Greentec Awards: In eigener Sache

Greentec Awards: In eigener Sache

Warum die Jury der Greentec Awards zwei Projekte aus der Endausscheidung nahm.

WiWo Green ist in diesem Jahr einer der Medienpartner der Greentec Awards, einem der größten Preise für Projekte, die unsere Welt nachhaltiger machen.

Zur Auswahl für den Preis standen jeweils drei Unternehmen, Erfindungen oder Projekte in den Kategorien Bauen & Wohnen, Energie, dem Galileo Wissenspreis, Kommunikation, Luftfahrt, Mobilität, Produktion und Recycling.

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Dieses Jahr hat es in zwei Fällen große Diskussionen gegeben, auch auf der Facebook-Seite von WiWo Green. Denn die Jury musste zwei vom Publikum nominierte Projekte (teilweise vorläufig) ausschließen.

Beide von der Jury ausgeschlossenen Projekte kamen durch eine Onlineabstimmung in die Endausscheidung. Die von der Jury bestimmten Nachrücker waren die zweitplatzierten in diesem Voting.

Bei dem ersten Unternehmen, das von der Jury von der Endausscheidung ausgeschlossen wurde, handelt es sich um den Hamburger Öko-Energieversorger Care Energy.

Die Begründung der Jury: Gegen Care Energy laufen derzeit mehrere Prozesse von drei großen Übertragungsnetzbetreibern wegen nicht geleisteter Zahlungen. Außerdem verurteilte die Bundesnetzagentur Care Energy zu einem Bußgeld von 42.007 Euro, weil sich der Versorger weigert, sich als Stromanbieter regulär bei der Behörde zu melden. Gegen die Vorwürfe und Forderungen hat Care Energy vor Gericht Widerspruch eingelegt. Auch wir auf WiWo Green haben über den Fall berichtet.

Für die Jury gilt in diesem Fall selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Da die Vorwürfe aber schwerwiegend sind und das Geschäftsmodell von Care Energy betreffen, will man den Ausgang der Verfahren abwarten.

Sollten sie für Care Energy positiv enden und alle Fragen geklärt werden, nehmen die Greentec Awards das Unternehmen, falls gewünscht, im kommenden Jahr gerne wieder in die Endrunde der Kategorie Energie auf.

Im zweiten Fall handelt es sich um das Projekt eines sogenannten Dual Fluid Reaktors.

Das für die Entwicklung zuständige Unternehmen, das Institut für Festkörper-Kernphysik GmbH aus Berlin, gibt auf seiner Webseite an, dass es sich „hierbei um einen extrem umweltfreundlichen Lösungsvorschlag sowohl für die Energieprobleme im allgemeinen als auch für das sogenannte „nukleare Abfallproblem”" handelt.

Die Jury des Cleantech-Awards hat sich nach eingehender und sehr kontroverser Diskussion entschieden, dass das Projekt nicht in der Endausscheidung verbleiben kann.

- einige Jurymitglieder hielten den geplanten Reaktor für physikalisch und technisch durchaus umsetzbar. Da bisher aber eine Technikfolgeabschätzung des Projektes durch anerkannte Wissenschaftler fehle, könnten über die tatsächliche Sicherheit der Technologie, deren Umweltfreundlichkeit und behaupteten Vorteile keine Aussagen getroffen werden. Im Bereich der Kernkraft, mit ihren potenziellen Gefahren, sei dies für eine verantwortungsvolle Entscheidung der Jury aber notwendig.

- Andere führten an, dass die Macher des Projektes sich selbst wiedersprechen. In der Bewerbung behaupteten sie, Atommüll energetisch verwerten zu können. In der Projektbeschreibung auf der Webseite des Unternehmens, ist aber auch davon die Rede, frisches Material wie Uran oder Thorium einzusetzen.

- Anschließend hieran kam ein weiterer Einwand: Bei Thorium stellte eine Expertenkommission in England ein erhebliches Proliferationsrisiko fest. Wenn dieses bestehe, sei das nicht mit den Zielen eines Awards für nachhaltige Technologieprojekte unvereinbar.

- Auch die Marktchancen des Projektes - ein besonders wichtiges Kriterium für die Auswahl der Projekte für den Award - wurden von einigen Jurymitgliedern in Frage gestellt. Schließlich werde seit Jahrzehnten an verwandten Technologien gearbeitet – ohne sichtlichen Erfolg bei der kommerziellen Umsetzung.

- Ein weiteres Argument: Mit der Entscheidung für den Atomausstieg in Deutschland sei diese Technologie hierzulande nicht mehr relevant. Die beim Award ausgezeichneten Technologien sollen aber eine Vorbildfunktion für deutsche Ingenieure und Unternehmen haben.

Das Fazit der Jury bei ihrer Entscheidung war deshalb: Die Technologie sei nicht dazu geeignet, die grüne Wirtschaft und die Entwicklung nachhaltiger Technologien zu unterstützen und voranzutreiben.

Wir bei WiWo-Green haben in den vergangenen Tagen Dutzende Zuschriften und Kommentare auf Facebook zu der Entscheidung der Jury erhalten. Gerne diskutieren wir mit Ihnen weiter darüber, wenn Sie die Kommentarfunktion an dieser Stelle nutzen.

Wir versuchen, auf alle Fragen zu antworten, können das aber nicht unter jedem unserer Texte auf Facebook tun.

Lassen Sie uns die Debatte an dieser Stelle für alle sichtbar und transparent weiterführen. Wir freuen uns auf Ihre Meinungen.

Das Team von WiWo Green

Nachtrag:

Für alle, die sich jetzt erst in die Diskussion einschalten, hier eine Erläuterung des DFR von unserem Autor Wolfgang Kempkens:

Ist der Dual Fluid Reactor (DFR) Teufelswerk? Oder bietet er die Lösung für die Energieprobleme der Welt? Wie immer, wenn eine Diskussion auf ideologischer Basis geführt und von Ängsten geleitet wird, könnte sie aus dem Ruder laufen. Dabei ist der DFR lediglich die Weiterentwicklung eines Konzepts, das bereits in den Fünfziger- und Sechzigerjahren teilweise erfolgreich realisiert wurde. Flüssigsalzreaktoren gehören zu den Systemen, denen Experten gute Zukunftschancen einräumen. Sie produzieren keine Spaltprodukte, die Jahrtausende lang von der Umwelt abgeschlossen werden müssen, sie explodieren nicht wie die Reaktoren in Tschernobyl, Three Mile Island und Fukushima und sie haben keinen Kern, der schmelzen könnte. Da sie den Brennstoff um ein Vielfaches besser ausnutzen als herkömmliche Reaktoren würde der DFR die Energieversorgung für viele Jahrhunderte sicherstellen. Vor allem China arbeitet intensiv an der Entwicklung dieses Reaktortyps.

Wissenschaftler und Ingenieure des privaten Instituts für Festkörper-Kernphysik in Berlin haben den Flüssigsalzreaktor um eine Komponente erweitert. Der Brennstoff wird, wie bei allen Anlagen dieses Typs, in Form eines Flüssigsalzes (Chlorid) durch den Reaktor gepumpt. Durch Kernspaltung entsteht Wärme, die beim ursprünglichen Konzept vom Salz selbst abtransportiert wurde, um sie außerhalb des Reaktorbehälters via Wärmetauscher zur Dampferzeugung zu nutzen mit dem Ziel, Strom zu gewinnen. Die Berliner wollen die entstehende Wärme mit einem anderen Medium aus dem Reaktor abtransportieren: Mit flüssigem Blei, das eine Temperatur von rund 1000 Grad Celsius hat. Das hohe Temperaturniveau ermöglicht nicht nur die Umwandlung von Wasser in Dampf zur Stromerzeugung, sondern auch die Herstellung etwa von Wasserstoff und anderen Treibstoffen. Mit 0,6 Cent pro Kilowattstunde beziehungsweise 20 bis 40 Cent pro Liter Benzin sollen Traumpreise möglich sein.

Als Brennstoff eignen sich verschiedene Isotope von Uran und Plutonium, etwa Uran 233, Uran 235 und Plutonium 239. Die Atomkerne unterschiedlicher Isotope unterscheiden sich durch die Zahl der Neutronen. Nicht spaltbare Isotope von Uran und Plutonium, etwa Uran 238 oder Plutonium 240, sowie Thorium verwandeln sich im DFR während des Betriebs in weiteren Brennstoff – er wird „erbrütet“, wie Fachleute sagen. Das geschieht, wenn der Atomkern eines nicht spaltbaren Isotops ein Neutron einfängt.

Auch den teilweise hoch radioaktiven Elementen, die bei der Kernspaltung entstehen,  geht es an den Kragen. Sie fangen ebenfalls Neutronen ein. Dadurch verwandeln sie sich in weniger gefährliche Stoffe, teilweise sogar in völlig harmlose. Diesen Prozess nennen Fachleute Transmutation.

Der flüssige Brennstoff wird durch den Reaktor gepumpt. Am Ende seiner Rundreise befindet sich – außerhalb des Reaktorbehälters – eine Wiederaufarbeitungsanlage. Zunächst treten dort die Gase aus, die bei den Spaltvorgängen entstanden und teilweise radioaktiv sind. In einer so genannten Destillationskolonne, wie es sie auch in Raffinerien gibt, werden die festen Spaltprodukte aus dem flüssigen Salz entfernt. Darunter sind wertvolle, weil seltene Metalle wie Rhodium und Ruthenium. Die Spaltprodukte, die Wärme erzeugen, werden im Reaktorgebäude gelagert und gekühlt. Übrig bleibt Brennstoff, der wieder in den Reaktor gepumpt wird.

Der gesamte Prozess findet bei Umgebungsdruck statt, sodass dicke Reaktorbehälter, wie sie heutige Anlagen mit Drücken von ein paar 100 bar benötigen, überflüssig sind.

Bei einem schweren Störfall  fließt das Salz in Tanks, die sich unterhalb des Reaktors befinden. Die Spaltprozesse klingen ab, weil die Anlage einen negativen Temperaturkoeffizienten hat. Das heißt: Je heißer die Brennstoffbrühe wird, desto weniger Kernspaltungen gibt es. Die Katastrophe von  Tschernobyl  nahm ihren Lauf, weil dieser Reaktortyp einen positiven Temperaturkoeffizienten hat.

Prinzipiell lässt sich mit diesem Reaktor waffenfähiges Uran 233 produzieren. Doch das ist stets durch das Isotop Uran 232 verunreinigt. Eine Trennung ist extrem aufwändig. Zudem ist Uran 232 extrem radioaktiv (Gammastrahler), was dessen Handhabung massiv erschwert, aber nicht unmöglich macht. Auch Plutonium ließe sich abzweigen. Dabei handelt es sich jedoch um ein Gemisch verschiedener Isotope, von denen einige spaltbar sind, andere nicht. Für den Bau einer klassischen Atombombe ist diese Mixtur ungeeignet, wohl aber zur Herstellung von so genannten schmutzigen Bomben.  Diese enthalten radioaktives Material, das durch einen konventionellen Sprengsatz in weitem Umkreis verteilt wird. Um derartigen Missbrauch zu verhindern müsste ein DFR mindestens ebenso gesichert werden wie heutige kerntechnische Anlagen.

Die Mitglieder des Instituts für Festkörper-Kernphysik gehen davon aus, dass ein Dual Fluid Reactor ausschließlich mit Technologien gebaut werden kann, die heute zur Verfügung stehen. Diese müssten allerdings an die besonderen Herausforderungen angepasst werden, die der Umgang mit Spaltmaterial erfordert. Und alles müsste experimentell bewiesen werden. Die dazu nötigen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten würden wohl Milliarden verschlingen.

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