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Hans-Peter Keitel: "Griechenland fehlt es am Willen"

von Henning Krumrey und Christian Ramthun

BDI-Präsident Hans-Peter Keitel fordert mehr Anstrengungen von Athen und sieht im Austritt Griechenlands aus dem Euro keine Bedrohung mehr. Auch von Deutschland erwartet Keitel mehr Spar- und Reformanstrengungen.

Hans-Peter Keitel Quelle: Dieter Mayr für WirtschaftsWoche
Hans-Peter Keitel stellt klar: Wenn Griechenland im Euro-Raum bleiben will, muss das Land endlich die Auflagen für die Hilfen von EU und Internationalem Währungsfonds erfüllen. Quelle: Dieter Mayr für WirtschaftsWoche

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WirtschaftsWoche: Herr Keitel, Deutschland wird als Viertes Reich beschimpft, die Bundeskanzlerin als Nazi verunglimpft. Spaltet die Schuldenkrise wieder Europa?

Keitel: Darüber ist die deutsche Wirtschaft entsetzt. Manche Beleidigung ist ungeheuerlich. Darin stimmen wir übrigens mit unseren europäischen Partnern überein. Wir dürfen Europa nicht den Populisten als Beute überlassen.

Was empfehlen Sie gegen üble Tiraden?

Wir sollten gelassen reagieren. Im Sport wird auch gern zur emotionalen Keule mit grenzwertigen Formulierungen gegriffen. Wichtiger ist, dass die Politiker die Krise bald in den Griff bekommen.

Sehen Sie Fortschritte in der Euro-Krise?

Eindeutig. Die europäische Staatengemeinschaft sollte mit mehr Selbstbewusstsein auf ihre bisherigen Entscheidungen sehen. Wir erleben eine allmähliche Trendumkehr in der Schuldenpolitik, die bisher zum unbeschwerten Alltag vieler Regierungen gehört hat. Die Defizite in den Staatshaushalten haben sich verbessert, etwa in Italien, Spanien oder Irland. Die Lohnstückkosten sinken, und zusammen mit zahlreichen Strukturreformen gewinnen die meisten Krisenländer ganz langsam an Wettbewerbsfähigkeit – trotz Rezession.

Und trotzdem drängen die Regierungen in Rom und Madrid auf eine Lockerung der Konsolidierungspolitik.

Ich verstehe Italien und Spanien hier wirklich nicht. Beide Länder müssten ihre Erfolge und Strategien offensiv vermarkten, anstatt ständig nach Hilfestellung zu rufen.

Die Finanzmärkte sehen das anders. Die Zinsen für dortige Staatsanleihen sind um ein Vielfaches höher als für deutsche.

Eben weil sich beide Länder unter Wert verkaufen! Aber lassen Sie die Kirche im Dorf. Die italienischen Zinsen liegen aktuell im Schnitt bei 4,5 Prozent. Das ist viel weniger als zu Lira-Zeiten. Es war eher ungewöhnlich, dass die Zinsen in den einzelnen Euro-Mitgliedstaaten jahrelang nahezu identisch waren. Ich wäre jedenfalls froh, wenn wir in der Debatte zu mehr Sachlichkeit und Ruhe kommen könnten.

Griechenland: Die Lohnstückkosten sinken

Stillstand in Griechenland? Nicht ganz. Bei der Sanierung der Staatsfinanzen hat Athen durchaus Erfolge vorzuweisen: Um sechs Prozentpunkte vom Bruttoinlandsprodukt wurde das Haushaltssaldo in nur zwei Jahren verbessert. Eine solche Konsolidierungsleistung hat kein anderes Euro-Land geschafft. Und im ersten Halbjahr liegt Griechenland beim Defizitabbau sogar vor dem Plan. Auch dem Ziel, seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, kommt das Land näher: Die Lohnstückkosten sind seit 2009 rückläufig. Aber bei den Strukturreformen, die für eine international konkurrenzfähige Wirtschaft zumindest ebenso bedeutend sind, bleibt noch viel zu tun.

Sehen Sie aber für Griechenland noch Chancen?

Griechenland ist ein Sonderfall. Dem Land fehlt es an substanziellen Voraussetzungen, angefangen von einer funktionierenden Verwaltung bis zum ausdrücklichen Willen, sich selbst aus der Krise befreien zu wollen. Dabei hat Griechenland viele ausgesprochen reiche Bürger und Unternehmen. Sie müssten als Patrioten ihrer Heimat beim Wiederaufbau helfen, im Land investieren und dort Steuern zahlen.

Was aber die wenigsten tun. Soll das restliche Europa ein solches Griechenland weiterhin mit Milliarden alimentieren?

Die Griechen müssen sich in den nächsten beiden Monaten entscheiden. Wollen sie zu den vereinbarten Bedingungen im Euro-Raum bleiben? Falls ja, müssen sie endlich die Auflagen für die Hilfen von EU und Internationalem Währungsfonds erfüllen. Ich könnte mir dann auch eine Art Sonderwirtschaftszone für Griechenland vorstellen, für zehn Jahre, mit Steueranreizen und ohne hinderliche Bürokratie, um dort attraktive Bedingungen für Wirtschaftsansiedlungen aus dem Ausland zu schaffen.

5 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 25.08.2012, 22:21 Uhrsuchtgruebler

    Ein Beitrag, der wohltuend auch konkreten Bezug zu den Problemen herstellt und einige Themen undogmatisch beleuchtet. Für mit Erfolg umsetzbar halte auch ich den Vorschlag einer Sonderwirtschaftszone für Griechenland. Die angeführte Ausgestaltung dieses Vorschlages bleibt jedoch zu allgemein. Die Umsetzung dieses Vorschlages benötigt aber zusätzliche Zeit und richtig gemacht könnte dieser Vorschlag auch die gewünschte Luft in der aktuellen Engpassituation Griechenlands bringen

  • 23.08.2012, 16:31 UhrAlex

    Ich musste unbedingt auch hier etwas schreiben. Also man kann doch nicht sagen nur die Griechen sind Schuld sondern auch Deutschland wie man bei Fällen in der Geschichte sehen kann oder auch Siemens an kriminellen Geschäften in GR teilgenommen hat um Geld zu verdienen. Hier in D ist die Berichterstattung nur Pro D das ist ja klar die andere Sichtweise wird den Leuten hier nicht gezeigt sondern die sind Schuld das wars! Gerade in diesem Land hier ist es wichtig alle Seiten einer Situation aufzuzeigen und nicht ein anderes Land durch die schlechten und unwahren Berichtertsattungen kaputt reden zu wollen!

  • 23.08.2012, 13:44 UhrWegweiser

    Deutschland braucht mehr Sparanstrengungen? Mehr Reformen?

    Deutschland, besser der deutschen Volkswirtschaften entgehen seit der Euroeinführung alle Aufwertungsgewinne einer eigenen Währung, wir hatten die höchsten Kapitalexporte in die heutigen Europroblemvolkswirtschaften, die niedrigste Nettoinvestitionsquote aller entwickelten Industrienationen, die höchsten realen Kapitalbeschaffungskosten für die Unternehmen, die mit großem Abstand schwächste Realentgeltfindung, teilweise sogar Absenkung, die höchsten erzielten Leistungsbilanzüberschüsse. Dies alles zusammen macht nach seriösen Berechnungen schon alleine ca. 2.500 Milliarden EUR aus.

    Weiterhin kommen die Risiken aus dem EFSF, dem EU-Fonds EFSM, dem neuen Gemeinschaftsfonds ESM hinzu, die Target 2 Salden expoldieren, ELA läuft ungehemmt weiter. LTRO ohne ausreichende Besicherung hat keinerlei Stabilisierung erbracht, eine real stattfindende Kapitalflucht findet aus den südlichen Euroländern statt. Die EZB kauft Staatsanleihen auf und versucht ohne großen Erfolg mit einem Niedrigstzinssatz die Eurozone zu erhalten. Die EZB-Geld- und Währungspolitik können wir nicht mehr beeinflussen, ein Land, ein Stimme, Malta = Deutschland.

    Die Vergemeinschaftlichung, die Monetarisierung und die damit verbundene Sozialisierung von Fremdschulden und von Fremdrisiken hingegen untergräbt die Grundlagen dieser Währungsunion nachhaltig und dauerhaft. Eine zusätzliche Bankenunion mit gemeinsamer Haftungssicherungseinlage ist zudem angedacht.

    Das sind die Realtitäten und Fakten dieser europäischen Währungsunion.

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