Kinderlebensmittel: "Die Foodwatch-Studie ist unseriös und irreführend"

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Kinderlebensmittel: "Die Foodwatch-Studie ist unseriös und irreführend"

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Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL).

von Susanne Kutter

Christoph Minhoff, der Hauptgeschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), wehrt sich gegen die Vorwürfe der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch und medizinischer Fachgesellschaften.

Herr Minhoff, einfach zusammengefasst werfen die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch und zwei medizinische Fachgesellschaften der Lebensmittelindustrie vor, die Menschheit und vor allem ihre jüngsten Kunden – die Kinder – gezielt zu mästen, indem sie entgegen aller anderslautender Beteuerungen fett- und zuckerstrotzende Lebensmittel weiterhin mit kindgerechter Werbung anpreisen. Was sagen Sie als Hauptgeschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde dazu, der diese Branche fachlich vertritt?

Christoph Minhoff: Der Vorwurf ist völlig haltlos. Die Foodwatch-Studie ist unseriös, intransparent, interessengleitet und irreführend. So ist die Auswahl der 281 Lebensmittel, die untersucht wurden, überhaupt nicht nachzuvollziehen.

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Foodwatch hat laut Studiendesign jene Produkte ausgewählt, die gezielt an Kinder vermarktet werden. Zum Beispiel Softdrinks wie Fanta oder Mezzomix.

Aber Fanta ist doch kein Kinderlebensmittel. Da wird doch gerade mit Retroflaschen geworben, das spricht doch die Älteren und nicht die Kinder an.

Mit Gewinn-Aktionen wie „Freier Eintritt ins Legoland“ auf Mezzo-Mix-Flaschen dürften wohl eher die jüngeren unter uns gemeint sein.

Wenn überhaupt, dann ist es ein „Familienprodukt“, denn ins Legoland würden die Kinder wohl kaum alleine fahren.

Dann nehmen wir Pombären…ein kleinkindgerechter Chip.

Wollen Sie die jetzt verbieten?

Nein, es geht ja nicht ums Verbieten, sondern darum, dass viele große Lebensmittelkonzerne sich 2008 europaweit verpflichtet haben, ungesunde Produkte nicht mehr an Kinder zu vermarkten. Und dass das laut Studienergebnissen von Foodwatch in 90 Prozent der untersuchten Fälle einfach ignoriert wird, obwohl diese Lebensmittel laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ganz und gar nicht für Kinder geeignet sind.

Allerdings ändert auch die WHO ihre Kriterien – und Foodwatch hat die erst wenigen Wochen alten neuen Empfehlungen der WHO als Maßstab herangezogen. Das kann in den Produkten ja noch gar nicht angekommen sein. Im Übrigen erfüllen die Hersteller sehr wohl ihre Zusagen im Rahmen der Selbstverpflichtung und lassen dies auch extern überprüfen.

Klebrige Frühstücks-Frosties mit 25 Prozent Zuckeranteil liegen deutlich über dem WHO-Wert. Und auch diese sprechen eindeutig Kinder an. Das passt doch alles mit der Selbstverpflichtungserklärung nicht so recht zusammen, oder?

Doch, denn dort ist festgehalten, dass Frühstückscerealien nicht mehr als 30 Prozent Zuckeranteil haben sollten. Das entsprach dem bisher von der WHO empfohlenen Nährwertprofil für diese Produktgruppe. Erst neuerdings hat die WHO ihre Empfehlung auf 15 Prozent Zuckeranteil gesenkt. Davon abgesehen arbeiten die Nahrungsmittelkonzerne seit Jahren intensiv an der Optimierung der Rezepturen, um Alternativen anbieten zu können. Aber weil das auch den Wettbewerb betrifft, redet keiner gerne so offen darüber.

Wieviel Zucker steckt in...

  • ...einem Duplo?

    In dem Schokoriegel (18 Gramm) stecken rund sechs Gramm Zucker.

  • ...einem Mars-Riegel?

    In einem Riegel (58 Gramm) stecken rund 39 Gramm Zucker.

  • ...zwei Teelöffeln Nuss-Nougat-Creme?

    20 Gramm der Schokocreme enthalten rund 12 Gramm Zucker.

  • ...einem Glas Apfelsaft?

    200 Milliliter Apfelsaft enthalten 20 Gramm Zucker.

  • ...einem Glas Cola?

    200 Milliliter Cola enthalten etwa 18 Gramm Zucker.

  • ...einem Glas Milch?

    200 Milliliter Milch enthalten 10 Gramm Zucker.

  • ...einem Fruchtzwerg?

    Eine Portion (50 Gramm) dieses Kinderprodukts enthält 7,6 Gramm Zucker.

  • ...eine Portion Fertig-Zwiebelsuppe?

    Zwiebelsuppe aus der Tüte von Maggi enthält laut Hersteller 24 Gramm Zucker auf 100 Gramm der trockenen Zubereitung. Fertig gekocht entspricht das bei einer Portion von 250 Millilitern 3,3 Gramm Zucker.

Das ist für die Glaubwürdigkeit nicht gerade hilfreich… Es führt aber vor allem nicht an der Tatsache vorbei, dass Foodwatch beim simplen Lesen der Inhaltsstoffangaben von dieser Änderung der Rezepturen in Richtung gesündere Produkte offenbar nichts bemerkt hat.

Weil Foodwatch eben nur solche Produkte ausgewählt hat, die deren vorgefertigte Meinung bestätig, die Lebensmittelindustrie sei an allem schuld. Das wiederum ist selbst durch das Studienergebnis nicht gedeckt: Denn obwohl die Industrie solche Produkte anbietet, sind eben nicht 100 Prozent, sondern nur sechs Prozent der deutschen Kinder adipös, die restlichen 94 Prozent also nicht. Der Zusammenhang zwischen Werbung und Adipositas der Kinder ist also überhaupt nicht belegt.

Zusätzlich zu den sechs Prozent der fettleibigen Kinder sind in Deutschland derzeit weitere neun Prozent der Kinder übergewichtig. Das sind 50 Prozent mehr als in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Finden Sie das nicht auch besorgniserregend?

Jeder krankhaft Übergewichtige ist einer zu viel. Aber die Ursache für das zunehmende Übergewicht ist nicht die Werbung der Lebensmittelindustrie. Es liegt an sehr vielen unterschiedlichen Dingen: Wir bewegen uns zu wenig und sitzen zu viel. Und viele Menschen haben überhaupt keine Vorstellung mehr davon, was eine ausgewogene Ernährung überhaupt ist. Dieses Wissen wieder zu schaffen, dafür engagiert sich die Lebensmittelindustrie.

Hinter welchen Bezeichnungen sich Zucker versteckt

  • Süßes Geheimnis

    Zuviel Zucker ist ungesund - das weiß jedes Kind. Doch die süße Zutat versteckt sich hinter allerlei Bezeichnungen. Ein Blick auf häufige Deklarationen, um den Durchblick zu wahren:

  • Saccharose

    Das ist der gewöhnliche Haushaltszucker, der aus einem Molekül Glucose und einem Molekül Fructose besteht. Gewonnen wird er aus Zuckerrübe, Zuckerrohr und Zuckerpalme. Übrigens: brauner Zucker ist nicht gesünder als weißer. Beide haben gleich viele Kalorien (400 kcal pro 100 Gramm) und sind gleich schädlich. Weißer Zucker wird einfach häufiger gereinigt. Brauner Zucker kann zwar noch minimale Mineralstoff-Spuren enthalten, das ist aber so wenig, dass es gesundheitlich keinerlei Vorteil bringt.

  • Laktose und andere -osen

    Hinter dem Begriff Laktose verbirgt sich der Milchzucker. Er setzt sich aus einem Molekül Glukose und einem Molekül Galaktose zusammen. Für Menschen mit einer Laktoseintoleranz ist der Zucker problematisch: Sie können ihn nicht verdauen, was zu Blähungen und Durchfall führt. In der Lebensmittelherstellung ist Laktose beliebt, weil sie billig ist und damit eine cremige Konsistenz erzeugt werden kann, was zum Beispiel bei Schokoriegeln erwünscht ist.

    Generell lässt die Endung -ose auf Zucker schließen, etwa Dextrose oder Fruktose.

  • Süßmolkenpulver

    Es ist ein Nebenprodukt der Käseverarbeitung und besteht zu etwa 72 Prozent aus Milchzucker.

  • Maissirup, Stärkesirup

    Er wird auch als Glucose-Sirup, Bonbonsirup, Isoglukose, Corn Sirup oder Maiszucker bezeichnet. Es handelt sich um einen Zuckersirup, der durch enzymatische Aufspaltung einer stärkehaltigen Lösung entsteht und aus Glukose und Fruktose (in veränderlichen Anteilen) besteht. Er kann besonders billig aus Mais, aber auch aus Kartoffeln und Weizen gewonnen werden. Diese Zuckersirup-Arten werden vor allem für Pralinen, Riegel oder Frühstücksflocken als Bindemittel eingesetzt, weil sie so klebrig sind. Kalorientechnisch steht der Sirup dem Haushaltszucker in nichts nach.

  • Invertzucker, Invertzuckersirup

    Er wird mit Säure oder einem Enzym (der sogenannten Invertase) aus Saccharose hergestellt, die dabei in ihre beiden Bausteine Glukose und Fruktose zerlegt wird. Dadurch schmeckt er etwas milder und fruchtähnlicher. Invertzuckersirup wurde früher auch "Kunsthonig" genannt. In der Lebensmittelindustrie wird er ähnlich wie Glukosesirup eingesetzt, weil er nicht so leicht kristallisiert.

  • Malto-...

    Maltose, der Malzzucker, ist ein Abfallprodukt in der Stärkeherstellung aus zwei Glukosemolekülen. Er entsteht zum Beispiel beim Bierbrauen. Zucker verbirgt sich außerdem hinter allen Bezeichnungen, die mit "Malto" beginnen, etwa Maltodextrin oder Maltoextrakt.

  • Dicksaft

    Er gilt als Alternative zum Zucker, enthält aber fast so viele Kalorien wie normaler Zucker, da er zu etwa 80 Prozent aus Zucker besteht. Verbreitet sind zum Beispiel Agaven- oder Apfeldicksaft.

Da wäre doch am einfachsten mit einer klaren Kennzeichnung der Lebensmittel – etwa mit einer Ampel, wie sie in anderen Ländern bereits verwendet wird.

Nein, das ist doch völlig irreführend. Denn dann haben sie für Fett-, Zucker- und Salzgehalt jeweils die Ampelsignale, die dann zu folgenden skurrilen Beschilderungen führen: Ein Lachs würde einmal rot wegen Fett, zweimal gelb bei gesättigten Fettsäuren und Salz und grün bei Zucker bekommen, ein Apfelsaft ist einmal rot bei Zucker und ansonsten dreimal Grün. Da halte ich die Nährwertangaben auf den Packungen für sehr viel hilfreicher.

Die meist nur mit Lupe zu entziffern sind und von Kinder überhaupt noch nicht verstanden werden.

Das Problem ist doch aber, es gibt keine generell gesunden oder ungesunden Lebensmittel. Und deshalb ist die Ampel zu simpel. Fakt ist auch, dass viele Eltern es schaffen, ihren Kindern das Wissen zu vermitteln, wie sie sich gesund und ausgewogen ernähren und wie sie Werbung einschätzen müssen und damit umzugehen haben. Jedes der von Foodwatch kritisierten Produkte können Kinder im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung bedenkenlos essen, es kommt eben auf eine gesunde Mischung an.

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