Masern-Epidemie: "Eine Masern-Impfpflicht wird nichts bringen"

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InterviewMasern-Epidemie: "Eine Masern-Impfpflicht wird nichts bringen"

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Eine Masernimpfung

von Susanne Kutter

Wie sich Masern-Ausbrüche und Todesfälle wie jetzt in Berlin vermeiden lassen, erläutert Jan Leidel, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), im Interview mit der WirtschaftsWoche.

WirtschaftsWoche: Herr Leidel, seit die Zahl der Maserninfizierten in Berlin auf über 500 angestiegen und nun sogar ein Kind an der Virusinfektion gestorben ist, wird der Ruf nach einer Impfpflicht laut. Wäre das die richtige Maßnahme?

Jan Leidel: Nein, ich denke, eine Masern-Impfpflicht wird nichts bringen. Sie wäre verfassungsrechtlich fragwürdig, praktisch kaum umzusetzen und sie würde im Zweifelsfall sogar solche Menschen auf die Barrikaden bringen, die sich oder Ihre Kinder eigentlich impfen lassen wollten. Mit Druck erreicht man da wenig.

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Von Ihnen als oberstem deutschen Impfapostel hätte ich jetzt eigentlich einen flammenden Appell für etwas mehr Druck in Richtung Impfen erwartet. Woher der Pessimismus?

Ich bin nicht pessimistisch, sondern realistisch. Das Infektionsschutzgesetz bietet zwar die Möglichkeit einer Impfpflicht. Aber nur bei wirklich schwerwiegenden Krankheiten. Also etwa den Pocken, mit einer Todesrate von einem Drittel der Erkrankten. Auch bei Ebola könnte ich mir das vorstellen.

Fünf Mythen über das Impfen

  • Mythos 1

    "Risiken des Impfens werden unterschätzt"

    Natürlich können Impfungen Nebenwirkungen haben, auch Komplikationen können vorkommen - diese sind jedoch äußerst selten. Laut Gesundheitsministerium liegt die Zahl der anerkannten Impfschäden in Deutschland bei durchschnittlich 34 pro Jahr - bei rund 50 Millionen Impfungen. Zum Vergleich: Die Gefahr, an den Masern zu sterben, ist viel höher. Einer von 10.000 Infizierten überlebt die Krankheit nicht.

  • Mythos 2

    "Impfungen sind schuld an Allergien"

    Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für einen Zusammenhang zwischen Allergien und Impfungen. Gegen den Mythos spricht auch eine innerdeutsche Beobachtung: In der DDR bestand Impfpflicht, und hier gab es kaum Allergien.

  • Mythos 3

    "Impfungen lösen Autismus und Multiple Sklerose aus"

    Auch für diesen oft bemühten Zusammenhang gibt es laut Paul-Ehrlich-Institut keine Beweise. Studien, die eine solche Verbindung angeblich aufdeckten, sorgten zwar für viel Wirbel, hatten aber gravierende methodische Mängel. Bei einer wurde später sogar bekannt, dass sie von Anwälten von Eltern autistischer Kinder finanziert wurde, die sie bei Klagen gegen einen Impfstoff-Hersteller vertraten.

  • Mythos 4

    "Krankheiten zu überstehen, stärkt den Körper"

    Gerade in anthroposophischen Kreisen gilt es als "stärkend und reinigend", den Körper eine Krankheit durchleben zu lassen. Auch dafür gibt es aber keinerlei wissenschaftliche Belege. Wer eine Infektionskrankheit übersteht, ist anschließend lediglich immun gegen diesen einen Erreger. Und: Neue Studien liefern Belege dafür, dass etwa eine Masern-Infektion zu einer monatelangen Schwächung des Immunsystems führt.

  • Mythos 5

    "Impfpflicht grenzt an Körperverletzung"

    Eine staatlich verordnete Impfpflicht ist rechtlich heikel. Zwar konnten so bis zum Jahr 1979 die Pocken ausgerottet werden. Doch in Deutschland schützt heute das Grundgesetz das Recht auf körperliche Unversehrtheit - damit hat jeder auch ein Recht darauf, sich nicht impfen zu lassen. Die tief verwurzelte Angst vor einer Impfpflicht rührt auch aus der Zeit der Pocken, denn der damals verwendete Impfstoff für die Zwangsimmunisierungen war alles andere als gut verträglich.

Aber nicht bei den Masern?

Nein, denn die Masern sind zwar längst nicht so harmlos, wie viele glauben. Aber sie sind natürlich nicht mit solchen extrem tödlichen Seuchen zu vergleichen. Aber selbst wenn es eine Impfpflicht gäbe, wie wollten wir sie durchsetzen? Wenn öffentliche Kindergärten keine ungeimpften Kinder mehr aufnehmen würden, hätten wir einen Boom bei den Waldorfkindergärten, die das Impfen tendenziell eher kritisch sehen.

Wäre die Einschulung nicht eine gute Gelegenheit, um die Impfung einzufordern?

Nicht wirklich, denn den Schulbesuch vom Impfstatus abhängig zu machen beißt sich wiederum mit der bei uns geltenden Schulpflicht. Einige Ärztevertreter aus den neuen Bundesländern, wo zu Zeiten der DDR-Diktatur eine Impfpflicht herrschte, hatten schon vor einigen Jahren vorgeschlagen, den Gymnasialbesuch davon abhängig zu machen. Frei nach dem Motto: Wer zur Elite des Landes gehören will, muss geimpft sein. Aber das ist doch Käse.

Was sollte Ihrer Meinung denn passieren, um Masernausbrüche wie jetzt in Berlin oder vor zwei Jahren in Berlin, Bayern und dem Kölner Raum zu unterbinden?

Die Einschulung ist ja schon mal eine gute Gelegenheit, um abzufragen, wer überhaupt geimpft ist. Und dabei stellte sich zuletzt 2012 heraus, dass 96,7 Prozent der Schulanfänger zumindest eine der beiden Masern-Schutzimpfungen bekommen haben. 92,4 Prozent der i-Dötzchen hat sogar beide Impfungen erhalten – ist also sicher vor Masern geschützt. Damit haben wir zwar noch nicht die magischen 95 Prozent Durchimpfung erreicht, die nach epidemiologischen Erkenntnissen solche Epidemien unterbinden können. Aber die Impfraten bei den Kindern steigen in den letzten Jahren wieder kontinuierlich an.

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Wo ist dann die Schwachstelle im System, wenn die Impfraten angeblich so toll sind?

Zum einen sind die Zahlen ein bisschen verfälscht, weil acht Prozent der Schulanfänger einfach keinen Impfpass vorweisen können. Diese vermutlich ungeimpften Kinder gehen nicht in die Statistik mit ein. Aber tatsächlich sind derzeit gar nicht diese jungen Kinder das Problem, sondern die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ungeimpft sind. Die älteren Erwachsenen ab Baujahr 1970 aufwärts haben meist noch die Masern selbst durchlebt, weil die Impfung noch nicht üblich war. Sie sind also auf natürlichem Wege immun und somit geschützt vor einer neuen Masern-Ansteckung. Aber bei diesen jüngeren Menschen, die seit 1970 geboren wurden, da bestehen die größten Impflücken.

Und wie wollen Sie dieses Problem lösen?

Also, wenn eine Fee durch mein Büro geschwebt käme und mir einen Wunsch erfüllen wollte, dann würde ich sie bitten, allen niedergelassenen Ärzten etwas ins Ohr zu flüstern. Nämlich, dass sie doch bitte regelmäßig Ihre Patienten nach deren Impfpass fragen sollen – und wenn sie ungeimpft und nach 1970 geboren sind, ihnen dann auch die Masern-Impfung zu empfehlen. Damit wäre schon viel gewonnen.

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