausbruch der ägyptischen Revolution 1952 drohten deshalb die Notenbanken der USA und Frankreichs mit dem Verkauf von britischen Staatsanleihen und des britischen Pfund. Die Amerikaner wollten die Briten als Schutzmacht im Nahen Osten ablösen und den Dollar als weltweite Leitwährung etablieren. Die diplomatische Niederlage der Briten in der Suez-Krise 1956 war das endgültige Ende des Pfund Sterling als Ölwährung. Die Folge war ein massiver Pfundüberhang an den Devisenmärkten. Dadurch hat sich in den Folgejahren ein ständig wachsender Inflationsdruck aufgebaut auf der Insel. Ende der 1960er Jahre stieg die Inflation sprunghaft an. Die britische Wirtschaft hat sich von ihrem damaligen Abstieg bis heute nicht erholt.

Kontrollverlust im Nahen Osten beschleunigt den Wertverfall des Dollar

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Die Ablösung des Pfund als Ölwährung wurde 1945 beim Treffen des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt mit dem saudischen König Abd al-Aziz ibn Saud auf der USS Quincy im Roten Meer eingeleitet. Die USA garantierten den Saudis militärischen Schutz, während die Saudis versprachen, von nun an Öl nur noch gegen Dollar zu verkaufen. Die steigende Nachfrage nach Öl sorgte so für eine beständig steigende Nachfrage nach Dollar. Saudi-Arabien recycelte seine Petro-Dollar durch den Kauf von Schuldpapieren der US-Regierung. Welthandel und internationale Finanzgeschäfte wurden immer mehr in Dollar abgewickelt. Die Nachfrage nach Dollaranlagen, etwa nach US-Staatsanleihen, hielt das Zinsniveau in den USA tief und erleichterte der US-Regierung die Schuldenaufnahme. Investitionen wurden angeschoben, aber auch der Konsum. Mit der Zeit wandelten sich die USA von einer prosperierenden Industrienation zu einer hochverschuldeten Konsumnation. Neue Ausgaben wurden mit immer größeren Mengen an geliehenen Dollar finanziert. Mit dem zunehmenden Dollarangebot verlor der Greenback immer mehr an Wert.

Mit jeder Krise im Nahen Osten verlieren die USA an Glaubwürdigkeit und Einfluss. Das Machtvakuum ermöglicht neue Allianzen. Die Rolle des Dollar als Öl- und Leitwährung steht auf dem Spiel. Quelle: AP

Mit jeder Krise im Nahen Osten verlieren die USA an Glaubwürdigkeit und Einfluss. Das Machtvakuum ermöglicht neue Allianzen. Die Rolle des Dollar als Öl- und Leitwährung steht auf dem Spiel.

Bild: AP

Verlieren die USA jetzt die Kontrolle über den Nahen Osten, dann wird sich der Wertverfall des Dollar beschleunigen. Die zahlreichen Kooperationen und Arrangements zwischen den Golfstaaten sowie mit China und Russland haben die Bedeutung der OPEC als Stütze bei der Durchsetzung des Petro-Dollar bereits stark reduziert. China arbeitet schon seit Jahren auf die Ablösung des Dollar als Leitwährung hin, indem es bilaterale Handelsabkommen in Yuan abschließt. Die hohe Verschuldung macht die USA zudem anfällig für Währungskrisen. Unter Berücksichtigung aller zukünftigen Verpflichtungen belaufen sich die Schulden der USA auf gigantische 86,8 Billionen Dollar. Allein die Chinesen halten amerikanische Staatsschuldpapiere im Volumen von zuletzt 1,276 Billionen Dollar. China könnte versucht sein, die Schwäche der USA zur Sicherung der eigenen Energieversorgung zu nutzen. Russland hat 138 Milliarden Dollar in US-Schulden investiert.

Das Machtvakuum im Nahen Osten schafft Raum für neue Allianzen und Machtpositionen, etwa für Russland. Durch die Unterstützung von Assad kontrolliert Russland die geplanten Pipelines, die Öl und Gas aus den Golfstaaten über syrischen Boden nach Europa leiten sollen. Diesen Trumpf wird der russische Präsident Wladimir Putin nicht kampflos den Amerikanern überlassen. Nach dem ergebnislosen G20-Treffen in Sankt Petersburg ist nun eine direkte Konfrontation zwischen den USA und Russland wie in Zeiten der Kuba-Krise nicht mehr auszuschließen.

Seine kompromisslose Haltung in Sachen Syrien hatte Putin bereits bei einem Geheimtreffen mit dem saudischen Geheimdienstchef Prinz Bandar bin Sultan Ende Juli unter Beweis gestellt. Bandar bin Sultan, der als wichtiger Strippenzieher im syrischen Bürgerkrieg gilt, hatte mit großen Rüstungsaufträgen und der gemeinsamen Kontrolle der Energiepreise auf dem Weltmarkt gelockt. Saudi-Arabien und Russland kontrollieren zusammen ein Viertel der weltweiten Ölproduktion. Laut Berichten der libanesischen Zeitung „As-Safir“ und des britischen „Telegraph“ aber habe Putin dankend abgelehnt, woraufhin der Prinz mit Terroranschlägen auf die Olympischen Winterspiele in Sotschi im Februar 2014 durch von Saudi-Arabien finanzierte tschetschenische Gruppen gedroht haben soll. Das wäre politisch nicht unproblematisch. Der Anschlag beim Boston Marathon am 15. April dieses Jahres wurde von zwei aus Tschetschenien stammenden Terroristen ausgeübt. In den USA ebenfalls nicht vergessen: 15 der 19 Flugzeugentführer bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 waren Saudis.

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