Köpfe der Wirtschaft: Lars-Hendrik Röller wird Kanzlerflüsterer

Köpfe der Wirtschaft: Lars-Hendrik Röller wird Kanzlerflüsterer

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Lars-Hendrik Röller

von Bert Losse und Max Haerder

Lars-Hendrik Röller wird neuer Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wie tickt der 52-jährige Ökonom aus Berlin?

Eigentlich wollte Lars-Hendrik Röller in der vergangenen Woche zu Vorträgen in die USA reisen. Doch daraus wurde nichts. Der Präsident der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin war zu Hause gefragt; dort lag ein Jobangebot der besonderen Art auf dem Tisch. Lange überlegen musste er nicht. Röller wird neuer wirtschaftspolitischer Chefberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Bereits am 1. Juli tritt der 52-Jährige sein Amt als Leiter der Wirtschafts- und Finanzabteilung im Bundeskanzleramt an. Er folgt auf Jens Weidmann, der an die Spitze der Bundesbank wechselte, und auf die Interimslösung Uwe Corsepius. Röller ist nun wichtigster wirtschaftspolitischer Einflüsterer der Kanzlerin und ihr Vorbereiter und Chefunterhändler bei G8- und G20-Gipfeln.

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Warum Röller? Er und Merkel kennen sich seit mehreren Jahren. Der parteilose Wissenschaftler gilt nicht als der große Charismatiker, aber als effizient und von schneller Auffassungsgabe. Klare Kante ist seine Sache nicht, er mag es abgewogen. Genau das dürfte es sein, was Merkel an ihm schätzt: Sie sucht keinen Hans Dampf für die Fernsehkameras, sondern einen nüchternen Netzwerker, der geräuschlos im Hintergrund die Fäden spinnt. Als vor einiger Zeit in der Ökonomenzunft eine heftige Fehde zwischen Ordnungspolitikern und mathematisch ausgerichteten Volkswirten ausbrach, mochte sich Röller keiner der rivalisierenden Gruppen anschließen, sondern versuchte zu vermitteln. Menschen aus seinem Umfeld beschreiben den dreifachen Familienvater und passionierten Tennisspieler als „herzlich und polyglott“.

Und inhaltlich? Röller ist kein Erz-Liberaler, aber auch kein Interventionist; bei der ESMT gilt er als „pragmatischer Ordnungspolitiker“, der Regulierungen für richtig hält, wenn sie effizient und begrenzt sind. Und auch dies dürfte Merkel bei ihrer Personalauswahl im Hinterkopf gehabt haben: Röller hat sich ein dichtes Netzwerk in Wissenschaft und Wirtschaft aufgebaut. Seit 2009 ist er Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik, der bedeutendsten deutschen Ökonomenvereinigung. Über das Kuratorium der ESMT verfügt der gebürtige Frankfurter über direkte Kontakte in die Chefetagen vieler Dax-Konzerne. In der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) leitete er die einflussreiche Arbeitsgruppe 7, in der es um künftige Fördermittel ging. Er war außerdem Mitglied im engsten Zirkel, dem NPE-Lenkungskreis, in dem Staatssekretäre, Dax-Vorstände, IG-Metall-Chef Berthold Huber und BDI-Präsident Hans-Peter Keitel saßen. Der Abschlussbericht trug mit Empfehlungen zu zeitlich begrenzten Subventionen und Überprüfungsklauseln erkennbar seine Handschrift.

Karriere im Ausland

Der Sohn des ehemaligen Dresdner-Bank-Chefs Wolfgang Röller begann seine Laufbahn als Forschungsassistent an der University of Pennsylvania. Von 1987 bis 1999 lehrte er an der Manager-Schmiede INSEAD in Frankreich; 1995 übernahm er zudem einen Lehrstuhl für Industrieökonomik der Humboldt-Universität Berlin, den er heute noch inne hat.

Von 2003 bis 2006 war Röller in Brüssel Chefökonom der Generaldirektion Wettbewerb und arbeitete zunächst dem italienischen EU-Kommissar Mario Monti, später der Niederländerin Neelie Kroes zu. In Brüssel trieb er die Strategie des „more economic approach“ voran, wonach sich die Wettbewerbspolitik stärker auf Einzelfallanalysen als auf eine strenge Regelorientierung stützen soll.

Managementqualitäten zeigte Röller, indem er ab 2006 die ESMT auf Kurs brachte. Die private Hochschule war 2002 von 25 Unternehmen gegründet worden, fristete zunächst aber ein Schattendasein. Heute beträgt das Stiftungskapital mehr als 115 Millionen Euro, die Zahl der Professoren ist unter Röllers Ägide ebenso deutlich gestiegen wie die wissenschaftliche Reputation der ESMT.

Im Lauf seiner Karriere musste der Ökonom, der in führenden Fachzeitschriften wie dem „American Economic Review“ publiziert hat, aber auch Niederlagen hinnehmen. Als 2003 der Präsidentenposten beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel zu vergeben war, warf Röller seinen Hut in den Ring. Er kam zwar mit den Ökonomenkollegen Martin Hellwig, Michael Burda und Jürgen von Hagen in die engere Wahl – doch landete am Ende im internen Ranking des Instituts nur auf Rang vier. Grund sei die zu geringe weltwirtschaftliche und makroökonomische Expertise gewesen, heißt es in Kiel.

In der Tat ist Röller eher mikroökonomisch ausgerichtet, seine Spezialgebiete sind Wettbewerbstheorie, Kartellfragen und Industrieökonomik. Euro, Schuldenkrise und Währungsunion hatte er bisher nicht auf der Agenda. In Berlin gibt es daher auch Stimmen, die seine Ernennung kritisch sehen. Bei Finanzthemen müsse er sich noch einarbeiten, heißt es in seinem Umfeld.

Angesichts des Zustands der Währungsunion bleibt dafür allerdings nicht viel Zeit. 

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