Videotext: Glückwunsch an einen Untoten

Videotext: Glückwunsch an einen Untoten

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SFB-Intendant Wolfgang Haus drückt den angeblich roten Knopf: Sendestart am 1. Juni 1980.
Quelle: ARD/rbb.

In Zeiten von Internet und HD-Fernsehen kommt er fast rührend altmodisch daher: der Videotext. Vor 34 Jahren war Sendestart. Heute ist er mit seinem antik anmutendem Charme nicht mehr wegzudenken.

Es ist eine Zeitreise per Fernbedienung: Die „Text“-Taste befördert den Fernsehgucker zurück in die Technikwelt der Achtziger Jahre. Hier gibt es sieben Farben und 799 Seiten Platz für grob gepixelte Texte. Am 1. Juni 1980 war Sendestart. Damals war der Videotext ein Technik-Wunder seiner Zeit, so wie Sonys Walkman oder die Atari-Spielekonsole. Die sind längst verschwunden, nur der Teletext flimmert weiter: 12,4 Millionen Deutsche nutzen das Angebot täglich, hat die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung errechnet.

Die britische BBC hat ihr Angebot vor zwei Jahren abgeschaltet, in den USA hat sich die Technik nie richtig durchgesetzt. In Deutschland denkt keiner der großen Sender über einen Ausstieg nach. Auch wenn der Videotext in Zeiten von Internet und HD-Fernsehen fast rührend altmodisch daherkommt.

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Auch wenn er hierzulande Marktanteile verliert – vor fünf Jahren waren es noch fast vier Millionen Zuschauer mehr – werde er doch nicht so bald verschwinden, sagt Joan Bleicher, Professorin für Medienforschung an der Universität Hamburg. „Der Videotext bietet eine gezielte Auswahl und Erläuterung“, sagt Bleicher. „Im Internet ist man auf die eigene Suche angewiesen“. Diese Nische werde weiter bestehen.

Außerdem, so Bleicher, sei der Videotext per Fernbedienung sehr einfach zu bedienen. „Da können Sie ein Bier in der Hand halten und trotzdem reingucken“, beschreibt es Frauke Langguth etwas anschaulicher. Langguth leitet in Potsdam die 18-köpfige Redaktion des ARD Texts, Marktführer mit einem Zuschaueranteil von 18 Prozent. Viele der Dinge, mit denen sich heute die Online-Portale brüsten, konnte der Videotext schon immer, sagt Langguth.

Live-Ticker hat die ARD Videotext-Redaktion schon vor Jahrzehnten gemacht. Sekundenschnelle Nachrichten-Updates ebenso, auch wenn man damals das Wort Update noch nicht kannte. Und weil pro Text nur rund 600 Zeichen Platz sind, bringt der Videotext die Nachrichten kurz und schnörkellos. Twitter 1.0 sozusagen.

Verständlich, dass sich die Sender in den 80er Jahren schwertaten, das revolutionär neue Angebot zu erklären. Bei der BBC, wo die Technik erfunden wurde, verwendete man das Bild des „printed radio“, des geschriebenen Radios. Der Videotext, erklärt die ARD den deutschen Zuschauern in einer Pressemitteilung aus dem Jahre 1979, sei der „blinde Passagier“ des Fernsehens. Ein schönes Bild, das nur versteht, wer die technischen Hintergründe kennt: Der Videotext wird in der sogenannten Austastlücke des analogen Fernsehsignals gesendet, einem zuvor ungenutzten Teil der Frequenz. Als „blinder Passagier“ reist er im Fernsehsignal mit. Man könnte auch sagen: Als Lückenfüller.

Aus dem Lückenbüßer wurde schnell ein Erfolg. „Das war damals sensationell: Das erste Nachrichtenagebot on demand“, sagt ARD-Redaktionsleiterin Langguth heute. Nachrichten gab es im Jahre 1980 morgens in der Zeitung, zur vollen Stunde im Radio oder in einem der mittlerweile drei Fernsehprogrammen. Wer die verpasste, hatte eben keine Nachrichten. Bis der Videotext kam. Über die Fernbedienung konnte jeder Nachrichten abrufen. Auf Seite 100 die Schlagzeilen, auf Seite 200 die Sportergebnisse.

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