Facebook-Fans: AfD ist Social-Media-Champion

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Facebook-Fans: AfD ist Social-Media-Champion

, aktualisiert 02. März 2016, 11:55 Uhr
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Für die AfD geht es bei der Zahl der Facebook-Fans nur in eine Richtung: nach oben.

von Dietmar NeuererQuelle:Handelsblatt Online

Soziale Netzwerke wie Facebook sind wichtige Hilfsmittel zur Wählermobilisierung. Die AfD saugt daraus ihren Honig wie keine andere Partei. Auf Bundes- wie auf Landesebene hinken CDU, SPD & Co weit hinterher.

BerlinPeter Tauber ist Generalsekretär der CDU – und ein großer Fan der sozialen Medien. Er selbst nutzt die Möglichkeiten des Web 2.0 aktiv selbst – mit einem eigenen Blog, über Twitter-Kommentare oder mittels Postings auf seiner Facebook-Seite. Tauber weiß, dass Social Media längst keine bloße Spielerei mehr ist. Neben den klassischen Instrumenten des Wahlkampfes, etwa der Plakatwerbung  oder des direkten Ansprechens von Bürgern,  finde inzwischen  ein Teil der Wahlauseinandersetzung im Internet statt, schreibt Tauber in einem von ihm erstellten Leitfaden zur Nutzung der Online-Plattformen

Und er betont die „großen Potenziale“ des Online-Wahlkampfs. „Nicht nur, dass der Kandidat seine Botschaft kostengünstig, schnell und vor allem zielgruppengenau an den Mann bringen kann, man erhält auch eine unmittelbare Rückmeldung. So entsteht im günstigsten Fall ein Dialog.“  Taubers Analyse liest sich wie ein Appell an seine eigene Partei, die sozialen Medien stärker für die politische Kommunikation zu nutzen. Mit dem Dialog auf der CDU-Facebook-Seite ist es jedoch nicht weit her.

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Es wird zwar rege diskutiert, doch hat das der Follower-Zahl keinen großen Schub verliehen.  Knapp 102.000 User haben die CDU-Seite bisher gelikt (Stand: Februar 2016; Februar 2015: 90.773 Fans). Zum Vergleich: Der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) folgen etwa 233.000 User (Februar 2015: 141.514 Fans). Die Fangemeinde der AfD bei Facebook wächst damit deutlich schneller als die der CDU. Auch die anderen etablierten Parteien hinken der Partei von Frauke Petry hinterher: Rund 96.900 haben derzeit das SPD-Profil gelikt, die Linkspartei hat rund 130.000 Follower und die Grünen rund 85.000.

Für den Mainzer Politikwissenschaftler Kai Arzheimer liegt der Nutzen der sozialen Medien auf der Hand. Keine Partei könne es sich leisten, nicht auf Facebook präsent zu sein und damit auf eine direkte Kommunikation mit ihren potenziellen Wählern verzichten, sagt Arzheimer. Twitter sei in Deutschland dagegen eher „ein soziales Nischenmedium, über das Politiker untereinander und mit professionellen Politikbeobachtern über politische Inhalte kommunizieren“.

Vor allem mit Blick auf die kleine Bundestagswahl im März werden die Parteien ihre Aktivitäten in soziale Medien wie Facebook verstärken.  In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz werden genauso wie in Sachsen-Anhalt am 13. März neue Landtage gewählt. In Stuttgart regiert derzeit eine grün-rote Koalition unter Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne), in Mainz ein rot-grünes Bündnis unter Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Der Wahlausgang gilt in beiden Ländern als völlig offen.

Als sicher gilt hingegen, dass die AfD in die Parlamente einziehen wird. Ihre momentane Stärke lässt sich auch anhand der Follower-Entwicklung auf den Facebook-Seiten der Landesverbände nachzeichnen. Eine Social-Media-Analyse der Plattform Pluragraph.de des Hamburger Politikberaters Martin Fuchs (@wahl_beobachter) für das Handelsblatt kommt dabei zu einem ernüchternden Ergebnis für die etablierten Parteien.


Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen AfD und Linkspartei

Die AfD ist nicht nur im Bund, sondern auch in den Ländern, in denen Mitte März gewählt wird, Facebook-Champion. In Sachsen-Anhalt ist der erste Platz für die AfD jedoch unsicher, weil die Linke dort ebenfalls stark abschneidet.

In Rheinland-Pfalz rangiert der Landesverband der AfD mit rund 17.000 Facebook-Fans unangefochten auf Platz eins, weit dahinter folgen mit weitem Abstand die SPD (rund 8.000 Follower), die CDU (etwa 6.200 Follower), die FDP (rund 5.700 Follower), die Linke (rund 4.000 Follower) und die Grünen (rund 2.400 Follower).

Bitter für die Grünen ist, dass sie auch bei einem Blick auf alle Parteigliederungen der AfD in punkto quantitative Reichweite nicht das Wasser reichen können. Die Ökopartei rangiert auf Platz 10, vor ihr liegen die AfD Trier (Platz 9), der AfD-Bezirksverband Neuwied (Platz 8) und der AfD-Kreisverband Cochem-Zell (Platz 6).

Mehr als beachtlich ist, wie schnell die Facebook-Community der AfD in Rheinland-Pfalz wächst. Laut der Pluragraph-Auswertung des Hamburger Politikberaters Fuchs von Mitte Februar hat sich im vergangenen Jahr die Fananzahl mehr als vervierfacht. Zum Vergleich: Die SPD-Followerschaft wuchs um 131 Prozent (+4408 Fans), CDU: +24 Prozent (+1116 Fans), Grüne: +85 Prozent (+941 Fans)

Ein ähnliches Bild ergibt sich für Baden-Württemberg. Auch hier ist die AfD die Partei mit der größten Facebook-Community. Mit rund 10.000 Follower liegt die Petry-Partei knapp vor der SPD (rund 9.500 Follower), gefolgt von den Grünen (rund 6.900), der CDU (rund 6.700), der FDP (rund 5.600) und den Linken (rund 4.400).

Bemerkenswert sind auch im Südwesten die Wachstumsraten der AfD Baden-Württemberg auf Facebook, die weit höher liegen als bei allen anderen Parteien. Im vergangenen Jahr hat sich die Fananzahl mehr als verdoppelt. Zum Vergleich: Die Zahl der SPD-Fans wuchs um 54 Prozent (+3138 Fans), CDU: +19 Prozent (+1058 Fans), Grüne: +31 Prozent(+1452 Fans), FDP: +68,3 Prozent (+1674 Fans).


NPD stärker als die Volksparteien

In Sachsen-Anhalt liefert sich die AfD mit der Linkspartei ein spannendes Rennen um Platz eins bei Facebook. Aktuell (01. März 2016) hat die Linke mit 7.539 Followern knapp die Nase vorn (AfD: 7.416 Follower). Weit abgeschlagen dahinter folgen die anderen Parteien. Beachtlich ist, dass bereits hinter der FDP (rund 3.200 Follower) auf Platz vier schon die rechtsextreme NPD mit rund 2.300 Fans folgt. Erst dann taucht im Ranking die CDU (rund 2.000 Fans) auf und nach der rechtsextremen, neonazistischen Kleinpartei „Die Rechte“ (rund 1.400 Fans) erst die SPD (rund 1.300 Fans).

Das Landeskriminalamt in Sachsen-Anhalt prüft derzeit den Verdacht der Volksverhetzung wegen eines Wahlplakats der Partei „Die Rechte“. Die Werbung mit dem Slogan „Wir hängen nicht nur Plakate“ wurde unter anderem vor einer Flüchtlingsunterkunft in Magdeburg und im Zuständigkeitsgebiet der Polizeidirektion in Dessau-Roßlau entdeckt, wie ein Sprecher am Montag in Magdeburg sagte. Ein Hinweis sei vom Grünen-Landtagsabgeordneten Sören Herbst gekommen. Auch die Linksfraktion im Landtag kündigte eine Strafanzeige wegen des Verdachts auf Volksverhetzung an.

Weil die Plakate überregional verteilt hängen, ist das LKA dem Sprecher zufolge mit den Ermittlungen beauftragt. Letztlich müsse die Staatsanwaltschaft ihrerseits prüfen, ob die Plakate strafrechtlich relevant sind. Die Partei „Die Rechte“ rekrutiert sich nach Angaben des Vereins Miteinander aus der militanten Neonazi-Szene. Die Partei tritt auch bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 13. März an.

Die Volksparteien hängen beim Blick auf alle Parteigliederungen auf Facebook deutlich hinterher. Die CDU rangiert hinter dem AfD-Kreisverband Magdeburg, die SPD hinter dem AfD-Kreisverband Burgendlandkreis.

Und auch bei den Wachstumsraten machen die etablierten Parteien kaum Boden gegen die AfD gut. Von Januar bis Februar wuchs deren Anhängerschaft um 34 Prozent (+1675 Fans). Zum Vergleich: Die Zahl der SPD-Anhänger legte um 16 Prozent zu (+179 Fans), CDU: +146 Prozent (+1125 Fans), Grüne: +27 Prozent (+259 Fans), Linke: +206 Prozent (+3287 Fans)

In Sachsen-Anhalt könne also nur die Linkspartei mithalten, „die neben der FDP auch den besten Online-Wahlkampf macht und gerade in den letzten Wochen gut zugelegt hat“, resümiert Politikberater Fuchs.


Aggressives Auftreten der AfD in Sachsen-Anhalt

Eine Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung kommt zu unterschiedlichen Bewertungen der Facebook-Nutzung durch die wahlkämpfenden AfD-Landesverbände. Die Südwest-AfD sei dort zwar präsent, gebe sich bislang jedoch „zurückhaltend, tritt weder durch digitalkulturelle Avancen noch durch polemische Tiraden hervor“. Anders verhält es sich mit einzelnen Mitgliedern.

Nachdem Ende Januar von Schüssen auf AfD-Wahlkämpfer in Karlsruhe  berichtet wurde,  sprach AfD-Landtagskandidat  Marc  Bernhard  auf  Facebook  von  der „Saat der rot-grünen Hetzer“, die nun aufgehe.

Die Partei selbst meldete sich in der Debatte um die Teilnahme von Spitzenkandidat Jörg Meuthen an der sogenannten „Elefantenrunde“ des  Südwestrundfunks  (SWR) vor  der  Landtagswahl  zu Wort. Nachdem die AfD  zunächst scheinbar eingeladen und, nach den drohenden Absagen der Spitzenkandidaten von SPD und Grünen, wieder ausgeladen wurde, schrieb die Partei auf ihrer Facebook-Seite: „Der SWR ist besser vor der AfD geschützt als deutsche Grenzen vor illegaler Zuwanderung!“ und forderte: „Jetzt mitmachen: Beschwerde an den SWR senden“.

Deutlich aggressiver tritt die AfD Sachsen-Anhalt bei Facebook auf. Die Göttinger Forscher listen in ihrer Studie mehrere Beispiele auf. Im  Oktober 2014 war etwa bekannt geworden,  dass  der  damalige Beisitzer im Landesvorstand  Jobst von Harlessem auf seiner Facebook-Seite eine Fotomontage teilte, auf der US-Präsident Barack  Obama  an  einem  Galgen  aufgehängt  wird. Zudem  hatte  der  vormalige  FDP-Lokalpolitiker von Harlessem die USA für die Terroranschläge vom 11. September 2001 verantwortlich gemacht („das eigene Volk gesprengt wurde“).

Durch einen Kommentar fiel auch Landesvorstandsmitglied Dirk Hoffmann auf. Er verglich die Angriffe Israels auf den Gazastreifen mit dem Holocaust.  Hoffmann  schrieb:  „Gerade  die  Israelis  werfen  uns  Deutschen  immer  wieder  den Holocaust vor. Was aber die Israelis in Gaza machen, ist mindestens genauso schlimm“. Weitere Vorstandmitglieder sollen die jeweiligen Beiträge gelikt haben. Man müsse  die Meinungen differenzieren, teilte Landeschef André Poggenburg daraufhin beschwichtigend mit, der jedoch beide Personen für „natürlich tragbar“ befand.

Auch Poggenburg selbst war in dieser Hinsicht bereits auffällig geworden, konstatieren die Experten. Er hatte sich demnach im April 2014 abfällig über den früheren Vizechef des Zentralrats  der  Juden  geäußert:  Michel  Friedmann  sei  ein  „schleimiges  Etwas“  und  „eine  Zumutung und Schande für Deutschland“. Nur Jobst von Harlessem verließ die Partei. Dirk Hoffmann blieb. Er ist nach wie vor Mitglied des Landesvorstandes, Direktkandidat bei der Landtagswahl, zudem Ratsmitglied der Stadt Wittenberg, wo er Anfang 2015 für das Amt des Oberbürgermeisters kandidierte.


Parolen und geschürte Ängsten treiben Fan-Wachstum bei Facebook

Auch vor Mordaufrufen via Facebook machen manche AfD-Mitglieder nicht halt. Als René Augustin, damals Vorstandsmitglied des Kreisverbandes Salzwedel und Direktkandidat  für  die  Landtagswahl,  im  Herbst  2015  auf  Facebook  zum Töten  von  politischen  Gegnern aufrief („an die Wand stellen“), kommentierte Landesvorstand und Wahlkampfleiter Daniel Roi: „Es schadet ungemein, wenn die Presse sowas ausschlachtet. [...] Deshalb sollten wir grade jetzt genau überlegen, wie wir Dinge formulieren“. Die Studie stellt dazu fest: „Weniger am Inhalt als an der öffentlichen Form des Kommentars nahm man in der AfD Anstoß.“ Augustin musste sich später dennoch zurückziehen.

Solche Vorfälle spielen der Partei beim Ausbau ihrer Anhängerschaft auf Facebook in die Hände. Das liegt daran, dass in Wahlkämpfen die sozialen Medien eine sehr spezielle Rolle einnehmen. „Das Schlimmste, was einer Partei im Wahlkampf passieren kann ist, dass sie nicht wahrgenommen wird“, erläutert der Politik- und Digitalexperte Fuchs im Gespräch mit dem MDR.

Das erklärt auch, warum die AfD mit dem Aufkeimen der Flüchtlingskrise beim Facebook-Fanwachstum deutlich zulegen konnte – und auch die CSU profitierte. Beide hätten in der Flüchtlingsdebatte gegen die Aufnahme von Migranten öffentlich gewettert und somit neu Fans hinzugewonnen, sagte Fuchs damals dem Handelsblatt.  Sie hätten also „mit Parolen und geschürten Angstgefühlen Gewinn aus der aktuellen Debatte“ gezogen.

Die positive Facebook-Entwicklung der AfD, die sich auch bei den Twitter-Accounts der Partei niederschlägt, dürfte nach Einschätzung von Fuchs auch der parteiinternen Konsolidierung nach dem Abgang von Parteigründer Bernd Lucke Anfang Juli 2015 geschuldet sein. Zum einen habe es einige Mitglieder gegeben, die zu Luckes neuer Partei „Allianz für Fortschritt und Aufbruch“ (Alfa) gewechselt seien, andere wiederum seien wohl wieder zur AfD zurückgekehrt, „weil Alfa nicht wirklich durchstartet und weil die AfD dann doch bessere Karrierechancen und eine bessere Wahrnehmung verspricht“. 

Auch die Linke in Sachsen-Anhalt versteht es, im Online-Wahlkampf zu punkten. Fuchs nannte etwa das „Frauenversteher“-Plakat von Linken-Spitzenkandidat Wulf Gallert. In der Logik einer Partei werde es vielleicht als negativ wahrgenommen, weil sich darüber viele lustig machten. Aber, so Fuchs, im MDR: „Wulf Gallert ist 'talk of the town', man redet über ihn. Über Frau Budde (SPD-Spitzenkandidatin) oder Herrn Sitta (FDP-Spitzenkandidat) wird nicht gesprochen. Wenn ich Wulf Gallert wäre, würde ich die Themen, die ich mit dem Frauenversteher-Plakat kommunizieren wollte, jetzt kommunizieren", so Fuchs.


Am stärksten nutzen junge Leute das Web 2.0

Wie relevant mittlerweile soziale Medien sind, um vor allem jüngere Wählergruppen zu erschließen, zeigt der „Social Media-Atlas 2015/2016“ der Hamburger Kommunikationsberatung Faktenkontor und des Marktforschers Toluna.

Am stärksten wird das Web 2.0 demnach weiterhin von jungen Leuten besucht: 96 Prozent der 14- bis 19-Jährigen und 95 Prozent der 20- bis 29-jährigen Onliner verwenden Social Media. Am geringsten sind die Sozialen Medien in der Altersgruppe 60+ verbreitet - aber mit 63 Prozent nutzen selbst unter diesen „Silver Surfern“ weit mehr als die Hälfte Web-2.0-Dienste.

„Die Zahlen bestätigen: Wer heute die breite Öffentlichkeit ansprechen will, kommt an den Sozialen Medien nicht vorbei“, sagte Roland Heintze, Social-Media-Experte des Faktenkontors. „Wichtig für den Erfolg bleibt aber: Die richtigen Kanäle für die richtigen Themen wählen.“

Die Studie „Social Media-Atlas 2015/2016“ wurde im Auftrag der Beratungsgesellschaft Faktenkontor und dem Marktforscher Toluna in Kooperation mit dem IMWF - Institut für Management- und Wirtschaftsforschung durchgeführt. 3.518 nach Alter, Geschlecht und Bundesland online-repräsentative Internetnutzer ab 14 Jahren wurden in Form eines Online-Panels zu ihrer Social-Media-Nutzung befragt. Erhebungszeitraum war das vierte Quartal 2015.

Quelle:  Handelsblatt Online
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