Interview: Wie uns Leitungswasser krank macht

Interview: Wie uns Leitungswasser krank macht

von Jürgen Klöckner

Deutsches Leitungswasser ist sauber? Ein Irrglaube, sagt Wasserfilter-Hersteller Michael Hank im Interview.

Deutsches Leitungswasser ist sauber - ein Irrglaube? Michael Hank gründete 2005 gemeinsam mit seinem Vater die Seccua GmbH, ein mittelständisches Unternehmen in Bayern, das sich auf sogenannte Ultrafilter für Wasser spezialisiert. Sie werden etwa am Wassereingang, unter der Spüle, in Krankenhäusern oder Kläranlagen montiert. Durch eine Nanomembran filtern sie alle Rückstände wie Bakterien und Parasiten. Und von ihnen ist Leitungswasser offenbar nicht frei: Glaubt man Hank, stecken darin ungeahnte Risiken.

Herr Hank, trinken Sie eigentlich noch Leitungswasser?

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Ja, sogar leidenschaftlich gerne! Es ist immerhin eines der am besten überwachten Lebensmittel und in Teilen von besserer Qualität als Flaschenwasser. Ich rate aber: Filtern Sie unbedingt Ihr Wasser.

Ist das nicht Alarmismus? Sie verkaufen schließlich Wasserfilter...

... ja, und zwar immer mehr! Sicher nicht, weil Leitungswasser so sauber ist, wie alle glauben.

Die Wasserqualität ist keine Glaubensfrage, sondern gesetzlich vorgeschrieben. Wenn die Gesetze eingehalten werden, gibt es keine Probleme. Oder würden Sie der Politik Betrug vorwerfen?

Unsere Trinkwasserrichtlinien sind gut, das will ich nicht bestreiten. Schaumberge auf Seen und Flüssen gibt es in Deutschland nicht mehr, hier hat sich einiges getan. Wir sind aber auf dem Stand von vor 20 Jahren. In dieser Zeit ist viel passiert: Wir wissen mehr über die Keime, die Wasser belasten und was wir dagegen tun können. Durch Landwirtschaft geraten Pestizide und Düngemittel ins Grundwasser. Da landen auch Wirkstoffe der Antibabypille, Antibiotika, Desinfektionsmittel, Fäkalkeime und vieles mehr.

Leitungswasser schneidet regelmäßig mit Bestnoten ab. Für giftige Substanzen gibt es Grenzwerte. Das Wasser muss doch gesund sein.

Da irren Sie, es gibt nicht für alles einen Grenzwert. Die ETH Zürich konnte etwa mit einem neuen Messverfahren nachweisen, dass Trinkwasser deutlich mehr Bakterien enthält als konventionelle Verfahren uns glauben lassen. Das, was wir als sauber erachten, ist eigentlich gar nicht sauber. Hinzu kommt, dass die Wechselwirkung giftiger Stoffe in unserem Körper weitgehend unerforscht ist. Das wenige, was Forscher wissen, lässt aber vermuten: In unserem Trinkwasser stecken unentdeckte Risiken.

Das müssen Sie erklären.

Hormone im Trinkwasser können schon in winzigen Mengen die Fortpflanzung von Tieren behindern. Studien belegen beispielsweise, dass das Östrogen der Antibabypille den Balzruf von Fröschen verändert. Die Forscher führen das weltweite Amphibiensterben darauf zurück. Tiere erleiden also teils massive Schäden durch unsauberes Trinkwasser - die Frage ist, wie sie auf den Menschen wirken. Wir müssen darauf dringend Antworten finden.

All das durch Wasser? Weichmacher nehmen wir auch durch andere Lebensmittel zu uns, Antibiotika steckt auch im Fleisch. Leitungswasser ist doch dann nicht gefährlicher als andere Dinge.

Wasser ist eine andere Kategorie, wir trinken es täglich, jahrzehntelang. Hier muss die Wissenschaft schnell Antworten liefern. Was wir aber sicher wissen ist, dass das Problem in den Wasserrohren wächst. Die Wasserqualität im Brunnen ist nicht die, die zu Hause ankommt. Vor allem in Großstädten ist die Infrastruktur oft veraltet. Trinkwasserrohre müssen spätestens alle 40 Jahre erneuert werden, das passiert aber nur selten. In den  alten Rohren, die in der Regel durch Ablagerungen stark verunreinigt sind, vermehren sich Keime, auch Krankheitserreger ...

... vor allem jetzt im Sommer.

Genau. Legionellen etwa vermehren sich besonders gut zwischen 20 und 50 Grad. Geraten sie in die Lunge, etwa beim Duschen, können sie schwere Lungenentzündungen hervorrufen, die sogar tödlich enden können.

Wenn das Problem angeblich so akut ist, wieso unternimmt niemand etwas?

Im Gegenteil, hier bewegt sich einiges, aber im Verborgenen. Bis Ende des Jahres müssen Eigentümer von vermieteten Mehrfamilienhäusern nachweisen, dass ihre Wasserversorgung die strengen Grenzwerte für Legionellen einhält. Zudem sind Vermieter dazu verpflichtet, ab dem 1. Dezember ihre Mieter über die Wasserqualität sowie vorhandene Bleileitungen zu informieren. Bei Verstößen drohen bittere Geldstrafen bis hin zu Gefängnis. Wer vorsätzlich oder fahrlässig dreckiges Wasser bereitstellt, begeht eine Straftat.

Was bedeutet das für Mieter?

Sind die Wasserrohre im Haus in Ordnung, entgehen Mieter zumindest einer Mietpreiserhöhung durch eventuelle Sanierungen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass das Wasser sauber ist: es muss ja erstmal vom Wasserwerk ins Haus. Ich kann ihnen leider nicht vorrechnen, wie viel eine Sanierung der Wasserversorgung kosten würde - die Frage aber ist: Wie viel sind wir bereit, für sauberes Wasser auszugeben? Unser Trinkwasser ist zu billig. Ein höherer Preis könnte Investitionen in bessere, zentrale Aufbereitungsanlagen ermöglichen...

... sind aber politisch vermintes Gelände.

Ja - das ist wie eine Bierpreiserhöhung. Das geht nicht. Wir müssen über Alternativen, wie dezentrale Aufbereitung an der Übergabe in die Gebäude, nachdenken.

Nachtrag: Aufgrund von Dutzenden Zuschriften mit Fragen zu den einzelnen Vorwürfen von Hank haben wir den Faktencheck gemacht. Halten seine Argumente einer Überprüfung stand? Die Antworten finden Sie unter diesem Link.

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