Werner knallhart: Die Deutsche Bahn ist doch schon jetzt fantastisch

Das Restaurant

Hartmut Mehdorn hatte einst überlegt, die Bordrestaurants abzuschaffen. Was wäre das für ein unverzeihlicher Fehler gewesen. Das Restaurant ist DAS Alleinstellungsmerkmal der Eisenbahn. Der ICE ist schnell. Aber das Flugzeug ist schneller. Der ICE ist flexibel nutzbar. Aber das Auto ist flexibler. Aber der Zug ist komfortabler als alles. Selbst ein Businessclass-Flug ist eben nur bequem im Vergleich zur Economy. Einem Vergleich mit dem ICE hält er nicht stand. Nur gut, dass der Flug kürzer ist.

Und das Bordrestaurant verleiht dem Zug Seele. Es belegt: Im ICE geht es auch um Genuss. Das Essen an Bord ist nicht so frisch wie im Lieblingsrestaurant um die Ecke. Für aufgewärmte Speisen wie Schweinerückensteak mit Schafskäsefüllung und Spinatbandnudeln sind ganze 14,90 Euro fällig. Das ist eben der Unterwegs-Aufpreis. Das zahlen Sie am runtergekommenen Flughafen Berlin-Tegel gut und gerne für ein geplatztes Paar Würstchen und ein Bier. Okay, fast. Aber dafür am Boden mit Blick auf abbruchreife Flure.

Neue Züge der Deutschen Bahn

  • ICx: Der Komfortable

    Die neuen ICx von Siemens erhalten eine Beleuchtung, die sich an Zeit und Außenstimmung anpasst. Zudem erlauben sie die Mitnahme von Rädern. Die ersten der 130 bestellten Züge kommen 2017. Investition: 5,3 Milliarden Euro. Pro Jahr liefert Siemens 20 Stück. Ein rund 200 Meter langer Zug besteht beim ICx aus sieben statt acht Wagen wie beim ICE. Das senkt Kosten und bringt mehr Sitzplätze. Siemens baut zwei Modelle: 345 und 202 Meter lang, Höchsttempo 249 und 230 Kilometer pro Stunde.

  • IC Dostock: Der Schlichte

    Die Doppelstockzüge von Bombardier kommen vor allem auf Nebenstrecken zum Einsatz. Anders als im Nahverkehr, wo sie bereits als Regionalexpress unterwegs sind, erhalten die 44 bestellten Dostocks das blaue Velours-Ambiente eines Intercity. Investition: 660 Millionen Euro. Es gibt keinen Schnickschnack: Sitzreihen und Toiletten sind enger, kein Bordrestaurant, stattdessen mobiler Gastro-Service. Betriebliche Vorteile: Die Züge sind in der Länge variabel und gelten als extrem verlässlich.

Kenner bestellen im ICE einfach die Ofenkartoffel mit Quark und Räucherlachs und dazu einen kühlen Weißwein, alles für unter 15 Euro - inklusive Blick auf diesige Wiesen, grüne Wälder, blaue Seen, glitzernde Flüsse im Sonnenuntergang, auf romantische Burgen, gruselige Fabrikruinen und geheimnisvolle Hinterhöfe. Am besten der Moment an der Autobahn entlang: wenn man mit dem Weinglas in der Hand mampfend die Autofahrer überholt. Und am Tisch leuchtet ein kleines Stehlämpchen auf die weiße Tischdecke. Das Panorama kriegen Sie in keinem Firstclass-Flug in zehntausend Metern Höhe.

Das gigantische Netz: Viele Kritiker der Deutschen Bahn schwärmen von der Pünktlichkeit vom Skinkansen. Und wahrhaftig: Der japanische Rennzug ist selten mal mehr als eine Minute zu spät. Das liegt daran, dass der Shinkansen in seiner eigenen Welt unterwegs ist.

Anders als der ICE wartet der Shinkansen nicht auf Anschlusszüge. Er lässt die Leute einfach stehen. Er fährt im separaten Netz mit separaten Fahrkarten und separaten Zugängen in den Bahnhöfen. Er teilt sich die Gleise nicht mit dem Regionalverkehr und Güterzügen. Wer aber auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen muss, kann problemlos pünktlich sein. Typisch für das deutsche Netz ist das ausgeklügelt verzahnte Miteinander auf kleinstem Raum. Kleine Störungen lösen dort allerdings schnell eine Kettenreaktion aus.

Wer aber den stets pünktlichen Hochgeschwindigkeitszug in Deutschland will, der muss auch wollen, dass exklusive ICE-Trassen quer durchs Land geschlagen werden. Und ohne separate ICE-Bahnsteige in den Bahnhöfen geht dann auch nichts. Weiß jemand, wo der etwa im überladenen Kölner Hauptbahnhof hinpassen soll?

Bislang ist es in Deutschland noch nicht einmal möglich, der Energiewende zuliebe eine Stromleitung vom Norden in den Süden zu verlegen, ohne dass alle Anrheiner mosern, die geplante Stromleitung würde beim abendlichen Rotwein den Blick von der Terrasse im Reihenendhaus aus auf den Horizont trüben.

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Fahren Sie bitte mal bei Gelegenheit mit dem TGV durch Frankreich (Atmosphäre wie im RegionalExpress), oder im Shinkansen durch Japan (Atmosphäre fast wie in der Disko bei Putzbeleuchtung). Dass ausgerechnet die so rationalen Deutschen den gemütlichsten und verspieltesten Hochgeschwindigkeitszug der Welt nutzen, ist doch nett. Und ein Segen. Mein Zug hat gerade exakt 29 Minuten Verspätung. Weil im hinteren Zugteil eine Bremse abgeschaltet werden muss, stehen wir vor Bielefeld auf offener Strecke. Dafür ist es hier drin so muckelig. Als hätte Siemens die eingebauten Zipperlein geahnt und gleich ein Trostpflaster mit dazu geplant.

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Deshalb fahre ich trotz allem, was ganz schnell besser werden muss, gerne Zug. Und bei der nächsten Panne bestelle ich einfach noch einen Tee. Vielfahrer wissen schließlich: Mit Magengeschwüren kommt man auch nicht schneller an. Und wenn ich dann zu spät zum Termin komme, sage ich einfach: "Sorry, bin mit der Bahn da." Und alle winken mitleidig ab ("Du Armer!") und schwupps ist es verziehen. Eigentlich genial! Das bleibt hoffentlich trotz der neuen Bahn-Offensive noch lange so.

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