BER-Debakel: Wie es am Hauptstadt-Flughafen weitergeht

Fünf Jahre BER-Debakel: Wie es am Hauptstadt-Flughafen weitergeht

, aktualisiert 22. Mai 2017, 11:49 Uhr
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Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup in einem Terminal des Flughafens Berlin Brandenburg (BER).

Der berüchtigte Flughafen wird schon länger saniert als er eigentlich gebaut wurde. Heute lösen geplatzte Termine bei vielen nur noch Schulterzucken aus. Doch einmal muss die Dauerkrise ein Ende haben.

Tel Aviv, Lissabon, Abu Dhabi: In der Haupthalle des neuen Hauptstadtflughafens scheint die Welt einen Katzensprung entfernt. Der neue Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup steht auf dem glänzenden Natursteinboden und sagt einen dieser Sätze, die typisch sind für die Dauerbaustelle: „Wir haben da oben die Anzeigetafel, die ist noch nicht in Betrieb, aber betriebsfähig und manchmal läuft sie auch schon.“

Dieses „manchmal“ reicht vorerst. Denn neben dem Check-in lagert Baumaterial, Scheiben sind abgeklebt, Bauzäune versperren die Sicherheitsschleuse – der BER ist noch immer nicht fertig. Fünf Jahre ist es her, seit die Eröffnung des Flughafens platzte – keine vier Wochen vor dem geplanten Termin am 3. Juni 2012. Am Montag berät der Aufsichtsrat über die Lage am neuen Hauptstadtflughafen, der noch größer werden könnte. Denn die Passagierzahlen an den bestehenden Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Bis Ende des Jahres soll ein Masterplan für den Ausbau des Flughafens nach 2025 fertig sein. Wann er allerdings öffnet, ist auch weiterhin unklar.

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Wie oft wurde die Eröffnung eigentlich schon abgesagt?

Man hat sich an die kleinlauten Eingeständnisse gewöhnt: Seit Baubeginn 2006 haben die Verantwortliche den BER-Start fünf Mal gecancelt. Eigentlich sollte der drittgrößte Flughafen Deutschlands schon im Herbst 2011 in Betrieb gehen. Inzwischen dauert die Sanierung schon länger als die eigentliche Bauphase.

Gesamtranking: Der beste Flughafen Deutschlands

  • Über die Studie

    Exklusiv für die Wirtschaftswoche wurden die zehn größten Flughäfen Deutschlands bezüglich der Leistungen, des Angebots und der Wahrnehmung durch die Flughafenliste untersucht und entsprechend in eine Rangfolge gebracht. Die Daten stützen sich auf die Befragung bei den Flughafenzentralen zu objektiven Fakten, die Online‐Befragung von 4.825 Flughafengästen sowie die Überprüfung der Kundebetreuung via Mail, Hotline und Social Media durch anonyme Tester.

    In dem Gesamtranking werden die Unterkategorien „Flugangebot“ (Anzahl der Fluggesellschaften, der angeflogenen Ziele/Länder, Start- und Landebahnen und Interkontinentalflüge), „Aufenthaltsqualität“ (Ausstattung der Terminals etwa adäquate Sitzmöglichkeiten, Sauberkeit, Waschräume, W‐Lan-Angebote, Gastronomie und Einkaufsangebot, Familienfreundlichkeit sowie Office‐, Freizeit‐ und Entertainmentangebote), „Prozesse“ (effiziente Abwicklung der Prozesse wie Check-In, Security oder verkehrstechnische Anbindung) und „Service“ (Kundenservice per Telefon, E‐Mail und Social Media und die Qualität der Webseite).

    Die Gewichtung der Kategorien erfolgte nach folgendem Schlüssel: Flugangebot: 25%; Aufenthaltsqualität: 25%, Prozess: 30% und Service: 20%.

    Quelle: DKI, Stand: September 2016

     

  • Platz 10

    Flughafen Berlin‐Tegel

    Platz10
    Punkte59,8
    Noteausreichend
    Bestes Flugangebot
    Platz9
    Punkte15,1
    Notemangelhaft
    Beste Aufenthaltsqualität
    Platz10
    Punkte12,1
    Notemangelhaft
    Beste Prozesse
    Platz10
    Punkte13,3
    Noteungenügend
    Bester Service
    Platz2
    Punkte19,3
    Notesehr gut

  • Platz 9

    Köln Bonn Airport

    Platz9
    Punkte71,9
    Notebefriedigend
    Bestes Flugangebot
    Platz10
    Punkte13,7
    Noteausreichend
    Beste Aufenthaltsqualität
    Platz2
    Punkte21,3
    Notesehr gut
    Beste Prozesse
    Platz8
    Punkte20,5
    Notebefriedigend
    Bester Service
    Platz7
    Punkte16,4
    Notegut

  • Platz 8

    Düsseldorf Airport

    Platz8
    Punkte73,2
    Notegut
    Bestes Flugangebot
    Platz5
    Punkte19,2
    Notebefriedigend
    Beste Aufenthaltsqualität
    Platz9
    Punkte15,9
    Notebefriedigend
    Beste Prozesse
    Platz7
    Punkte21,4
    Notebefriedigend
    Bester Service
    Platz5
    Punkte16,7
    Notegut

  • Platz 7

    Hamburg Airport

    Platz7
    Punkte76,0
    Notegut
    Bestes Flugangebot
    Platz7
    Punkte16,7
    Notebefriedigend
    Beste Aufenthaltsqualität
    Platz6
    Punkte19,5
    Notegut
    Beste Prozesse
    Platz5
    Punkte23,4
    Notegut
    Bester Service
    Platz6
    Punkte16,4
    Notegut

  • Platz 6

    Flughafen Stuttgart

    Platz6
    Punkte78,5
    Notegut
    Bestes Flugangebot
    Platz3
    Punkte19,9
    Notegut
    Beste Aufenthaltsqualität
    Platz7
    Punkte19,5
    Notegut
    Beste Prozesse
    Platz4
    Punkte23,5
    Notegut
    Bester Service
    Platz9
    Punkte15,6
    Notegut

  • Platz 5

    Airport Nürnberg

    Platz5
    Punkte80,1
    Notegut
    Bestes Flugangebot
    Platz4
    Punkte19,4
    Notegut
    Beste Aufenthaltsqualität
    Platz8
    Punkte18,8
    Notegut
    Beste Prozesse
    Platz3
    Punkte25,6
    Notesehr gut
    Bester Service
    Platz8
    Punkte16,3
    Notegut

  • Platz 4

    Bremen Airport

    Platz4
    Punkte80,4
    Notegut
    Bestes Flugangebot
    Platz6
    Punkte18,7
    Notegut
    Beste Aufenthaltsqualität
    Platz5
    Punkte20,0
    Notegut
    Beste Prozesse
    Platz2
    Punkte27,7
    Notesehr gut
    Bester Service
    Platz10
    Punkte14,0
    Notebefriedigend

  • Platz 3

    Hannover Airport

    Platz3
    Punkte82,4
    Notegut
    Bestes Flugangebot
    Platz8
    Punkte16,0
    Notebefriedigend
    Beste Aufenthaltsqualität
    Platz3
    Punkte21,2
    Notegut
    Beste Prozesse
    Platz1
    Punkte28,3
    Notesehr gut
    Bester Service
    Platz4
    Punkte16,9
    Notegut

  • Platz 2

    Frankfurt Airport

    Platz2
    Punkte86,3
    Notesehr gut
    Bestes Flugangebot
    Platz1
    Punkte25,9
    Notesehr gut
    Beste Aufenthaltsqualität
    Platz4
    Punkte20,7
    Notegut
    Beste Prozesse
    Platz9
    Punkte20,4
    Notebefriedigend
    Bester Service
    Platz1
    Punkte19,3
    Notesehr gut

  • Platz 1

    Flughafen München

    Platz1
    Punkte92,2
    Notesehr gut
    Bestes Flugangebot
    Platz2
    Punkte25,7
    Notesehr gut
    Beste Aufenthaltsqualität
    Platz1
    Punkte24,7
    Notesehr gut
    Beste Prozesse
    Platz6
    Punkte22,9
    Notegut
    Bester Service
    Platz3
    Punkte18,9
    Notesehr gut

Was haben die Verantwortlichen in den fünf Jahren getan?

Zunächst: das Chaos vergrößert. Architekten flogen raus, neue Manager kamen, den Moloch zu zähmen. Gemein war ihnen ihr großes Ego, die Rezepte unterschieden sich: Mal sollte es gründlich gehen, mal husch, husch. Hahnenkämpfe wie zwischen den Managern Horst Amann und Hartmut Mehdorn ließen die Baustelle zur Nebensache werden. Die Politik machte Druck, Köpfe rollten, Stückwerk blieb. Und Pech: die Pleite des Ausrüsters Imtech etwa und ein Technikchef, der sich schmieren ließ.

„Wir haben zwischen 2012 bis 2014 zwei Jahre sinnlos vertan“, bekannte Berlins Senats-Chef Michael Müller (SPD) erst lange, nachdem er seinen Vorgänger Klaus Wowereit abgelöst hatte. Inzwischen gibt es aber auch große Fortschritte: Sämtliche Umbauten sind genehmigt und es gibt einen halbwegs klaren Überblick, was noch zu tun ist.

Bilderquiz Welche Pannen gab es am BER wirklich?

Die Liste der Pannen am neuen Hauptstadtflughafen BER ist lang. Einige davon sind so bizarr, dass sie nach Fiktion klingen. Wissen Sie, welche Schlagzeilen echt sind? Machen Sie den Test!

Bilderquiz: Welche Pannen gab es am BER wirklich?

Bis zuletzt wurden aber auch Dinge verschlafen, etwa dass ein Teil der Sprinkler nicht genug Wasserdruck hat und dass sich 1000 Türen nicht richtig steuern lassen - weshalb auch der Start 2017 kippte.

Warum ist die Baustelle so schwer in den Griff zu bekommen?

Vieles folgt aus alten Fehlentscheidungen: gigantischen Umplanungen nach Baubeginn, dem Verzicht auf einen Generalunternehmer, zu knappen Eröffnungsterminen. Und: Die beteiligten Firmen verdienen gut daran, dass der Flughafen nicht fertig wird. Sie werden seit 2012 auf Stundenbasis angefordert. Auf Werkverträge mit Fristen und festen Summen lassen sie sich nicht mehr ein.

Wird der BER jemals in Betrieb gehen?

Davon ist auszugehen, zumal der manchmal geforderte Neubau an anderer Stelle illusorisch ist. Schon Standortsuche, Planung und Genehmigung könnten gut und gerne 15 Jahre verschlingen - zu lange für den stark wachsenden Berliner Luftverkehr. Zudem: Die wesentlichen Probleme am BER scheinen aus dem Weg geräumt, auch wenn solche Feststellungen bei dem Projekt mit Skepsis zu betrachten sind. „Wir sind jetzt in der Phase, wo wir die Schlussarbeiten haben“, versichert jedenfalls der Flughafenchef.

Die große Frage ist die nach dem Wann. 2018 ist jetzt das Ziel, doch sicher ist Lütke Daldrup noch nicht. Seine Fachleute haben zwei Dutzend Bereiche benannt, in denen noch Risiken schlummern könnten. Ein Gutachten nährt Zweifel an 2018.

Warum lässt man nicht einfach den Flughafen in Tegel offen?

Der Flughafen platzt aus allen Nähten. Außerdem verlassen sich die Anwohner seit 20 Jahren darauf, dass dort nach dem BER-Start Schluss ist. Es ist umstritten, ob es überhaupt rechtlich möglich wäre, Tegel parallel zum neuen Flughafen offen zu halten. In jedem Fall wäre das Klagerisiko hoch. Gleichwohl hat die Berliner FDP erreicht, dass es am Tag der Bundestagswahl einen Volksentscheid über Tegel gibt. Wenn eine Mehrheit der Berliner es will, müsste sich der Senat gegen seinen erklärten Willen dafür einsetzen, dass Tegel offen bleibt. Dann könnte es politisch spannend werden.

Hat der BER überhaupt noch eine Chance?

  • Warum halten einige Politiker das Projekt für gescheitert?

    Die wesentliche Argumente sind: Es tauchen immer neue Probleme auf, die auch hohe Extrakosten verursachen. Niemand könne garantieren, dass der Eröffnungstermin nicht doch noch einmal verschoben werden muss, wenn der nächste Fehler entdeckt werden sollte. Dass eine Reihe weiterer Fehler im Terminal gefunden werden könnte, hält Vize-Aufsichtsratschef Rainer Bretschneider nach eigenen Worten für möglich. Er lässt dennoch am Eröffnungstermin in der zweiten Jahreshälfte 2017 nicht rütteln. Ursprünglich sollte der BER im Oktober 2011 in Betrieb gehen.

  • Welche Vorschläge gibt es für einen Neuanfang?

    Eine Idee ist, das Terminal zwar stehen zu lassen, aber den Innenausbau noch einmal von vorne zu beginnen. Die zweite Variante wäre, das Hauptgebäude aufzugeben und nebenan ein neues, größeres Abfertigungsgebäude zu bauen. Unabhängig davon halten es mehrere Kritiker des gegenwärtigen Zustands für unentbehrlich, die Flughafengesellschaft in eine Betreiber- und eine Projektgesellschaft zu trennen. Die Projektfirma könnte sich mit aller Kraft um den neuen Flughafen kümmern. Heute muss sich das Unternehmen bei stark wachsender Passagierzahl auch den Betrieb der Flughäfen Tegel und Schönefeld (alt) im Griff behalten.

  • Wer fordert, den Hauptstadtflughafen nicht mehr zu vollenden?

    Es sind Politiker aus der Opposition im Bund und in den Ländern Brandenburg und Berlin, die zumindest dafür plädieren, über einen Neuanfang nachzudenken. Dazu gehören die Grünen-Bundestagsabgeordneten Anton Hofreiter und Renate Künast, der CDU-Abgeordnete Jens Koeppen aus Brandenburg und Martin Delius von der Piraten-Partei, der Vorsitzender des Untersuchungsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus ist. Es ist niemand darunter, der Verantwortung für den BER trägt.

  • Was wären die Vorteile eines Neubaus?

    Man könnte mit Planung und Bau neu beginnen und dabei die aktuellen Standards der Technik und Sicherheit berücksichtigen. Der Neubau könnte nach den jüngsten Prognosen für die benötigten Passagierkapazität ausgerichtet werden. Der Flughafen-Aufsichtsrat rechnet mit rund 40 Millionen Passagieren, die im Jahr 2023 in Berlin abgefertigt werden müssen. Derzeit sind es schon 28 Millionen in Tegel und Schönefeld. Der BER ist nur für 27 Millionen Fluggäste geplant. Deshalb hat der Aufsichtsrat am Freitag schon eine Erweiterung beschlossen.

  • Was spricht dafür, den Flughafen weiter zu bauen?

    Man müsste mit Planung und Bau neu beginnen. Milliarden Euro wären in den Sand gesetzt. Wie sich beim BER gezeigt hat, können vom ersten Entwurf bis zur Inbetriebnahme mit Planfeststellung und Gerichtsverfahren leicht 20 Jahre vergehen. In dieser Zeit müsste aber eine sehr lange Zwischenlösung für den Luftverkehrsstandort Berlin gefunden werden, was auch eine äußerst schwierige Aufgabe wäre. Nach einer Entscheidung über ein Ende des BER würde die Diskussion um den Standort wieder losbrechen. Brandenburgs Flughafenkoordinator Bretschneider sagte zu dem Vorschlag eines neuen Neubaus: „Es erhöht die Zeitprobleme und es erhöht die Kostenprobleme.“

  • Wie geht es jetzt weiter?

    Die Flughafengesellschaft versucht die Eröffnung bis Ende 2017 noch hinzukriegen. Nach der jüngsten Panne sagte Flughafenchef Karsten Mühlenfeld, dass mit zusätzlich drei bis vier Monaten Bauverzögerung am BER zu rechnen sei. „Wir haben dann aber noch Potenzial bei der technischen Inbetriebnahme, so dass wir die Möglichkeit haben, im zweiten Halbjahr 2017 fertig zu werden“, fügte er hinzu.

Wie viel kostet das BER-Desaster?

Seit Baubeginn ist der Kostenrahmen von 2 auf 6,5 Milliarden Euro gewachsen - ohne Ausgaben für die Verkehrsanbindung und größtenteils ohne Zinsen. Dazu trugen auch Erweiterungen des Projekts bei. Heute versichert das Management, bis 2020 mit dem Geld auszukommen - auch weil es an den Bestandsflughäfen brummt. Der leere Flughafen verschlingt unterdessen monatlich 17 Millionen Euro Betriebskosten, zudem fehlen eingeplante Mieteinnahmen von 13 bis 14 Millionen Euro.

Musste irgendjemand für dieses Debakel haften?

Nein. Gefeuerte Geschäftsführer erhielten Abfindungen. Politische Karrieren bekamen Knicke oder sie endeten, etwa bei Wowereit. Aber Wowereit und der langjährige Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hatten sich für ihre Aufsichtsratsarbeit rechtzeitig entlasten lassen. Oppositionsforderungen, ihre Haftbarkeit neu zu prüfen, perlten bislang an den SPD-geführten Landesregierungen ab.

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