Werbesprech: Für das Fernsehen geht es um Leben und Tod

kolumneWerbesprech: Für das Fernsehen geht es um Leben und Tod

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Jan Böhmermann hat Schauspieler in die RTL-Show "Schwiegertochter gesucht" geschleust. #verafake wurde schnell zu einem beliebten Hashtag auf Twitter.

Foto: ZDF NEO/dpa

Kolumne von Thomas Koch

#Verafake, YouTube, Mediatheken – kann analoges Fernsehen im digitalen Zeitalter überleben? Die TV-Sender versprechen dem Flimmerkasten eine rosige Zukunft. Stirbt das TV oder nicht? Die Antwort ist ziemlich eindeutig.

Jan Böhmermann ist ein Tausendsassa, wenn es um Provokation und TV-Scoops geht. Erst die Aufregung um sein Erdogan-Schmähgedicht, mit dem er eine handfeste Staatsaffäre auslöste. Dann kehrt er nach kurzer Schaffenspause an den "Neo Magazin Royale"-Bildschirm zurück und führt als nächstes RTL vor. Seinem Team war es gelungen, einen Schauspieler als Fake-Kandidaten in die von Vera Int-Veen moderierte Show „Schwiegertochter gesucht“ einzuschleusen und so die Praktiken des Senders offenzulegen.

Unter dem Hashtag #verafake machte die jüngste TV-Aktion Böhmermanns im Netz schnell die Runde und zwang RTL, einzulenken. Der Kölner Sender räumte kurz darauf ein, dass Fehler im Bereich der redaktionellen Sorgfaltspflicht gemacht worden seien und erklärte, die aktuelle Staffel würde deshalb von einem neuen Team realisiert.

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"RTL ist der VW unter den TV-Sendern"

Ungeachtet dessen werden sich die Medienhüter der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) mit der umstrittenen Kuppel-Show auseinandersetzen. Andreas Fischer, Direktor der NLM, mochte noch nicht von einem Verstoß gegen die Menschenwürde sprechen. Er sagte jedoch: "Die Art und Weise, wie die Produktionsfirma Verträge mit den Kandidaten abschließt und sie dabei bedrängt, erinnert stark an Haustürgeschäfte."

Ein Nachspiel wird das für RTL mit Sicherheit haben. Der erneute Image-Schaden ist ohnehin nicht mehr abzuwenden.

Bücher, TV, Streaming? Diese Medien finden die Deutschen unverzichtbar

  • Ein Leben ohne...

    Nur wenige Erwachsene in Deutschland können sich ein Leben ohne Bücher oder Fernsehen vorstellen. Das ergab eine repräsentative Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur aus dem Januar 2016. Andere Unterhaltungsmedien hielten die Befragten dagegen eher für entbehrlich.

  • Bücher

    Nur eine Minderheit von 13 Prozent der Befragten findet gedruckte Bücher verzichtbar. Elektronische Bücher (zum Beispiel Kindle oder Tolino) halten 41 Prozent für verzichtbar.

  • Klassisches Fernsehen

    14 Prozent der Befragten können sich ein Leben ohne das klassische Fernsehen vorstellen.

  • CDs

    Schon wesentlich mehr können sich vorstellen, auf Musik-CDs zu verzichten: Rund ein Fünftel (21 Prozent) der Befragten fand CDs verzichtbar. Hörbücher auf physischen Tonträgern wie CDs spielen für 46 Prozent keine allzu wichtige Rolle.

  • Kino

    Ein Leben ohne Kinobesuche ist für 23 Prozent vorstellbar.

  • DVDs

    Auf Spielfilme oder Serien von DVD würden 24 Prozent der Befragten verzichten.

  • Streaming

    Weniger wichtig finden die Erwachsene laut der YouGov-Umfrage Online-Videotheken. 38 Prozent könnten ohne das Streaming von Serien und Filmen (etwa via Netflix, Amazon, Maxdome, Watchever) leben, 40 Prozent ohne Musik-Streaming (zum Beispiel via Spotify oder Apple).

  • Unterscheidung nach Altersgruppen

    Eindeutig ist die Tendenz, wenn man nach den Altersgruppen schaut: So finden bei den 18- bis 24-Jährigen immerhin 21 Prozent das Fernsehen verzichtbar, bei den Menschen über 55 sind es dagegen nur 10 Prozent.

    Film-Streaming finden dagegen die Leute ab 55 kaum relevant: 50 Prozent können darauf verzichten, wie sie angaben. Bei den Jüngeren (zwischen 18 und 24 Jahren) sind es dagegen nur 27 Prozent, die es missen könnten. In der Altersgruppe 25 bis 34 Jahre sind es sogar nur 24 Prozent

„RTL ist der VW unter den TV-Sendern“ zählt dabei noch zu den humorvolleren Bemerkungen. Übermedien schreibt, Böhmermann zeige, „dass sie bei RTL aus Menschen Fußabtreter machen, weil sich damit so schön Geld verdienen lässt.“

Ebenso sicher beginnt eine erneute Diskussion darüber, wie Menschen von den Privatsendern zur Belustigung ihres Publikums vorgeführt werden. Man wird dabei wieder zum Begriff des „Unterschichten-Fernsehens“ greifen, was die Werbekunden der Privatsender wenig erfreuen wird. Die sind derzeit ohnehin nicht gut auf das Fernsehen zu sprechen. Ausgerechnet einen Tag vor dem „Screenforce Day“, der alljährlichen Jubelveranstaltung der TV-Vermarkter, wetterten sie gegen die dramatischen Leistungsverluste des Werbefernsehens.

„TV-Werbung kostet immer mehr und leistet immer weniger“, moniert Uwe Storch, Mediachef bei Ferrero. Die geballte Ladung Kritik umfasst überladene Werbeblöcke, die Programmqualität, vor allem aber die sinkende Reichweite der Programme. Werbekunden bezahlten heute "bis zu 50 Prozent mehr für die gleiche Leistung".

To be or not to be

Das führt geradewegs zur brisantesten Frage, die die Branche aktuell diskutiert: Kann das analoge Fernsehen, wie wir es heute kennen, die Digitalisierung überleben? Oder bleibt der Flimmerkasten in der Ecke des Wohnzimmers stark wie eh und je, wie es die Protagonisten der TV-Vermarkter gebetsmühlenartig vortragen?

Die wichtigsten Anbieter im Online-Fernsehen

  • Netflix

    Unternehmen: Netflix

    Streamingkosten (in € pro Jahr): 95,88–107,88

    Stärke: Viele exklusive Filme und Serien, bewährte Technik, starke Kooperationspartner

    Schwäche: Wenig aktuelle Filme, anfangs relativ kleines Angebot

    Wichtigste Serien: House Of Cards, Orange Is The New Black, Hemlock Grove

    Quelle: Unternehmen

  • Entertain

    Unternehmen: Deutsche Telekom

    Streamingkosten (in € pro Jahr): ab 359,40*

    Stärke: Auch über Satellit nutzbar, teilweise ohne Online-Verbindung nutzbar

    Schwäche: Nur im Paket mit Telefon und Internet, lange Vertragsbindung

    Wichtigste Serien: Sherlock, The Mentalist, How I Met Your Mother

    * inklusive Telefon und Internet-Anschluss

  • Amazon Prime Video

    Unternehmen: Amazon
    Streamingkosten: Neben einer Jahresgebühr von 49 Euro ist Amazon Prime Video auch im monatlich kündbaren Abo für 7,99 Euro verfügbar
    Stärke: Exklusive Filme und Serien, Gratislieferung von Amazon-Bestellungen, auf mobilen Endgeräten ohne Online-Verbindung nutzbar
    Schwäche: Nicht alle Titel lassen sich für die Offline-Wiedergabe speichern, nicht alle Filme und Serien im Sortiment
    Wichtigste Serien: The Man in the High Castle, Mozart in the Jungle, Transparent, Mr. Robot, Fear the Walking Dead, Lucifer, Preacher, The Night Manager

  • iTunes

    Unternehmen: Apple

    Streamingkosten (in € pro Jahr): Bezahlung pro Download

    Stärke: Sehr breites Angebot, Serien direkt nach US-Ausstrahlung, Kauf ab 99 Cent

    Schwäche: Nur Kauf und Miete

    Wichtigste Serien: True Detective, Sleepy Hollow, The Strain, Downton Abbey

  • Maxdome

    Unternehmen: ProSieben-Sat.1

    Streamingkosten (in € pro Jahr): 95,88

    Stärke: Großes Angebot, Serien direkt nach US-Ausstrahlung, Kaufvideos, teilweise ohne Online-Verbindung nutzbar

    Schwäche: Aktuelle Filme und Serien nur Zuzahlung

    Wichtigste Serien: Under The Dome, Hannibal, Sons Of Anarchy, Bitten, Hawaii Five-O

  • Sky Snap

    Unternehmen: Sky

    Streamingkosten (in € pro Jahr): 47,88

    Stärke: Niedriger Preis; auch Originalfassungen, gegen Aufpreis teilweise ohne Internet-Verbindung nutzbar

    Schwäche: Begrenztes Angebot, wenig Aktuelles

    Wichtigste Serien: Game Of Thrones, Alcatraz, Die Sopranos, The Walking Dead

  • Whatchever

    Unternehmen: Vivendi

    Streamingkosten (in € pro Jahr): 107,88

    Stärke: Teilweise ohne Online-Verbindung nutzbar

    Schwäche: Begrenztes Angebot, wenig Aktuelles

    Wichtigste Serien: Mad Men, The Wire, Lilyhammer, The Mentalist, Torchwood

  • YouTube

    Unternehmen: Google

    Streamingkosten (in € pro Jahr): 0

    Stärke: Gratis, fast unendliches Angebot

    Schwäche: Wenig aktuelle und hochwertige Filme

    Wichtigste Serien: Tatort, Schimanski, Kanäle von Komödianten wie Y-Titti, LeFloid

Die von Werbeeinnahmen abhängigen Privatsender führen an, dass die TV-Sehdauer in den letzten Jahren nahezu konstant geblieben ist und sich von der zunehmenden Videonutzung auf YouTube und Facebook wenig beeindruckt zeigt.

Damit vergleichen sie jedoch Äpfel mit Birnen, denn der analoge Konsum von Sendungen wie „Schwiegertochter gesucht“ lässt sich schwerlich mit einem einminütigen Video auf YouTube vergleichen. Der Tatsache, dass viele Jugendliche dem Fernsehkonsum abschwören, begegnen sie mit dem Argument, dass deren wöchentliche Reichweite stabil sei - und dass ihr Fernsehkonsum ohnehin automatisch anstiege, sobald sie die Lebensphase der Familiengründung erreichten. Doch das erweist sich lediglich als gut gemeinter Blick in die Kristallkugel, womit sich die Verwalter der Werbegelder, die Milliarden ins analoge Fernsehen investieren, nicht so einfach zufrieden geben. Die TV-Werbeinvestitionen stiegen im 1. Quartal dieses Jahres erneut um 9 Prozent.

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