Wirtschaft im Weitwinkel: Trendwende zu Privathaushalten als Wachstumsmotor

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Die Deutschen kaufen ein.

Kolumne von Stefan Bielmeier

Lange Jahre blieben Einkommensentwicklung und Konsum in Deutschland zu schwach. Doch inzwischen hat sich eine Trendwende vollzogen. Die privaten Haushalte sind für das deutsche Wirtschaftswachstum jetzt entscheidend.

In den letzten Jahren stand Deutschland viel in der Kritik wegen der hierzulande schwachen Entwicklung der Einkommen. Die niedrigen Zuwachsraten führten zu einem schwachen privaten Konsum der privaten Haushalte, stärkte aber die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Auf diese Weise wurden die strukturellen Unterschiede im Euroraum immer größer. Nun endlich hat sich dieser Trend gedreht. Was ist passiert?

Passiert sind viele kleinere Einzelschritte, die insgesamt aber für eine große Veränderung sorgen. Nur ein Beispiel: Nach einer am Mittwoch vom Bundeskabinett gebilligten Verordnung steigt der Mindestlohn in Deutschland ab 1. Januar 2017 um 34 Cent auf 8,84 Euro die Stunde. Für die rund vier Millionen Betroffenen, die größtenteils auf Minijob-Basis oder in Teilzeit beschäftigt sind, bedeutet das einen beachtlichen Einkommenszuwachs von 4,0 Prozent im nächsten Jahr. Allerdings wird der Mindestlohn nicht jährlich, sondern im Zwei-Jahres-Rhythmus angehoben.

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Auch die 25 Millionen Rentner in Deutschland können sich derzeit nicht über ihre Einkommensentwicklung beklagen. Im Juli wurden die gesetzlichen Renten im Westen um 4,25 und im Osten um 5,95 Prozent angehoben. Der außergewöhnlich kräftige Anstieg ist zum Teil auf statistische Sondereffekte zurückzuführen. Daher dürfte die nächste Rentenerhöhung ab Mitte 2017 etwas schwächer ausfallen. Nach derzeitiger Datenlage kann im Westen mit einem weiteren Plus von 2,3 und im Osten von rund 2,6 Prozent gerechnet werden. Trotz der Verlangsamung wäre das spürbar mehr als im Durchschnitt der letzten Jahre. Umgerechnet auf das Kalenderjahr ergibt sich für 2017 ein gesamtdeutscher nominaler Rentenanstieg von 3,9 Prozent.

Seit 2007 wird das Einkommenswachstum der privaten Haushalte in Deutschland vor allem von Löhnen und Gehältern getragen. Der Anteil der Nettolöhne und -gehälter am verfügbaren Einkommen ist von 41,6 auf 45,8 Prozent in 2015 gestiegen. Dagegen verlieren Betriebsüberschüsse und Selbstständigeneinkommen bereits seit Mitte der 90er Jahre tendenziell immer mehr an Bedeutung. Gute Tarifabschlüsse und die Anhebung des Mindestlohns werden auch 2017 für eine weiter erfreuliche Lohnentwicklung sorgen.

Noch ein wichtiger Aspekt: Renteneinkommen und Mindestlöhne machen immerhin rund 16 Prozent des gesamten verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte in Deutschland aus. Der überdurchschnittlich kräftige Einkommensanstieg dieser Bevölkerungsgruppen trägt spürbar zu den guten Einkommensperspektiven der Gesamtbevölkerung im nächsten Jahr bei. Da untere Einkommensschichten in der Regel einen größeren Teil ihres Einkommens konsumieren, sollte die Wirkung auf den privaten Konsum noch etwas stärker ausfallen. Bei etwas anziehender, aber immer noch niedriger Inflation, leistet der private Verbrauch auch 2017 einen wichtigen Beitrag zum Wirtschaftswachstum in Deutschland.

Inflation in der Euro-Zone Vebraucherpreise im Oktober weiter angezogen

Den vorläufigen Zahlen des europäischen Statistikamtes zufolge sind die Verbraucherpreise in der Euro-Zone auch im Oktober wieder leicht gestiegen. Die Inflationsrate sank ein wenig im Vergleich zum September.

Münzen werden in einem Supermarkt aus der Kasse genommen. Quelle: dpa

Die gute Einkommensentwicklung stützt nicht nur den Konsum. Sie lässt auch Raum für verstärkte Sparbemühungen der privaten Haushalte. Obwohl die extrem niedrigen Zinsen kaum Sparanreize bieten, ist die Sparquote privater Haushalte von 9,0 Prozent im Jahr 2013 auf 9,7 Prozent im letzten Jahr gestiegen. Für das laufende Jahr kann mit einem weiteren Anstieg der Ersparnis auf knapp zehn Prozent des verfügbaren Einkommens gerechnet werden. Darauf deuten die ersten beiden Quartale hin.

Neben der Geldanlage fließt die Ersparnis der Bürger zunehmend in die Sachvermögensbildung in Form des Immobilienerwerbs. Auch dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Diesen Eindruck vermittelt die stark gewachsene Zahl der Wohnungsbaugenehmigungen. Die privaten Haushalte tragen so nicht nur als Konsumenten, sondern auch als Investoren zum Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr bei.

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