Aus Kaiser's wird Rewe: Wie eine Supermarktkette verschwindet

Aus Kaiser's wird Rewe: Wie eine Supermarktkette verschwindet

, aktualisiert 27. Februar 2017, 13:24 Uhr
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Handwerker montieren das Kaiser's-Logo der Filiale an der Friedrichstraße ab.

von Milena MertenQuelle:Handelsblatt Online

Die Traditionsmarke Kaiser’s stirbt aus. Bis Ende März werden 60 Filialen der Supermarktkette in Berlin zu Rewe – jeweils an einem einzigen Tag. Ein Kraftakt. Denn Rewe bringt mehr mit als nur die Payback-Karte.

BerlinJürgen Gratz arbeitet sich langsam an einem Regal mit Fruchtsäften entlang. Sorgfältig tauscht er ein Etikett nach dem anderen aus. Der 61-Jährige trägt ein rotes T-Shirt, darauf prangt die schmunzelnde Kaffeekanne, das Logo von Kaiser's. Seit 40 Jahren arbeitet Gratz bei der Supermarktkette, sein ganzes Berufsleben. Seine Arbeitskleidung trägt er zum letzten Mal, einen Tag später wird er sie gegen das Hellgrau von Rewe eintauschen. „Da ist viel Wehmut dabei, wenn man so lange im Unternehmen gearbeitet hat“, erzählt er.

Gratz ist einer von 38 Mitarbeitern der Kaiser’s-Filiale an der Friedrichstraße in Berlin. Mitten im Herzen der Hauptstadt verwandelt sich die Filiale in einen „Rewe City“-Markt. Das IT-System wird komplett umgestellt, Kassen ausgetauscht, Ware umgeräumt, Neuware einsortiert, Logos und Schilder ersetzt, Mitarbeiter geschult – alles an einem einzigen Tag. Es ist der 28. von insgesamt 60 Berliner Märkten, die Rewe vom Konkurrenten Edeka übernimmt. Beinahe Halbzeit. Bis zum 31. März müssen alle Filialen umgerüstet sein.

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Deshalb geht alles so schnell wie möglich. Seit sechs Uhr morgens läuft der Umbau. Gratz erzählt, auch seine Frau arbeite in einer Kaiser’s-Filiale. Sie hatten gescherzt, dass sie vielleicht bald Konkurrenten sein könnten, wenn ihre Filiale an Edeka geht. Aber dann wurde es für beide Rewe. „Wir sind zufrieden“, sagt Gratz, dem noch dreieinhalb Jahre bis zur Rente bleiben. „Für die nächsten fünf Jahre sind alle Jobs gesichert. Das hat die Gewerkschaft gut ausgehandelt.“

Nach einem Happy End sah es für die Kaiser’s-Mitarbeiter lange Zeit nicht aus. Im Oktober 2014 hatte Familienunternehmer Karl-Erivan Haub angekündigt, seine defizitäre Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann an den Marktführer Edeka zu verkaufen. Das Bundeskartellamt untersagte die Übernahme, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel erteilte dennoch eine Ministererlaubnis. Dagegen klagte Edeka-Konkurrent Rewe. Schließlich drohte die Zerschlagung des Unternehmens, 8000 Arbeitsplätze waren gefährdet.

Gabriel setzte Altkanzler Gerhard Schröder als Schlichter im Streit zwischen Rewe und Edeka ein. Nach zähen Verhandlungen kam es schließlich im Dezember 2016 zur vertraglichen Einigung: Rewe und Edeka teilen die Kaiser’s- und Tengelmann-Filialen untereinander auf. Die Bedingung: Alle Beschäftigten behalten ihre Jobs. 60 Berliner Filialen von Kaiser's gingen dabei an Rewe.

„Das war ein ewiges Hin und Her“, erinnert sich eine Mitarbeiterin, die gerade Getränke ins Kühlregal räumt. Sie spricht schnell, ihre Stimme zittert. „Wir wussten überhaupt nicht, wie es weitergeht. Herr Haub hat sich immer wieder widersprüchlich geäußert.“ Durch den psychischen Stress seien viele Mitarbeiter krank geworden. In manchen Märkten habe permanenter Personalnotstand geherrscht. Ihr kommen die Tränen, als sie an diese Zeit der Anspannung zurückdenkt.

Draußen vor der Filiale montieren Handwerker gerade das Kaiser’s-Logo ab. Durch die Glasscheibe sehen die Mitarbeiter drinnen schweigend zu, wie die Arbeiter den Kaiser’s-Schriftzug mit einem Seilzug langsam herunterlassen. Einige Passanten bleiben stehen und schauen still zu.


„Ab heute müssen Sie jeden Kunden nach der Payback-Karte fragen“

1887 eröffnete der Kaufmann Josef Kaiser die erste Zweigstelle in der Hauptstadt. Der Westfale hatte das elterliche Kolonialwarengeschäft sieben Jahre zuvor übernommen und zu einem erfolgreichen Kaffeegeschäft ausgebaut. Das Sortiment: Röstkaffee, Gebäck und Schokolade. Bereits 1910 war Kaiser’s das größte Kaffeegeschäft Deutschlands mit 1250 Filialen. Die Zweigstellen lagen stets mitten im Zentrum und waren durch das Logo, die lächelnde Kaffeekanne, zu erkennen. 

Jetzt liegt die berühmte Kaffeekanne am Boden. Die Handwerker montieren den Rewe City-Schriftzug überm Eingang der Filiale in der Friedrichstraße. Kurz darauf leuchten die Buchstaben zum ersten Mal auf.   

Bisher läuft alles nach Plan. Michael Krüger ist zufrieden. Der 36-Jährige ist verantwortlich für die Integration der neuen Rewe-Märkte. Er steht vor dem Frischeregal, das zwei Mitarbeiterinnen gerade komplett leerräumen und auswaschen. „Die Sortimente von Rewe und Kaiser’s decken sich nur zu vierzig Prozent. Das heißt: Das meiste muss raus“, erklärt er. Die Kaiser’s-Ware wird in den nächsten Tagen zum halben Preis abverkauft. Zudem müssen etwa 15.000 Produkte umetikettiert werden. Konkurrent Edeka, der deutlich mehr Filialen umrüsten muss, lässt sich dafür mehr Zeit.

Zur Unterstützung der Kaiser's-Mitarbeiter ein externer Dienstleister mit 18 Aushilfen angerückt. Ein logistischer Kraftakt – und viel Verantwortung für Krüger, der die Gesamtkoordination übernommen hat. „60 Märkte in so kurzer Zeit integrieren – das gab es in der Rewe-Geschichte bisher noch nie“, sagt Krüger. „Ich habe schon einige schlaflose Nächte hinter mir.“

Handwerker tauschen gerade die Griffe an den Einkaufswagen aus. Das Kaiser’s-Logo muss überall verschwinden, die Rechte daran hat Edeka erworben. Alle Schilder und Banner werden durch den roten Rewe-Schriftzug ersetzt.

Im Pausenraum beginnt eine Schulung für die Mitarbeiter. Der kleine Raum ist mit 18 Personen überfüllt, nicht jeder hat einen Sitzplatz ergattert. An die Wand hat vor Jahren ein Künstler eine große, lachende Kaiser’s-Kanne mit Kochmütze und Löffel in der Hand gesprayt. Marcel Weyermann, rote Haare, kantiges Gesicht, leiert Regeln für den Umgang mit dem neuen Kassensystem herunter.

Er klickt zügig durch eine Powerpoint-Präsentation, die die meisten Mitarbeiter nicht sehen können – der schmale Raum eignet sich nicht für eine solche Vorführung. Die Mitarbeiter, überwiegend Frauen um die 50, werden unruhig, tuscheln miteinander. „Ab heute müssen Sie jeden Kunden nach der Payback-Karte fragen“, befiehlt der Rewe-Funktionär. Immer wieder wird er durch Bohrgeräusche aus der Filiale unterbrochen.


Integrationshelfer für die Mitarbeiter

Nach eineinhalb Stunden Theorie geht es an die Praxis. Dicht gedrängt stehen die Mitarbeiter um die neu eingebaute Kasse und müssen sich konzentrieren, um Weyermanns Worte inmitten des allgemeinen Lärms zu verstehen.  „Zwei Sachen funktionieren zwar noch nicht, aber wir fangen jetzt trotzdem mal an“, sagt Weyermann. Eine Mitarbeiterin raunt: „Wir hätten ja auch einfach zwei Tage schließen können.“

Schritt für Schritt geht Weyermann die wichtigsten Funktionen durch: Waren einscannen, Storno, Kasse sperren. Petra Frickel hört angestrengt zu und notiert das Wichtigste auf ihrem Notizblock. Seit 25 Jahren arbeitet sie bei Kaiser’s, davon 13 Jahre in der Filiale an der Friedrichstraße. „Es ist schon vieles anders“, sagt sie. „Aber nach ein oder zwei Wochen wird sich alles eingespielt haben. Die Mädels bleiben ja auch noch ein paar Tage.“

Die Mädels, das sind Maria Szeja und Adriana Berisha, 20 und 23 Jahre alt. Junge Rewe-Führungskräfte, die als „Integrationshelfer“ eingesetzt werden. Sie helfen beim Umbau mit und bleiben vier Tage im Markt, falls es Fragen zum neuen IT-System gibt. Neun solcher Coaches begleiten den Übergang der 60 neuen Filialen „in die Rewe-Welt“, erklären sie. Filialleiterin Maureen Francke sagt, zusätzlich habe sie eine Patenfiliale um die Ecke, an die sie sich jederzeit mit Fragen wenden könne.

Und tatsächlich: Nur 170 Meter entfernt liegt der nächste Rewe City, im Umkreis von drei Kilometern finden sich fünf weitere Rewe-Märkte. Kritiker befürchten, es gebe bald zu viele Rewe- oder Edeka-Märkte auf zu dichtem Raum, städtische Mini-Monopole der beiden großen Lebensmittelhändler. Peter Pietz, Rewe-Bezirksmanager, winkt ab. „Natürlich gibt es da ein oder zwei fragliche Fälle, wo neue Filialen sehr nah beieinander liegen. Aber wir haben hier in Berlin so eine hohe Kaufkraft, so viele Touristen und Büros, ich mache mir da keine Sorgen.“ Und die Arbeitsplätze seien für die nächsten fünf Jahre gesichert, betont er.

Es ist 17 Uhr, langsam setzt die Dämmerung ein. Die meisten Regale sind eingeräumt, ein Putztrupp beseitigt die Spuren des Umbaus. Im Eingangsbereich hängt nun eine rot-weiße Luftballonschlange. Ein nagelneuer Payback-Servicepoint ist fertig installiert. Zwei Mitarbeiterinnen arrangieren gemeinsam die Schnittblumen. Alle Logos sind ausgetauscht, nichts erinnert mehr an Kaiser’s.

Jürgen Gratz ist sichtlich erschöpft. Eine letzte Warenlieferung soll noch kommen. „Wir hoffen, dass wir bald Feierabend machen können“, sagt er. Um 19 Uhr, spätestens 19.30 Uhr, soll Schluss sein. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt nach diesem Sprint nicht: Am nächsten Morgen um 10 ist Neueröffnung. Der erste Tag in neuer Rewe-Kleidung.

Quelle:  Handelsblatt Online
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