
An mangelndem Selbstvertrauen hat er nicht gerade gelitten. Als Paul Samuelson Anfang der Vierzigerjahre an der Harvard-Universität seine Dissertation verteidigte, waren seine prominenten Prüfer baff. „Haben wir jetzt bestanden, Wassily?“, soll Starökonom Joseph Schumpeter damals seinen nicht minder berühmten Kollegen Wassily Leontief gefragt haben, als der junge Student seinen virtuosen Vortrag vor der Prüfungskommission beendet hatte.
Exzellente Ökonomen gibt es viele, doch nur wenige von ihnen überragen noch einmal den Rest. Samuelson zählte zu jenen wissenschaftlichen Riesen seiner Zeit, er war ein Ausnahmeökonom, der der Volkswirtschaftslehre des 20. Jahrhunderts über alle ideologischen Gräben hinweg seinen Stempel aufdrückte. „Die Ökonomie, wie wir sie kennen, ist in weiten Teilen erst von Paul Samuelson begründet worden“, sagt Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, sein einstiger Student und späterer Kollege am Massachusetts Institute of Technology (MIT). „Er ist der Vater der modernen Volkswirtschaftslehre.“

Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Bild: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SAGustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten.
Bild: Mises Institute, Auburn, Alabama, USADer österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt.
Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen.
Bild: dpaGary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen.
Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität.
Bild: dpaJeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien.
Bild: dpaDer Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft.
Bild: dpaAmartya Sen wurde 1933 in der Universitätsstadt Santiniketan, Indien, geboren. Er ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). Der Ökonom erhielt 1998 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie und wirtschaftlichen Entwicklung. Er veröffentlichte im Laufe seiner Karriere mehr als Hundert Forschungsschriften und ist Inhaber rund 90 Ehrendoktortiteln, zum Beispiel von der Universität Toronto. Ein zentraler Gedanke in seinem Werk ist die Idee der Freiheit, er betrachtet diese als die Basis des menschlichen Daseins, die jedes seiner Themen, wie Entwicklung, Armut, Hunger, Markt und Moral, durchdringt. Seine Thesen als liberaler, linker Theoretiker sind nicht unumstritten, so wird beispielsweise sein Begriff von Freiheit und Markt weder von Marktdogmatikern noch von deren Gegnern geteilt.
Bild: dpaIn seiner Heimat ist die Arbeit von Friedrich List (1789 - 18 46) fast vergessen. Die letzte Neuauflage von Lists Hauptwerk liegt 80 Jahre zurück. Er ist der gedankliche Vater des Protektionismus. In Deutschland gilt sein Werk als überholt, doch es bietet theoretisches Rüstzeug, wie der Staat die Wirtschaftsentwicklung fördern kann - und wann er besser die Hände davon lassen sollte. In vielen Schwellenländern erfreut sich die Lehre von List daher großer Popularität.
Bild: dpaDer britische Ökonom David Ricardo (1772 – 1823) machte an der Londoner Börse gute Gewinne und konnte sich Dank seines eigenen Vermögens ganz den ökonomischen Studien widmen. Er machte sich mit dem „Kornmodell“ einen Namen, das auf dem Paper Essay on the Influence of a low Price of Corn on the Profits of Stock basiert, in dem er die freie Korneinfuhr empfiehlt. Nach ihm wurde auch die Ricardianische Äquivalenz benannt – ein Konzept, das sich mit der Wirkung von Steuersenkungen in der Gegenwart beschäftigt, die mit höheren Steuern in der Zukunft refinanziert werden sollen. Auf ihn geht auch die Theorie der komparativen Kostenvorteile zurück, ein Kernstück der Außenhandelstheorie und wesentliche Erkenntnis über die relativen Kostenvorteile internationaler Arbeitsteilung.
Bild: Julia Zimmermann für WirtschaftswocheIm Jahr 1987 erhielt der US-amerikanische Ökonom Robert Solow (*1924) den Wirtschafts-Nobelpreis für seine Forschungen zur neoklassischen Wachstumstheorie. Solow entwickelte das sogenannte Solow-Modell, das im Gegensatz zu Keynes Auffassung die Nachfrageentwicklung nicht als bestimmende Determinante des Wirtschaftswachstums ansieht. Sein Solow-Modell erklärt das langfristiges Wirtschaftswachstum in einer Volkswirtschaft nur durch technischen Fortschritt. Solow ist Emeritus-Professor am Massachusetts Institute of Technology.
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Ein beeindruckendes Lebenswerk
Ein Blick auf seinen Output lässt dies erahnen: Rund 600 wissenschaftliche Beiträge hat Samuelson in mehr als 50 Jahren Forschungsarbeit seit 1938 veröffentlicht. Die siebenbändige Samuelson-Werkausgabe des MIT füllt mehr als 8.000 Seiten. Sein in 19 Sprachen übersetztes, 1948 veröffentlichtes Standardwerk „Economics“ ist mit über vier Millionen Exemplaren bis heute das meistverkaufte VWL-Lehrbuch aller Zeiten. Einige 1.000 Kolumnen hat der US-Ökonom zudem über die Jahrzehnte in der Presse veröffentlicht. Samuelsons Werk und Wirken, das fast ein ganzes Jahrhundert umspannte und erst mit seinem Tod im Dezember 2009 im Alter von 94 Jahren ein Ende fand, sind vielschichtig und von beeindruckender analytischen Tiefe.
Zentrale Thesen
Neuklassische Synthese
Samuelson stand Keynes nahe, entwickelte dessen Theorien jedoch beständig weiter. Er verband keynesianische und neoklassische Theorie zu einer Synthese. Danach befindet sich der Arbeitsmarkt langfristig im klassischen Gleichgewicht, kurzfristig herrschen keynesianische Rigiditäten vor.
Formalisierung der VWL
Der US-Ökonom forcierte als erster Ökonom die systematische Mathematisierung seines Fachs.
Mikro-und Makrotheoreme
Samuelson spezialisierte sich nicht auf ein Teilgebiet, sondern trieb die VWL in vielen Bereichen voran. In der Mikroökonomie entwickelte er das Konzept offenbarter Präferenzen, in der Außenhandelstheorie das Stolper-Samuelson-Theorem, das erklärt, wie sich Änderungen der Güterpreise auf die Preise der Produktionsfaktoren auswirken. Auch das Modell überlappender Generationen, das sich mit dem Konsum- und Sparverhalten der alten und jungen Generation beschäftigt, sowie die Random-Walk-Hypothese in der Finanzmarkttheorie gehen mit auf ihn zurück.
Wer war dieser Mann? Wer Samuelson verstehen will, muss in die Zeit seiner Jugend zurückblicken: Geboren am 15. Mai 1915 in Gary im US-Bundesstaat Indiana als Kind polnisch-jüdischer Einwanderer, erlebte Samuelson den „Boom and Bust“, den steilen Aufstieg und Fall der Weltwirtschaft in den Zwanzigerjahren hautnah mit. Gary war eine von der Stahlindustrie geprägte, junge Stadt im Mittleren Westen. Scharen osteuropäischer Arbeiter strömten im Gefolge des Stahlbooms während des Ersten Weltkriegs in seine Fabriken. Sie schufteten sieben Tage die Woche zwölf Stunden am Tag, um ein Stück Wohlstand zu ergattern. Nur wenige Jahre später standen viele mittellos auf der Straße. Samuelson – seine Eltern Frank und Ella besaßen mehrere Apotheken – war selbst zwar nur mittelbar von der Krise betroffen. Doch das soziale Elend, das mit der großen Depression um sich griff, erschütterte ihn zutiefst – und er entschied sich, Ökonomie zu studieren. 1932, auf dem Höhepunkt der Krise, schrieb sich der 16-Jährige an der Universität Chicago ein, die damals mit Ökonomen wie Frank Knight, Jacob Viner und Paul Douglas eine Hochburg der traditionellen neoklassischen Schule war.
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