Fluch oder Segen? Reiche Länder kaufen Äcker in Afrika

Living: Fluch oder Segen? Reiche Länder kaufen Äcker in Afrika

von Lara Sogorski

Investoren sichern sich immer mehr Landflächen in armen Ländern. Doch was als technische Entwicklungshilfe gedacht ist, geht meist schief.

An sich war die Idee der Regierung Äthiopiens gut: Um die Landwirtschaft zu modernisieren, wollte man Landflächen an reiche Investoren verpachten und sie eigene Betriebe errichten lassen. Denn obwohl etwa 85 Prozent der 90 Millionen Einwohner im Agrarsektor arbeiten, reicht die Ernte nicht aus – vor allem weil die Technik veraltet ist. Damit sind jedes Jahr Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfen aus dem Ausland angewiesen. Äthiopien zählt schon heute zu den ärmsten Ländern der Welt.

Also stellte die Regierung mehr als drei Millionen Hektar Land für Pächter zur Verfügung. Die Investoren ließen sich auch nicht lange bitten. Mit ihrer Ernte allerdings haben sie scheinbar besseres vor, als damit die Menschen vor Ort zu versorgen. Man will die Nahrungsmittel lieber exportieren, je nach dem, wie die Preise für Weizen und Co. auf dem Weltmarkt gerade stehen. Davon versprechen sich die Unternehmen weitaus höhere Gewinne.

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Ein zweites Problem der Landgeschäfte: Nach Informationen der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) mussten beispielsweise im Südwesten Äthiopiens alle 60.000 Ureinwohner zwangsweise umgesiedelt werden, um für die neuen Investoren Platz zu machen. Die Gesellschaft protestierte gegen diese Menschenrechtsverletzung im vergangenen Jahr auch öffentlich.

Äthiopien zeigt besonders deutlich: Landgeschäfte mit Investoren funktionieren heute noch nicht so wie gedacht. Das Land am Horn von Afrika ist nur eines von vielen Beispielen dafür. Fast in ganz Afrika und anderen Teilen der Welt sieht es ähnlich aus. Immer mehr Landflächen gehen an Investoren, ohne dass es den Einheimischen zugute kommt. Landraub oder im Englischen „land grabbing“, nennt man diese Geschäfte dann auch.

Entwicklungsländer sind am begehrtestenZahlen zu Landtransaktionen liefert etwa die Plattform Land-Matrix, eine globale und unabhängige Initiative. Partner sind unter anderem die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (giz), das German Institute of Global and Area Studies (GIGA) und die International Land Coalition. Demnach wurde bis heute bereits eine Gesamtfläche von rund 32,8 Millionen Hektar Land erfolgreich verpachtet – was umgerechnet etwa 45 Millionen Fußballfeldern entspricht.

Eine drastischere Zahl führt die Welthungerhilfe an: Schon heute seien weltweit ganze 200 Millionen Hektar Fläche verkauft oder verpachtet worden. Vor allem seit 2009 haben sich Investoren immer mehr Land gesichert – ausgelöst durch die Nahrungsmittelkrise 2007 und 2008, als die Preise etwa für Mais, Weizen und Reis auf das Doppelte anstiegen, sagen Experten.

Die Pächter sind in der Regel große Beteiligungsgesellschaften, Pensionsfonds und staatliche Unternehmen. Ihr Ziel: meist Entwicklungsländer in Afrika und Südamerika, aber laut einer aktuellen Studie (hier als PDF) auch Staaten in Osteuropa, hier beispielsweise die Ukraine, Ungarn und Rumänien.

Fehlende einheitliche Definition macht es Gegnern schwerDie Kritik und der Protest gegen diese Landgeschäfte ist verständlicherweise groß. Viele Organisationen machen sich dagegen stark, wollen die landwirtschaftlichen Kleinbetriebe in den betroffenen Ländern unterstützen, und auch die Vereinten Nationen haben freiwillige Leitlinien veröffentlicht „zur verantwortungsvollen Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten, Fischgründen und Wäldern“.

Doch so einfach lässt sich nichts gegen den Landraub tun. Schon allein deshalb nicht, weil es dafür keine einheitliche Definition gibt.

Während die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, erst ab einer Fläche von 1000 Hektar über Landraub spricht, berücksichtigte die Non-Profit-Organisation GRAIN in ihrer Studie „Land grabbing and the global food crisis“ nur Geschäfte über mehr als 10.000 Hektar. Die Land-Matrix arbeitet mit Daten ab 200 Hektar, die unabhängige Entwicklungsorganisation Oxfam dagegen hält jegliche Größenordnung für falsch. Ihre Definition von Land grabbing: „Investitionen in Pacht oder Kauf von Landflächen, bei dem Investoren die Rechte und Bedürfnisse ländlicher Bevölkerungsgruppen, die das Land bearbeiteten oder davon lebten, ignorieren“.

Oft bleiben Geldgeber unbekanntUm das Problem zu lösen, müsste man zum einen direkt bei den investierenden Unternehmen und Ländern ansetzen. Das ist aber leichter gesagt, als getan. Denn oft lässt sich nur schwer sagen, wer genau hinter den Geschäften steckt. Nach Informationen der Land-Matrix spielen von den OECD-Staaten vor allem die USA und Großbritannien, aber auch Schwellenländer wie Malaysia und Indien eine große Rolle.

„Unsere Zahlen legen nahe, dass Deutschland in solchen Pacht- und Kaufgeschäften eine recht untergeordnete Rolle spielt“, sagt Jann Lay vom GIGA Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien. Es sei allerdings nur schwer nachzuverfolgen, bis wohin die Firmenverflechtungen, die auch Finanzinvestoren einschließen, reichen.

Allerdings: Erst im März diesen Jahres kamen durch Informationen der Umweltorganisation Global Witness Beteiligungen der Deutschen Bank ans Licht. Die Tochtergesellschaft DWS Investment GmbH soll sich an zwei vietnamesischen Kautschukfirmen beteiligt haben, die für Landraub in Kambodscha verantwortlich seien. Erst vor drei Jahren war die Deutsche Bank wegen ähnlicher Geschäft in die Kritik geraten, damals ging es um eine Beteiligung an dem thailändischen Zuckerproduzenten KSL.

Investoren lassen sich von Marktnachfrage leitenFür die Geldgeber sind die wirtschaftlichen Aussichten im Landgeschäft aber auch sehr verlockend: Zum einen verspricht der Lebensmittelsektor dank wachsender Weltbevölkerung weiterhin hohe Gewinne. Nicht nur die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt, sondern auch der Bedarf an Futtermitteln für Nutztiere. Auf der anderen Seite motiviert die Investoren das Geschäft mit Biosprit.

Denn für dessen Herstellung eignen sich vor allem Soja, Zuckerrohr und Palmöl. Rohstoffe also, die sich am Ende auch für Lebensmittel und Tierfutter nutzen lassen. Deshalb nennt man sie auch „flex-crops“. Das heißt, je nach Marktnachfrage ist ein Investor also in der Lage, flexibel auszuwählen, wofür er seine Ernte einsetzt. Am Ende kann er immer sicher sein, ein lohnendes Geschäft gemacht zu haben.

Im Moment lassen es die Investoren aber anscheinend noch langsam angehen. Wie die Land-Matrix nahe legt, wird nämlich auf den gepachteten Flächen heute noch kaum etwas angebaut. In Relation zur Gesamtfläche von rund 32,8 Millionen Hektar findet nur auf 1,7 Millionen Hektar überhaupt Produktion statt. „Wir verstehen noch nicht ganz, warum die gepachteten Flächen so groß sind, die tatsächliche Anbaufläche aber im Vergleich nur sehr klein ist“, kommentiert Lay. Es scheine so, dass die Zielländer durch niedrige Pachtpreise hier Fehlanreize setzen würden, zu große Flächen zu pachten. „Die Investoren wiederum werden wohl oft auf Preissteigerungen spekulieren.“

Der Wissenschaftler hält die Transaktionen aber nicht für grundsätzlich schlecht und argumentiert im Sinne der äthiopischen Regierung: „Die Landwirtschaft ist insbesondere in vielen Ländern Afrikas lange vernachlässigt worden und es besteht hoher Investitionsbedarf.“ Dieser könne zumindest partiell durch diese Großprojekte gedeckt werden.

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