Ehrgeiziges Schwellenland: Die Türkei steht sich selbst im Weg

Ehrgeiziges Schwellenland: Die Türkei steht sich selbst im Weg

von Hans Jakob Ginsburg

Die Türkei will in zehn Jahren global auf Platz zehn der größten Volkswirtschaften stehen. Doch dem Aufstieg stehen große Hindernisse entgegen – viele sind selbstgemacht.

Diese Woche haben die Türken wieder einmal Anlass, stolz auf ihre Wirtschaft zu sein. Der Weltkonzern General Electric hat in einer neuen Studie das Innovationspotenzial der Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas einschließlich des OECD-Landes Türkei verglichen – an der Spitze gleichauf liegen Algerien und die Türkei.

Die Istanbuler Tageszeitung „Hürriyet“ zitiert den für die Region zuständigen General-Electric-Topmanager Nabil Habayeb mit den Worten: „Die Türkei hat immer noch viel Wachstumspotenzial, zum Beispiel im Energiesektor und da ganz besonders bei den Erneuerbaren“.

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Habayeb, Amerikaner mit arabischen Wurzeln, verheißt der Türkei glänzende Aussichten, freilich unter einer Bedingung: „Viele Leute“ – er meint Investoren – „planen, hier solche innovativen Projekte zu starten – sie werden kommen, solange sie wissen, dass ihre Projekte profitable und sicher sein werden.“

Die Profitabilität ausländischer Investitionen in der Türkei macht offenbar kaum jemandem Sorgen. General Electric betreibt in der Türkei eines seiner weltweit größten Luftfahrtzentren mit 320 Ingenieuren und gewaltigen Wachstumszahlen. Renault und Fiat, Hyundai und Toyota bauen Autos am Bosporus, keineswegs nur für den wachsenden türkischen Markt: Die Automobilindustrie hat schon lange den traditionell wichtigen Textilsektor als größte Branche beim türkischen Export abgelöst.

Und auch wenn es keine Personenkraftwagen made in Turkey gibt, die das Logo eines deutschen Konzerns tragen – die mit Abstand wichtigsten ausländischen Investoren am Bosporus sind die Deutschen mit einem Anteil von zuletzt 18 Prozent an den Neuinvestitionen im Lande.

Wissenswertes über die Türkei

  • Einwohner

    In der Türkei leben rund 77 Millionen Einwohner. Das Bevölkerungswachstum beträgt 1,1 Prozent. 82 Prozent der türkischen Bevölkerung ist jünger als 54.

  • BIP

    Das nominale BIP beträgt 767,1 Milliarden US-Dollar. Bis 2015 wird es auf 820,09 Milliarden ansteigen, prognostizieren Analysten. Zum Vergleich: Das deutsche BIP betrug 2013 3,51 Billionen US-Dollar. Die stärksten Wirtschaftszweige der Türkei sind das verarbeitende Gewerbe, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, Handel und Land- und Forstwirtschaft, die jeweils rund ein Zehntel zur BIP-Entstehung beitragen.

  • Wirtschaftswachstum

    Die Türkei konnte in den letzten zehn Jahren (2004 bis 2013) mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von unglaublich 4,9 Prozent aufwarten. Die Türkei musste nach der Finanzkrise 2009 eine starke Rezession hinnehmen: Die Wirtschaft schrumpfte um 4,83 Prozent. Nachdem sie in den beiden Folgejahren jeweils um die neun Prozent wuchs, war das Wachstum zuletzt eher enttäuschend. 2012 wuchs sie nur um 2,17 Prozent.

  • Staatsverschuldung

    Die Staatsverschuldung der Türkei beträgt 36,4 Prozent des BIP.

  • Inflationsrate

    Die Inflationsrate liegt 2014 bei 7,8 Prozent. Im folgenden Jahr soll sie Prognosen zufolge auf 6,5 Prozent fallen.

  • Arbeitslosenquote

    2013 lag die Arbeitslosenquote bei 9,7 Prozent. Bis 2015 soll sie auf 10,6 Prozent ansteigen.

  • Durchschnittslohn

    2011 lag der monatliche Durchschnittslohn bei rund 700 Euro – bis 2013 stieg er auf rund 900 Euro an.

Dafür gibt es viele Gründe. Das Freihandelsabkommen der EU mit der Türkei, schon Mitte der Neunzigerjahre abgeschlossen, macht den Handel zwischen den beiden Ländern unkompliziert wie mit keinem anderen Schwellenland. Dann hat der zumindest offiziell ungebrochene Wunsch der Türkei, endlich der Europäischen Union beitreten zu dürfen, zur Anpassung vieler Gesetze und Normen an europäische Standards geführt.

Und wichtiger noch mag die Tatsache sein, dass deutsche Unternehmen in der Türkei mehr als in jedem anderen vergleichbaren Land mit Mitarbeitern arbeiten können, die sich in den zwei doch sehr unterschiedlichen Kulturen gleichermaßen sicher bewegen. In den Jahren des türkischen Wirtschaftsbooms seit 2003 sind immer mehr junge Menschen aus türkischen Migrantenfamilien in Deutschland nach Istanbul oder in die anatolische Provinz gegangen, um dort bei deutschen oder anderen international aufgestellten Unternehmen zu arbeiten – dazu zählten Facharbeiter wie Geschäftsführer und alles Mögliche dazwischen.

Nicht zu vergessen die vielen Angehörigen der türkischen Bildungselite, die in Deutschland studiert oder an einem der deutschsprachigen Gymnasien in Istanbul ihr Abitur gemacht haben, dazu gehört sogar der gar nicht besonders pro-westliche neue Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu. Deutsche Unternehmer können sich darum in der Türkei viel heimischer fühlen als etwa in Indonesien oder Mexiko.

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