Freytags-Frage: Darf der Staat seine Bürger zum Glück zwingen?

kolumneFreytags-Frage: Darf der Staat seine Bürger zum Glück zwingen?

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Einige Forscher leiten aus der Verhaltensökonomik die Schlussfolgerung ab, dass viele Menschen Dinge tun, die ihnen schaden, oder Dinge lassen, die ihnen nützen. Deshalb müsse man ihnen einen kleinen Schubs ("Nudge") geben, um sie ihrem Glück näher zu bringen.

Kolumne von Andreas Freytag

Viele Menschen tun Dinge, die ihnen schaden. Forscher leiten aus der Verhaltensökonomik ab: Der Staat müsse den Bürgern oft einen kleinen Schubs geben, sie quasi zu ihrem Glück zwingen. Doch die Theorie hat Schwächen.

Die Verhaltensökonomik hat die Volkswirtschaftslehre verändert, und dies durchaus zum Besseren. Das Verständnis für die handelnden Akteure einer Ökonomie ist durch verhaltensökonomische Ansätze verbreitert, die Rolle von Anreizen wird klarer gesehen, der Nutzenmaximierer ist in Frage gestellt worden. Nun ist es zwar nicht so, dass traditionelle Ökonomen den Homo Oekonomicus als originalgetreues Abbild der Wirklichkeit gesehen haben; dennoch tut eine Klärung und Differenzierung hier gut.

Einige Forscher leiten aus der Verhaltensökonomik die Schlussfolgerung ab, dass viele Menschen Dinge tun, die ihnen schaden, oder Dinge lassen, die ihnen nützen. Deshalb müsse man ihnen einen kleinen Schubs (englisch: “Nudge“) geben, um sie ihrem Glück näher zu bringen. Die Begründer dieser Idee, die Wissenschaftler Cass Sunstein und Richard Thaler, nennen es den libertären Paternalismus. Denn niemand würde gezwungen, der Schubs sei ja bestenfalls eine Anregung.

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Die Beispiele der Autoren sind zum Teil durchaus überzeugend: Der in der Mittagskantine prominent platzierte Salat kann zum gesunden Essen verführen; die süßigkeitsfreie Kasse im Supermarkt verhindert Stress zwischen Vater und Kind. Man kann ja trotzdem noch die Currywurst bestellen oder einen Schokoladenriegel kaufen.

Es gibt auch andere, weniger klare und überzeugende Beispiele – wie die Bereitschaft zur Organspende. Nur wenige Menschen in Deutschland haben einen Organspendepass, sind also bereit, im Todesfall funktionierende Organe abzugeben, um anderen zu helfen. Wer den Film „Fleisch“ von Reiner Erler gesehen hat, kann für diese Vorsicht Verständnis entwickeln. Bei vielen mag es aber auch schlicht Unkenntnis über die Bedeutung von Organspenden oder Nachlässigkeit sein. Diesen Mangel zu beseitigen, sehen die beiden Autoren ebenfalls als einen kleinen Schubser an; sie schlagen deshalb vor, die Beweislast umzudrehen: Jeder Mensch bekommt automatisch einen Organspendepass und muss aktiv werden, um nicht potentieller Organspender zu werden.

Tauchsieder Lass! Dich! verführen!

Die Bundesregierung lässt sich wieder von Ökonomen beraten. Diesmal sind sie der Überzeugung, wir wüssten nicht, was in unserem eigenen Interesse ist - und wollen uns in die richtige Richtung "stupsen". Himmel, hilf!

"Nudging"-Initiative soll deutsche Fettleibigkeit bekämpfen Quelle: Fotolia

Ängste mit Transparenz nehmen

Und hier wird es problematisch. Denn nun wird die Entscheidungshoheit über den eigenen Körper vom Einzelnen auf die Gesellschaft übertragen. Es bedarf der aktiven Handlung, diese Hoheit zurückzugewinnen, womöglich verbunden mit einer – als unangenehm empfundenen – Begründungspflicht: „Sind Sie sich wirklich sicher, dass Sie sich so unsolidarisch verhalten wollen!?“ Es erfordert Mut, mit einem klaren Ja zu antworten.

Es spricht an dieser Stelle einiges dafür, die Aufklärung über die gegenseitigen Vorteile der allgemeinen Bereitschaft zur Organspende zu verbessern und mit Transparenz Ängste zu nehmen. Dann würden sich vielleicht mehr Menschen dazu bereiterklären. Gleiches gilt nebenbei bemerkt für die Ernährung. Insofern ist eine gesunde Skepsis diesem Paternalismus, libertär oder nicht, gegenüber unbedingt angebracht.

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