Demografische Entwicklung: Europa mangelt es an Humankapital

Demografische Entwicklung: Europa mangelt es an Humankapital

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Ein altes Europa steht wirtschaftlich im Nachteil. (Foto: dpa)

von Lilian Fiala

Die Ressourcen werden knapp in Europa: Es geht nicht um Bodenschätze, sondern um die Menschen. Ein altes Europa ist auch ein wirtschaftliches Problem.

Europa wird alt. Die Kinderzahlen sind die niedrigsten weltweit, die Lebenserwartung dagegen ist hier am höchsten. Das zeigt die Studie „Europas demografische Zukunft“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Wirtschaftlich steht damit ganz Europa, vor allem aber die EU vor einem Problem: Denn mittlerweile sind Industrieanlagen, Agrarland und Bodenschätze nur noch die zweitwichtigste Ressource. Wichtiger im weltweiten Wettbewerb sind die Kenntnisse und Fähigkeiten der Menschen in den verschiedenen Ländern.

Grund für den jüngsten Geburtenrückgang ist vor allem die wirtschaftliche Unsicherheit in vielen Ländern nach der Krise 2008. Die dadurch ausgelöste Zuwanderung der Menschen aus südlichen Ländern Europas konnte zwar die Arbeitsmärkte im Mittelmeerraum kurzfristig entlasten. Auf lange Sicht sei sie aber problematisch für die betroffenen Länder, schreiben die Studienautoren. Hat ein Land nicht genug Arbeitskräfte, also Humankapital, kann es sich nicht mit anderen Ländern messen und sich selbst kaum in eine stabile wirtschaftliche Lage bringen. Der Mangel an Fachkräften hat dann auch direkte Auswirkungen auf die Gesellschaft: Gibt es nicht genug Ärzte, können nicht alle Menschen die erforderlichen Behandlungen erhalten, gibt es nicht genug Lehrer, leidet das Bildungssystem.

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Zusätzlich zum inner-europäischen Wandel kommt die Zuwanderung der Asylbewerber aus Syrien, dem Irak, Iran, Eritrea und Somalia. Menschen, die aus diesen Ländern nach Deutschland flüchten, haben eine gute Bleibeperspektive, mehr als die Hälfte der Asylanträge aus diesen Ländern wird genehmigt. Dazu kommen Menschen, die aus Ländern wie Afghanistan oder Serbien und Mazedonien kommen, die von der Regierung als sicher oder teilweise sicher eingestuft wurden und demnach eine geringere Chance auf Asyl haben.

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Diese Zuwanderung stellt die EU vor eine Mammutaufgabe, die seit 2015 zu Konflikten zwischen den Ländern führt. Trotzdem kann die Krise auch positive Folgen haben. Deutschland hatte laut dem Berlin-Institut den höchsten Bevölkerungsgewinn seit Jahrzehnten – durch die Zuwanderung der Asylbewerber. Zuwanderer seien im Schnitt jünger als die einheimische Bevölkerung und können daher „den Folgen der Alterung entgegenwirken“, lautet die Schlussfolgerung in der Studie. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Integration dieser Menschen gelingt und sie möglichst schnell einen Platz auf dem Arbeitsmarkt finden.

Deutschland altert weiter - aber schrumpft nicht mehr

Wie effektiv Deutschland die Zuwanderung nutzen kann, muss sich erst zeigen. Stephan Sievert, Leiter des Ressorts Migration und Arbeitsmarkt am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, blickt aber durchaus positiv in die Zukunft: „Die Integration dieser Menschen ist eine große und schwierige Aufgabe, aber auch eine wirkliche Chance. Deutschland wird zwar weiter altern, aber in den nächsten zwei Jahrzehnten kaum schrumpfen."

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Gerade jetzt sei die Integration der Flüchtlinge machbar, erklärt Sievert: „Wir haben noch bis Mitte der 2020er Zeit, bis die Generation der Babyboomer in Rente geht. Es wird knapp, aber aus früheren Erfahrungen hat sich gezeigt, dass diese acht bis zehn Jahre die ungefähre Zeitspanne bilden, die Migranten brauchen, um sich vollständig zu integrieren.“

Gelingt dies, so wäre das Alterungsproblem zwar nicht gelöst, könnte jedoch durch die zusätzlichen Arbeitskräfte zumindest gelindert werden. „Die Möglichkeiten zur Weiterbildung und zur Anerkennung von Abschlüssen haben sich für die Asylsuchenden in den letzten Jahren gebessert. Trotzdem muss das System noch effizienter werden, um die Menschen schneller und erfolgreicher auf den Arbeitsmarkt zu bringen“, erläutert Sievert.

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