
An mangelndem Selbstvertrauen hat er nicht gerade gelitten. Als Paul Samuelson Anfang der Vierzigerjahre an der Harvard-Universität seine Dissertation verteidigte, waren seine prominenten Prüfer baff. „Haben wir jetzt bestanden, Wassily?“, soll Starökonom Joseph Schumpeter damals seinen nicht minder berühmten Kollegen Wassily Leontief gefragt haben, als der junge Student seinen virtuosen Vortrag vor der Prüfungskommission beendet hatte.
Exzellente Ökonomen gibt es viele, doch nur wenige von ihnen überragen noch einmal den Rest. Samuelson zählte zu jenen wissenschaftlichen Riesen seiner Zeit, er war ein Ausnahmeökonom, der der Volkswirtschaftslehre des 20. Jahrhunderts über alle ideologischen Gräben hinweg seinen Stempel aufdrückte. „Die Ökonomie, wie wir sie kennen, ist in weiten Teilen erst von Paul Samuelson begründet worden“, sagt Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, sein einstiger Student und späterer Kollege am Massachusetts Institute of Technology (MIT). „Er ist der Vater der modernen Volkswirtschaftslehre.“

Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Quelle: dpaDer britische Ökonom David Ricardo (1772 – 1823) machte an der Londoner Börse gute Gewinne und konnte sich Dank seines eigenen Vermögens ganz den ökonomischen Studien widmen. Er machte sich mit dem „Kornmodell“ einen Namen, das auf dem Paper Essay on the Influence of a low Price of Corn on the Profits of Stock basiert, in dem er die freie Korneinfuhr empfiehlt. Nach ihm wurde auch die Ricardianische Äquivalenz benannt – ein Konzept, das sich mit der Wirkung von Steuersenkungen in der Gegenwart beschäftigt, die mit höheren Steuern in der Zukunft refinanziert werden sollen. Auf ihn geht auch die Theorie der komparativen Kostenvorteile zurück, ein Kernstück der Außenhandelstheorie und wesentliche Erkenntnis über die relativen Kostenvorteile internationaler Arbeitsteilung.
Quelle: Julia Zimmermann für WirtschaftswocheIm Jahr 1987 erhielt der US-amerikanische Ökonom Robert Solow (*1924) den Wirtschafts-Nobelpreis für seine Forschungen zur neoklassischen Wachstumstheorie. Solow entwickelte das sogenannte Solow-Modell, das im Gegensatz zu Keynes Auffassung die Nachfrageentwicklung nicht als bestimmende Determinante des Wirtschaftswachstums ansieht. Sein Solow-Modell erklärt das langfristiges Wirtschaftswachstum in einer Volkswirtschaft nur durch technischen Fortschritt. Solow ist Emeritus-Professor am Massachusetts Institute of Technology.

Als Prophet war Marx (1818 – 1883) ein Versager, als Soziologe ein Riese, als Ökonom vor allem ein gelehrter Mann: Karl Marx, der Theoretiker des Industriekapitalismus, wollte nicht nur zu revolutionären Ergebnissen kommen, sondern die Notwendigkeit der Revolution beweisen. Der Mauerfall hat ihn ideologisch entlastet und als originellen Denker rehabilitiert. Seine Lehren über Produktionsfaktoren und die Verteilung von Produktionsmitteln sowie der von ihm geprägte Begriff des Mehrwerts spielen noch heute eine große Rolle.
Quelle: PressebildWalter Eucken zählt zu den wichtigsten Vordenkern der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Der Mitbegründer des Ordoliberalismus hat analysiert, wie eine marktwirtschaftliche Ordnung konstruiert sein muss, die Wachstum schafft, Macht begrenzt und den Menschen dient. Der religiös geprägte Eucken glaubte an den Markt, aber nicht an dessen Unfehlbarkeit, er sah die Gefahr, dass wirtschaftliche Interessengruppen den Wettbewerb aushebeln können – und wollen. Noch während des zweiten Weltkrieges arbeitete er heimlich am theoretischen Grundgerüst der bis heute gültigen sozialen Marktwirtschaft in Deutschland.

Friedrich August von Hayek (1899-1992) war ein leidenschaftlicher Weltverbesserer. Sein ganzes Forscherleben hat er daran gearbeitet, Planwirtschaft und Kollektivismus wissenschaftlich zu widerlegen, er war leidenschaftlicher Gegner des Sozialismus und Modernisierer des klassischen Liberalismus. Führ ihn waren Freiheit, Eigentum, Gleichheit vor dem Gesetz, Wettbewerb und Marktwirtschaft Eckpfeiler der Zivilisation. Seine Tiraden gegen den Wohlfahrtsstaat haben jahrzehntelang die intellektuelle Brillanz seiner Theorie komplexer Ordnungen überschattet. Der gebürtige Wiener wurde als erster Ausländer an die renommierte London School of Economics berufen. Im März 1944 veröffentlicht er als seine leidenschaftliche Abrechnung mit Sozialismus und Nationalsozialismus, „Der Weg zur Knechtschaft“.

John Maynard Keynes (1883 – 1946) löste mit seiner Analyse der Unterbeschäftigung in der Weltwirtschaftskrise eine Revolution des ökonomischen Denkens aus. Er forderte, der Staat solle in Krisensituationen die Nachfrage ankurbeln, um Vollbeschäftigung zu gewährleisten. Seine Ideen bedeuteten eine radikale Abkehr von der bisherigen Wirtschaftlehre, die die Angebotsseite ins Zentrum allen wirtschaftlichen Handelns stellte, und beeinflussen bis auf den heutigen Tag Ökonomen, Zentralbanker und Finanzminister.

Joseph Schumpeter hat das Grundgesetz des Kapitalismus erforscht: ewiger Wandel durch „schöpferische Zerstörung“. Keiner sah so klar wie er, dass in seinen Krisen nicht nur der Kapitalismus selbst auf dem Spiel steht, sondern auch die Atmosphäre des Fortschritts. Schumpeter gilt als der größte Ökonom des 20. Jahrhunderts. Er hat in zahlreichen Wirtschaftsdisziplinen deutliche Spuren hinterlassen und Begriffe wie „Wagniskapital“, „Firmenstrategie“ und den vierten Produktionsfaktor „Unternehmertum“ sowie das Kreativitätsprinzip eingeführt. Schumpeters Erkenntnisse machen den modernen Kapitalismus bis heute aktuell.
Quelle: APDer amerikanische Ökonom Milton Friedman hat die Geldtheorie revolutioniert und sein Leben lang für freie Märkte und weniger Staat gekämpft. Als intellektueller Gegenspieler von John Maynard Keynes spaltete er Wissenschaft und Politik gleichermaßen. Zwischenzeitlich galt er als widerlegt. Jetzt zeigt sich: Friedmans Erkenntnis, dass die Geldmenge die Konjunktur und die Inflation bestimmt, ist aktueller denn je. Die Steuerung der Geldmenge durch Staaten und Notenbanken sah er als eine der wenigen Stellgrößen einer Wirtschaft, in der staatliches Eingreifen sinnvoll und gegebenenfalls nötig war. Er entwickelte die Idee der Bildungsgutscheine, das Konzept der negativen Einkommensteuer und lieferte den Regierungen die Blaupause für flexible Wechselkurse.
Quelle: dpaReinhard Selten ist Deutschlands bislang einziger Wirtschafts-Nobelpreisträger und ein Vorreiter volkswirtschaftlicher Laborversuche. Als Pionier der experimentellen Wirtschaftsforschung hat er die Spieltheorie verfeinert und damit etwa die Analyse von Verhandlungssituationen – etwa bei Lohnverhandlungen – deutlich weiterentwickelt. Selten erhielt den Nobelpreis für Wirtschaft 1994. Er begründete ein Labor für experimentelle Wirtschaftsforschung in Bonn, dessen Koordinator er noch heute ist – im Alter von 81 Jahren..
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Ein beeindruckendes Lebenswerk
Ein Blick auf seinen Output lässt dies erahnen: Rund 600 wissenschaftliche Beiträge hat Samuelson in mehr als 50 Jahren Forschungsarbeit seit 1938 veröffentlicht. Die siebenbändige Samuelson-Werkausgabe des MIT füllt mehr als 8.000 Seiten. Sein in 19 Sprachen übersetztes, 1948 veröffentlichtes Standardwerk „Economics“ ist mit über vier Millionen Exemplaren bis heute das meistverkaufte VWL-Lehrbuch aller Zeiten. Einige 1.000 Kolumnen hat der US-Ökonom zudem über die Jahrzehnte in der Presse veröffentlicht. Samuelsons Werk und Wirken, das fast ein ganzes Jahrhundert umspannte und erst mit seinem Tod im Dezember 2009 im Alter von 94 Jahren ein Ende fand, sind vielschichtig und von beeindruckender analytischen Tiefe.
Zentrale Thesen
Neuklassische Synthese
Samuelson stant Keynes nahe, entwickelte dessen Theorien jedoch beständig weiter. Er verband keynesianische und neoklassische Theorie zu einer Synthese. Danach befindet sich der Arbeitsmarkt langfristig im klassischen Gleichgewicht, kurzfristig herrschen keynesianische Rigiditäten vor.
Formalisierung der VWL
Der US-Ökonom forcierte als erster Ökonom die systematische Mathematisierung seines Fachs.
Mikro-und Makrotheoreme
Samuelson spezialisierte sich nicht auf ein Teilgebiet, sondern trieb die VWL in vielen Bereichen voran. In der Mikroökonomie entwickelte er das Konzept offenbarter Präferenzen, in der Außenhandelstheorie das Stolper-Samuelson-Theorem, das erklärt, wie sich Änderungen der Güterpreise auf die Preise der Produktionsfaktoren auswirken. Auch das Modell überlappender Generationen, das sich mit dem Konsum- und Sparverhalten der alten und jungen Generation beschäftigt, sowie die Random-Walk-Hypothese in der Finanzmarkttheorie gehen mit auf ihn zurück.
Wer war dieser Mann? Wer Samuelson verstehen will, muss in die Zeit seiner Jugend zurückblicken: Geboren am 15. Mai 1915 in Gary im US-Bundesstaat Indiana als Kind polnisch-jüdischer Einwanderer, erlebte Samuelson den „Boom and Bust“, den steilen Aufstieg und Fall der Weltwirtschaft in den Zwanzigerjahren hautnah mit. Gary war eine von der Stahlindustrie geprägte, junge Stadt im Mittleren Westen. Scharen osteuropäischer Arbeiter strömten im Gefolge des Stahlbooms während des Ersten Weltkriegs in seine Fabriken. Sie schufteten sieben Tage die Woche zwölf Stunden am Tag, um ein Stück Wohlstand zu ergattern. Nur wenige Jahre später standen viele mittellos auf der Straße. Samuelson – seine Eltern Frank und Ella besaßen mehrere Apotheken – war selbst zwar nur mittelbar von der Krise betroffen. Doch das soziale Elend, das mit der großen Depression um sich griff, erschütterte ihn zutiefst – und er entschied sich, Ökonomie zu studieren. 1932, auf dem Höhepunkt der Krise, schrieb sich der 16-Jährige an der Universität Chicago ein, die damals mit Ökonomen wie Frank Knight, Jacob Viner und Paul Douglas eine Hochburg der traditionellen neoklassischen Schule war.








