Schlafforschung: Wie Japaner Power Napping nutzen - und trotzdem leiden

Schlafforschung: Wie Japaner Power Napping nutzen - und trotzdem leiden

„Inemuri“ nennen die Ostasiaten den Kurzschlaf zwischendurch, der bei uns als Power Napping bekannt ist. Mittagsschlaf gilt zwar als gesund, aber Experten schlagen Alarm, denn so schlafen die Japaner insgesamt zu wenig.

Immer wieder sackt der Kopf des Japaners auf die Schulter seines Sitznachbarn. Wie er sitzen an diesem Abend gleich mehrere Geschäftsleute auf den Bänken der U-Bahn und schlafen. Zwei anderen Berufspendlern gelingt das sogar im Stehen. Geschickt haben sie die Hände in den Halteringen der Bahn so verkeilt, dass sie ihren Kopf dagegen lehnen können.

Immer wieder knicken sie zuckend in den Knien zusammen, richten sich auf und schlummern weiter. Szenen wie diese in einer U-Bahn in Tokio gehören zu den weltweit am verbreitetesten Klischeebildern von Japan. Aber es ist kein Klischee, sondern Realität. „Die ganze Nation leidet unter chronischem Schlafmangel“, stellt Professor Kazuo Mishima, Schlafexperte am National Center of Neurology and Psychiatry, fest.

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Falsche Volksweisheiten rund um den Schlaf

  • Mehr Schlaf ist besser

    Falsch. Menschen haben unterschiedliche Schlafbedürfnisse. Als optimal gelten im Schnitt sieben Stunden. Aber letztlich muss jeder sein Optimum finden. Bestes Indiz: Wer sich tagsüber fit fühlt, hat nachts genug geschlafen.

  • Lieber vor Mitternacht einschlafen

    Falsch. Die Qualität des Schlafs hat damit nichts zu tun. Unserem Körper ist es egal, wann wir einschlafen. Viel wichtiger ist, genügend Stunden tief und fest zu schlummern. Doch klar ist: Je später wir ins Bett gehen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dieses Pensum zu erreichen.

  • Schlaf kann man nachholen

    Falsch. Kurzfristig geht das vielleicht, langfristig sind unregelmäßige Schlafzeiten eher schädlich. Unser Körper liebt Beständigkeit, sie ist essenziell für guten Schlaf. Arbeiten Sie lieber an Ihren Gewohnheiten unter der Woche, anstatt am Wochenende Schlaf nachzuholen. Oder fühlen Sie sich fit, wenn Sie zwölf Stunden durchgeschlafen haben?

  • Bei Vollmond schläft man schlechter

    Falsch. 45 Prozent der Deutschen gehen zwar davon aus, der Mond habe Einfluss auf ihren Schlaf. Ein Zusammenhang zwischen Mondphase und Schlafdauer ließ sich bisher aber nicht nachweisen. Erklären lässt sich dieser Volksglaube eher mit dem Phänomen selektiver Wahrnehmung: Wer nachts wach liegt und am Himmel den Vollmond entdeckt, prägt sich solche Momente stärker ein.

  • Nachts aufwachen nervt

    Jeder Mensch wacht im Schnitt fast 30 Mal pro Nacht auf – allerdings für so kurze Zeit, dass er sich am nächsten Morgen nicht daran erinnert. Das hat die Evolution prima eingerichtet. Für unsere Vorfahren war es essenziell, gelegentlich wach zu werden, wollten sie nicht von Feinden überrascht werden.

Auf die Bedeutung der erholsamen Bettruhe will in Deutschland der „Tag des Schlafs“ am 21. Juni aufmerksam machen. Anders dagegen in Japan: Wenig zu Schlafen gilt dort seit langem als ein Zeichen für harte Arbeit, Fleiß und Überstunden. „Fumin Fukyu“ („Ohne Schlaf, ohne Pause“) ist in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt noch immer ein erstrebenswerter Arbeitsethos. Nach einer Untersuchung der amerikanischen National Sleep Foundation schlafen die Japaner mit im Durchschnitt nur sechs Stunden und 22 Minuten am Tag weniger als ihre Mitmenschen in anderen Ländern wie Deutschland, den USA, Großbritannien, Mexiko oder Kanada.

Um dies auszugleichen, bedienen sich die Japaner einer Methode, die in westlichen Ländern noch wenig akzeptiert ist, in Japan dagegen sogar von der Regierung empfohlen wird: das Power Napping, der Kurzschlaf am Tag zum Wiederauftanken der Batterie. Nicht immer allerdings ist das Einschlafen gewollt, oft fallen die Augen auch schlicht aus Schlafmangel zu. „Inemuri“ nennt sich das Nickerchen in Japan. Die beiden Schriftzeichen verbinden „anwesend sein“ und „Schlaf“. Ob beim Pendeln, im Büro oder der Kantine, bei Konferenzen oder im Parlament - Japaner können überall schlafen.

Nickerchen an sich gelten als gesundheitsfördernd, sollen Stress verringern und die Aufmerksamkeit erhöhen. Das japanische Gesundheitsministerium empfiehlt in seinen Richtlinien ausdrücklich einen Kurzschlaf am frühen Nachmittag, der allerdings nicht länger als 30 Minuten dauern sollte. Die Wirtschaft zieht mit. So führte die Renovierungsfirma Okuta Corporation 2012 den Power Nap ein und erlaubt seinen etwa 300 Angestellten, einmal am Tag 15 Minuten zu schlafen. „Dank des Mittagsschlafs mache ich weniger Fehler beim Tippen“, schildert eine Mitarbeiterin. Die Internetfirma GMO Internet stellt ihren Mitarbeitern eigens 30 Sofas in einem Konferenzraum für den Power Nap zur Verfügung.

Auch in anderen Firmen ist es nichts Ungewöhnliches, wenn Mitarbeiter am Schreibtisch oder während der Mittagspause in der Kantine kurz schlafen. Wichtig ist aber, Verhalten und Körperhaltung der Umgebung anzupassen - schnarchen oder Füße hochlegen im Büro sind verpönt. Es gibt in Tokio inzwischen sogar Cafés, die sich auf Power Napping spezialisiert haben. Das „Corne“ zum Beispiel bietet berufstätigen Frauen zwischen Terminen oder während der Jobsuche die Möglichkeit, zu ruhen. 10 Minuten Power Nap für 160 Yen (ein Euro).

Schlafforschung Und wie lange schlafen Sie?

Schlafforscher sind sich einig: Sieben Stunden Schlaf pro Nacht brauchen wir, um erholt und fit in den Tag zu starten. Doch längst nicht jeden hält es auch sieben Stunden im Bett. Wer im Schnitt wie lange schläft.

Trennung von Arbeit und FreizeitSchlafstörungen haben sich nach Einschätzung von Medizinern zu einer Volkskrankheit entwickelt. „Wir schätzen, dass zwischen 5,7 und 6 Prozent der Bevölkerung an behandlungsbedürftigen Ein- und Durchschlafstörungen leiden“, sagte Hans-Günter Weeß, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Es gebe wissenschaftliche Hinweise, dass heute weniger geschlafen werde als vor Jahrzehnten. Ein Grund ist die mangelnde Trennung von Arbeit und Freizeit: Abends noch schnell E-Mails für die Arbeit beantworten oder am PC noch an einem Projekt feilen – die ständige Erreichbarkeit und die technischen Möglichkeiten, auch von daheim zu arbeiten, lassen die Grenzen von Arbeit und Freizeit verschwimmen. Das hindert daran, den Kopf frei zu bekommen und entspannt, einschlummern zu können. Quelle: Fotolia

Sind die Japaner mit ihrer vermeintlichen Fähigkeit, wie auf Knopfdruck im öffentlichen Treiben einschlafen zu können, also ein Vorbild für unsere hektischen westlichen Gesellschaften? Manche japanischen Experten sind eher besorgt über die Lebensweise ihrer Landsleute. „Chronischen Schlafmangel kann man nicht durch Mittagsschlaf ausgleichen“, erklärt Professor Makoto Uchiyama von der Universität Nihon Daigaku. „Schlafmangel führt nicht nur zu geringerer Konzentration und schlechteren Leistungen, sondern auch zu Unfällen im Verkehr oder der Industrie“, warnt auch Professor Mishima vom National Center of Neurology and Psychiatry.

Nach seiner Statistik gingen im Jahr 1941 noch 90 Prozent der Japaner kurz vor 23 Uhr Schlafen. 1970 legte sich die Mehrheit erst gegen Mitternacht ins Bett, zur Jahrtausendwende verschob sich die Einschlafzeit auf ein Uhr nachts. Zugleich aber stehen die Japaner seit 1970 morgens immer zur gleichen Zeit auf, das heißt, die Dauer des Schlafes ist kürzer geworden, schreibt Mishima. Das geht schon im Kindesalter los. Nach einer Untersuchung des Kultusministeriums bekommen japanische Mädchen und Jungen im internationalen Vergleich am wenigsten Schlaf ab. So geht etwa ein Drittel der Kinder unter vier Jahren später als 22 Uhr ins Bett.

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Als ein Grund gilt die viele Zeit, die japanische Kinder im Internet verbringen. Eine weitere Ursache ist der immer stärker werdende Bildungswettbewerb. Neben dem Schulunterricht besuchen japanische Kinder obligatorische Sportclubs und anschließend bis häufig spät in den Abend noch spezielle Paukschulen, so dass am Ende kaum noch Zeit zum Schlafen bleibt. Genau wie ihre Väter und Mütter. Wobei schon Babys und Kleinkinder in Japan ohnehin oft jahrelang mit den Eltern oder Großeltern zusammen schlafen.

Japanische Experten machen denn auch den Lebensstil der Erwachsenen mitverantwortlich für den Schlafmangel und gestörten Tagesrhythmus der Kinder. Untersuchungen zufolge leidet inzwischen jeder Fünfte Japaner unter einer Schlafstörung. Fachleute und auch die Regierung schlagen daher Alarm. „Früh schlafen, früh aufstehen und frühstücken“, mahnt die Regierung die Bürger. Trotz des weit verbreiteten Power Naps stoße Japan an seine Grenzen, die ganze Nation leide unter chronischem Schlafmangel, warnt Mishima. „Wir müssen das als ein Problem der gesamten Gesellschaft begreifen“.

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