HDE-Präsident Sanktjohanser: "Bis zu 50.000 Läden werden verschwinden"

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InterviewHDE-Präsident Sanktjohanser: "Bis zu 50.000 Läden werden verschwinden"

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Josef Sanktjohanser, Präsident des Einzelhandelsverbands

von Henryk Hielscher

Der Präsident des Deutschen Handelsverbandes, Josef Sanktjohanser, sieht 50.000 Läden in Gefahr. Vor einem Gespräch mit Wirtschaftsminister Gabriel spricht er Klartext und fordert neue Regeln für Netzgiganten wie Amazon.

WirtschaftsWoche: Herr Sanktjohanser, am Dienstag wollen Sie mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel über die Lage im Handel sprechen. Geht es der Branche so schlecht, dass Sie Hilfe von der Politik brauchen?

Josef Sanktjohanser: Es gibt eine Teilung im Handel. Der Gesamtmarkt stagniert, während der Online-Handel stark wächst. Die großen Handelsketten können damit gut umgehen. Einen Großteil der Erlöse, die sie im klassischen Verkauf verlieren, nehmen sie über ihr eigenes Online-Geschäft wieder ein. Heikel ist die Situation dagegen für viele mittelständische Händler, denen oft das Geld und das Know-how fehlen, um ihre Waren auf allen Kanälen zu verkaufen.

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Zur Person

  • Josef Sanktjohanser

    Sanktjohanser, 64, ist seit 2006 Präsident des Einzelhandelsverbands HDE. Von 2004 bis 2012 war er Mitglied im Rewe-Vorstand.

Welche Folgen hat das?

Wir rechnen damit, dass in den kommenden fünf Jahren bis zu 50.000 Läden vom Markt verschwinden werden. Das betrifft Tausende Arbeitsplätze vor allem in Geschäften in strukturschwachen Gebieten. Der Betrieb der Läden rechnet sich schon heute vielerorts nicht mehr, weil die Kundenfrequenz eingebrochen ist. Das liegt nicht nur am Online-Handel, sondern auch an Faktoren wie der demografischen Entwicklung und der Abwanderung der Menschen in größere Städte. Vielen Klein- und Mittelstädten droht so die Verödung.

Download für 1,99 Euro Wie deutsche Städte für den digitalen Wandel im Handel gerüstet sind

Eine Studie im Auftrag der WirtschaftsWoche zeigt, welche Städte abseits der Metropolen für den digitalen Wandel im Handel gerüstet sind – und welche nicht.

Studie Handel

Die wird auch Minister Gabriel nicht stoppen können.

Die Politik kann aber dazu beitragen, dass Innenstädte attraktiv bleiben. Über die Dialogplattform Einzelhandel wollen wir das Bewusstsein dafür schärfen, dass vom Staat mehr Geld in die Infrastruktur investiert werden muss – etwa um Stadtzentren und Straßen zu sanieren. Gleichzeitig drängen wir auf Reformen im Bau- und Steuerrecht, um den Händlern Investitionen zu erleichtern. Nicht zuletzt brauchen wir aber einheitliche Spielregeln im Markt. Derzeit werden die klassischen Händler gegenüber Online-Anbietern diskriminiert.

Wo sehen Sie denn Nachteile für die Geschäfte vor Ort?

Das fängt bei den Öffnungszeiten an und reicht bis zur Steuergesetzgebung. Nehmen Sie die Debatte um Amazon und Co. Es ist schwer nachzuvollziehen, dass ein Konzern, der in Deutschland Milliardenumsätze erzielt, hierzulande keine Gewinn- und Gewerbesteuern zahlt. Das Thema Steuergerechtigkeit werden wir im Rahmen der Dialogplattform sicherlich ansprechen.

Informations- und Kaufverhalten der Deutschen

  • Zur Studie
  • Zur Umfrage

    Frage: Wie häufig trifft dieses Verhalten auf Sie zu

    Zahl der Befragten: 1012


    Quelle: „Aktueller Stand der Nutzung von LBS im Jahresvergleich“ – Studie der Hochschule Niederrhein, des HDE und Kaufda

  • Online-Recherche und dann Kauf im Geschäft

    „Sehr oft“: 39 Prozent
    „Öfter“: 18 Prozent

  • Ausschließlich Online-Kauf ohne vorherigen Geschäftsbesuch

    „Sehr oft“: 37 Prozent
    „Öfter“: 18 Prozent

  • Informationssuche in verschiedenen Medien vor dem Online-Kauf

    „Sehr oft“: 30 Prozent
    „Öfter“: 14 Prozent

  • Ausschließlich Kauf in Geschäften ohne Online-Recherche

    „Sehr oft“: 22 Prozent
    „Öfter“: 9 Prozent

  • Besuch eines Geschäftes vor dem Online-Kauf

    „Sehr oft“: 14 Prozent
    „Öfter“: 13 Prozent

  • Kauf im Geschäft nach mobiler Online Recherche

    „Sehr oft“: 10 Prozent
    „Öfter“: 14 Prozent

  • Online-Kauf im Geschäft

    „Sehr oft“: 8 Prozent
    „Öfter“: 17 Prozent

Das klingt fast so, als wären Sie vom HDE zur Gewerkschaft Verdi gewechselt.

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Ich kann Sie beruhigen, bei der Frage, ob Amazon nach Einzelhandelstarif bezahlen soll, vertreten wir eine grundlegend andere Auffassung als Verdi. Zwar ist Amazon ein Händler, weshalb es mit dem Management immer wieder Gespräche über eine Mitgliedschaft im HDE gibt. Aber die Tätigkeit im Lager, um die es beim Streit zwischen Verdi und Amazon geht, ist natürlich eine reine Logistik-Arbeit, die auch nach dem entsprechenden Tarif bezahlt werden kann. Das handhaben andere Handelsunternehmen ganz ähnlich.

Worum werden sich die Tarifgespräche mit Verdi im Sommer drehen?

Ein Punkt sind sicherlich Lohnerhöhungen, die aus Sicht der Beschäftigten nachvollziehbarerweise gefordert werden. Da sehe ich gute Chancen auf eine Einigung. Für uns ist es aber genauso wichtig, einen zukunftsfähigen Tarifvertrag durchzukriegen, der endlich auch Themen wie die Digitalisierung abbildet. Dabei gilt es etwa, Qualifikationen und Lohngruppen neu zu sortieren. Das ist sicherlich ein ganz dickes Brett, aber im Zweifel werden wir verhandeln, bis die Hölle einfriert. Es muss sich etwas tun.

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2 Kommentare zu HDE-Präsident Sanktjohanser: "Bis zu 50.000 Läden werden verschwinden"

  • Für diejenigen die es noch nicht begriffen haben, auch gern nochmal zum gaanz langsamen Nachlesen:
    Der Niedergang des Einzelhandels in den Innenstädten ist überwiegend ein Ergebnis der mehrheitlich rotzgrünen Verkehrspolitik in Großstädten. Wer die Autofahrer systematisch schikaniert und aus den Innenstädten vertreibt und aus Parkplätzen flächendeckend Radwege macht, darf sich nicht wundern, wenn ein Großteil der Kunden ins Umland oder/und ins Internet ausweicht. Dazu kommt die Einrichtung von kilometerlangen 15-20m breiten Fußgängerzonen, die dafür sorgen, daß die Passanten nicht mehr vor den Schaufenstern vorbeilaufen und etwas Angebotenes sehen und die Nachts bis auf einige Besoffene und Kriminelle praktisch menschenleer sind, weil dort niemand mehr wohnen will. Ich erlebe diese Entwicklung in meiner Heimatstadt seit ca. 30 Jahren, es tut mir weh, diese Entwicklung vorhergesehen zu haben, ohne etwas dagegen tun zu können und ich kann mir gut vorstellen, daß es anderswo ähnlich aussieht! Das linksgrüne Pack hat die Innenstädte systematisch "autofrei" gemacht und jetzt sind sie KUNDENFREI! (o:)
    Bravo! Glückwunsch!

  • Das Geld und das Know-How fehlen nicht, weil die Ladenbetreiber sich nicht mit Computern auskennen oder arm sind. Es ist doch schlichtweg so, dass der Onlinehandel für Otto-Normal-Händler zeitlich und finanziell zu aufwändig ist, weil zuviele Gesetze und Gesetzesänderungen laufend beachtet werden müssen. Das, was ein Laden mit 1-2 Angestellten an rechtlichen Vorschriften und steuerlichem Papierkram zu bewältigen hat, ist schon enorm. Anwälte nehmen über 150 Euro die Stunde selbst für das Abschreiben von AGB bei Amazon. Die Herren Anwälte haben mit 19% Anteil an Bundestagsabgeordneten die größte Lobby hierzulande und wollen, dass das so bleibt!

    Amazon stärker zu besteuern hätte NULL Auswirkung auf deren Preispolitik, denn Amazon ist doch bei den meisten Artikeln eh schon lange nicht mehr unter den günstigsten Onlinehändlern! Es würde zwar ein Gefühlt der Genugtuung für kleingeistige Händlier bringen, aber sonst nichts! Das einzige was helfen kann, ist eine steuerliche und rechtliche Bevorteilung kleiner Unternehmen gegenüber Großunternehmen! Denn: Große Unternehmen können sich ein paar Anwälte leisten, Steuerexperten etc. Kleinen Unternehmen leckt in punkto Steuern und Recht das Geld aus den Kassen. Sowas, wie die Kleinunternehmerregelung in einer Stufe höher wäre eine Idee. Dazu z.B. eine Begrenzung von Abmahngebühren und damit Risikominimierung für kleinere Unternehmen auf ein Minimum. (Wer hat sich diese "Abmahn"-idiotie eigentlich ausgedacht?)

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