Volkswagen und Prevent: Fauler Kompromiss im Lieferstreit

Volkswagen und Prevent: Fauler Kompromiss im Lieferstreit

, aktualisiert 24. August 2016, 16:36 Uhr
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Während eine Einigung zwischen Volkswagen und den beiden Lieferanten in Deutschland in Sicht ist, geht der Streit mit der Prevent-Gruppe in Brasilien weiter.

Quelle:Handelsblatt Online

Nach dem beispiellosen Konflikt mit Zulieferern der Prevent-Gruppe in Deutschland benötigt Volkswagen noch einige Tage, bis die Produktion wieder wie gewohnt läuft. Doch dem Autobauer droht weiter Ärger in Brasilien.

Braunschweig/Wolfsburg/Sao PauloNach dem beigelegten Streit mit zwei Zulieferern über fehlende Bauteile steuert der Autobauer Volkswagen in Deutschland wieder zurück zur Normalität. Die Produktion dürfte schon am kommenden Montag wieder regulär laufen, hieß es am Mittwoch aus dem Konzern

Nicht gelieferte Getriebe-Gussteile und Sitzbezüge hatten den Takt in den Fabriken durcheinandergewirbelt – bis hin zu Produktionsstopps und Kurzarbeit. In Emden, Wolfsburg, Zwickau, Kassel, Salzgitter und Braunschweig konnten 27.700 Menschen nicht so arbeiten wie geplant.

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Nach dem Durchbruch bei den Verhandlungen am Dienstagmorgen zeichnet sich nun allmählich die Wende ab. Die ärgsten Folgen seien für das Getriebe-Werk in Kassel bereits ausgeräumt. Bis zu der Einigung mit den Zulieferern hatte es noch am Dienstag so ausgesehen, dass die Fertigung der betroffenen Getriebe für den Golf in Kassel an diesem Donnerstag ganz zum Erliegen kommt. Dieser Produktionsstopp drohe nun nicht mehr.

VW hatte sich heftig mit den sächsischen Zulieferern ES Automobilguss und Car Trim gestritten. Sie gehören zur Prevent-Gruppe. Von Anfang August an hatten die zwei Teilehersteller Sitzbezüge und Gussteile nicht mehr ausgeliefert. Da die Branche mit extrem eng getakteten Lieferketten arbeitet, waren die Folgen schnell drastisch. Das Werk für den VW-Passat in Emden stand zuerst still, 7.500 Mitarbeiter sollten in Kurzarbeit. Dann legten die fehlenden Getriebeteile die Produktion des Kernmodells Golf im Wolfsburger Stammwerk lahm.

Schließlich zog sich der Kreis auch zum Schwesterwerk Zwickau, das den Golf und Passat baut. Die Komponentenwerke Salzgitter (Motoren), Kassel (Getriebe- und Abgasanlagen) und Braunschweig (Fahrwerk- sowie Kunststoffteile) betraf es schließlich auch. Nur bedingt können Autobauer die laufende Produktionsplanung umsteuern. Die Teile erreichen die Werke nicht nur pünktlich („just in time“), sondern in der Reihenfolge der geplanten Modelle am Band („just in sequence“).

Bei den fehlenden Getriebeteilen verlässt sich VW nur auf ES. Diese Ein-Quellen-Beschaffung hilft beim Sparen, ist aber riskant, wie sich nun eindrucksvoll zeigte. Zur Abwendung des Lieferstopps mühte sich der Autobauer einerseits vor Gericht, suchte aber andererseits auch eine gütliche Einigung mit den Zulieferern. Am Dienstagmorgen gelang dann der Kompromiss. Beide Seiten mussten dabei Zugeständnisse machen.

Auslöser des Streits war nach Angaben aus Konzernkreisen ein Zukunftsprojekt für Sitzbezüge. Es soll einen Wert über 500 Millionen Euro haben. VW stieg dabei aus, Fragen zu Qualität und Preisen sollen eine Rolle gespielt haben. Car Trim erhob wegen seiner Vorleistungen Forderungen, die VW für falsch hielt. So eskalierte der Streit.

Kern der Einigung soll den Informationen zufolge unter anderem eine Entschädigungszahlung von VW sein. Zudem haben die Partner Regeln für die Fortsetzung ihrer Zusammenarbeit festgezurrt. VW soll seinerseits Zugeständnisse in puncto Qualitätsbewertung ausgehandelt haben. Von ähnlichen Informationen berichtete zuerst die „Süddeutsche Zeitung“.

Demnach gehört zu dem Kompromiss auch, dass sich Volkswagen bei den nötigen Getriebeteilen in den kommenden sechs Jahren einen weiteren Lieferanten suchen darf – allerdings „nur im Umfang von 20 Prozent“. Außerdem sei eine Vertragsstrafe vereinbart worden, sollten künftig Lieferungen ausfallen. VW und die Zulieferer äußern sich nicht dazu.

Nach dem Ende des Lieferstopps rechnet das Landgericht Braunschweig auch mit der Beilegung des dort noch anhängigen Rechtsstreits. Der Autobauer hatte bei Gericht einstweilige Verfügungen gegen die beiden Lieferanten erwirkt und Anträge auf den Weg gebracht, mit denen die fehlenden Bauteile zur Not hätten beschlagnahmt werden können.


Neues Verhältnis zwischen Zulieferern und Autobauern

Das Landgericht rechnet nun mit einer Wende – VW könnte etwa die Anträge zurückziehen. „Wir erwarten das natürlich, aber eingegangen ist hier noch nichts“, sagte ein Sprecher am Mittwoch. Daher stehe bisher noch der Termin einer mündlichen Verhandlung am 31. August.

Während eine Einigung zwischen Volkswagen und den beiden Lieferanten in Deutschland in Sicht ist, geht der Streit mit der Prevent-Gruppe in Brasilien weiter. Die dortige Tochter des Autobauers erklärte nun, der seit Monaten anhaltende Konflikt werde vor Gericht geklärt werden müssen.

Seit März 2015 sei die Fertigung von etwa 130.000 Fahrzeugen in drei Werken ausgefallen. In Deutschland hatte sich Volkswagen mit zwei Prevent-Unternehmen nach einem 20-stündigen Verhandlungsmarathon auf ein Ende eines Lieferstreiks verständigt. Dieser hatte zu Produktionsausfällen in mehreren VW-Werken geführt.

Das Verhältnis zwischen Zulieferern und Autobauern steht auch ohne den Lieferstopp bei VW vor neuen Vorzeichen. Digitalisierung und Elektromobilität drängen mit Macht in die Branche. Autos werden Teil des Internets, Verbrennungsmotoren scheinen angesichts schwindenden Öls und der Abgasprobleme in den Innenstädten nur noch eine endliche Zukunft zu haben. Die großen Spieler bei der Digitalisierung sitzen aber in den USA, Autofirmen haben Nachholbedarf. Bei den für E-Autos wichtigen Batterien hat Asien längst mehr Kompetenz als Deutschland.

VW begegnet dieser Herausforderung unter anderem mit einer Initiative für seine Zuliefererauswahl. „Die Automobilindustrie steht vor disruptiven Veränderungen und dadurch vor enormen Herausforderungen“, sagte Einkaufschef Francisco Javier Garcia Sanz im Juni. Mit der Initiative FAST (Future Automotive Supply Tracks) strebe der Konzern einen strategisch intensiveren Austausch mit seinen Lieferanten an, um Zukunftstechnologien stärker voranzutreiben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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