Autobauer: Ein Hoffnungsschimmer aus Russland

Autobauer: Ein Hoffnungsschimmer aus Russland

, aktualisiert 01. Februar 2017, 15:22 Uhr
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Der russische Automarkt hat ein katastrophales Jahr hinter sich.

von André BallinQuelle:Handelsblatt Online

Das Jahr 2016 war eine Katastrophe für den russischen Automarkt. Doch der steigende Ölpreis und ein mögliches Ende der Sanktionen lassen Experten wieder hoffen. Für Autobauer wie VW wäre das enorm wichtig.

MoskauDraußen rasen in hoher Geschwindigkeit Autos durch den Moskauer Schneematsch. Drinnen im VW-Autosalon „Deutsches Haus“ ist es dagegen still. In der Woche ist nicht viel los, schon gar nicht am Vormittag. Verkäufer Witali Pawlow sitzt allein und eher gelangweilt am Schreibtisch und füllt ein paar Zettel aus. Schließlich kommt doch ein potenzieller Kunde in den Saal und sieht sich die vier ausgestellten Fahrzeuge an: Tiguan, Touareg, Passat und Polo.

Das sei nicht alles, was sie hätten, versichert Witali dem Mann. Den Jetta habe er noch im Angebot und eine größere Anzahl VW-Nutzfahrzeuge sei in einer anderen Filiale zu bekommen. Doch den Kunden interessiert ein Golf. „Der wird nicht mehr importiert, die Nachfrage ist zu schwach“, sagt Witali.

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Tatsächlich taucht der Golf nicht einmal in der vom Verband der europäischen Auslandsinvestoren (AEB) herausgegebenen Statistik der 25 meistverkauften Autos in Russland auf. Nur der in Kaluga südwestlich von Moskau produzierte Polo schafft es auf Rang fünf. Dafür sind gleich drei Lada-Modelle in den Top-10.

Allerdings war 2016 insgesamt eine Katastrophe für Russlands Autohändler. Gerade einmal 1,4 Millionen Neuwagen wurden im vergangenen Jahr in Russland verkauft; ein Minus von elf Prozent gegenüber 2015. Noch 2012 waren es mit knapp drei Millionen Autos doppelt so viele. 300 Autohändler mussten im Jahresverlauf dicht machen.

Von Moskaus einst hochfliegenden Ambitionen, Deutschland als Automarkt Nummer eins in Europa ablösen zu wollen, ist wegen Rubelkrise und sinkenden Reallöhnen der Russen wenig übriggeblieben. Doch immerhin sehen Experten nun einen Aufwärtstrend: Jörg Schreiber, Leiter des Automobilkomitees bei der AEB, prognostizierte dem Markt bereits zu Jahresbeginn ein „bescheidenes Wachstum“ von vier Prozent. Die Ratingagentur Moody's rechnet damit, dass das Volumen der Autokredite um 2 bis 7 Prozent zulegt.

Die Analysten des Informationsdienstleisters IHS sind sogar noch optimistischer: 2017 werde der russische Markt um 8,5 Prozent wachsen und 2019 die Schwelle von zwei Millionen verkauften Neuwagen wieder überschreiten. Bis 2026 sei sogar der Anstieg auf drei Millionen Pkw möglich. Voraussetzungen dafür seien allerdings ein steigender Ölpreis und die Abschaffung der westlichen Sanktionen gegen Russland, die IHS schon im zweiten Halbjahr 2017 fallen sieht.


Verbraucher haben Nachholbedarf

Russische Experten gehen für dieses Jahr sogar von zehn Prozent Wachstum aus. Neben dem wieder etwas erstarkten Rubel wird auch der Nachholbedarf der Verbraucher als Ursache genannt. Viele Russen haben den Autokauf wegen der unsicheren Wirtschaftslage in den letzten Jahren verschoben.

Vor allem westliche Automobilhersteller hoffen auf wachsende Kaufkraft in Russland. Denn der Rückgang der Verkaufszahlen hat sie trotz einer teilweise bereits erfolgten Verlagerung der Produktion stärker als einheimische Hersteller getroffen: Für Volkswagen beispielsweise bedeutet der schleppende Absatz des Passat-Modells, dass das VW-Werk in Emden, das auch für den russischen Markt arbeitet, dieser Tage tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken musste.

Die Verluste bei den billigeren russischen Automarken Lada, UAZ und Gaz halten sich hingegen in Grenzen. Lada-Produzent Avtovaz verlor zwar in absoluten Zahlen, konnte seinen Marktanteil nach einer jahrelangen Schrumpfkur 2016 wieder um fast zwei Prozent auf 18,7 Prozent steigern. Gaz und UAZ konnten in dem schwierigen Umfeld sogar leicht zulegen.

Der US-Gigant General Motors hat sein Werk in St. Petersburg stillgelegt. Doch für die meisten Hersteller kommt ein Rückzug aus Russland nicht infrage; nicht nur wegen der schon getätigten Millioneninvestitionen, sondern auch weil die russische Regierung den eigenen Markt immer noch abschottet. Zwar senkten sie ihre Produktion in Russland, aber der Rückgang fiel mit 7,8 Prozent weniger stark aus als der Nachfrageeinbruch.

Ungeachtet der Krise gibt es sogar Pläne zum Aufbau weiterer Autofabriken im Land: Zuletzt hat sich Daimler nach jahrelangem Zögern für die Eröffnung eines 300 Millionen Euro teuren Werks im Gebiet Moskau entschieden. 2018 sollen die Bauarbeiten an der Fabrik beginnen, ein Jahr später schon die ersten Modelle der Mercedes C- und E-Klasse dort vom Band laufen. Angesichts der neuen Verkaufsprognosen scheint das Timing gut gewählt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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